Ukraine-Krieg: Putins falsches Kalkül

Es ist erst der vierte Tag des russischen Einmarschs in die Ukraine, aber er hat bereits zu unvorstellbaren politischen Veränderungen geführt - die meisten davon positiv, schreibt Georgi Gotev, leitender Redakteur bei EURACTIV.

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Ukrainian flags hoisted in front of the European Parliament
In den Medien wird die EU oft für ihren Mangel an Einigkeit kritisiert, aber heute könnte man ausnahmsweise sagen, dass der Einigkeit der EU Beifall gebührt. [Stepahnie Lecocq/EPA-EFE]

Es ist erst der vierte Tag des russischen Einmarschs in die Ukraine, des schlimmsten Kriegs in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, aber er hat bereits zu unvorstellbaren politischen Veränderungen geführt – die meisten davon positiv, schreibt Georgi Gotev, leitender Redakteur bei EURACTIV.

Die EU war auf eine solch massive Invasion nicht vorbereitet. Stattdessen rechnete man in Brüssel mit einem eher begrenzten Angriff, und die im Vorfeld vorbereiteten Sanktionen waren ebenfalls eher begrenzt.

In einem Paralleluniversum hätte ein kleiner Einfall in Kombination mit schwachen EU-Sanktionen zu einem schnellen Sieg des Kremls geführt und Wladimir Putin hätte seinen Krieg gewonnen. Doch die Dinge entwickeln sich anders.

Der Wendepunkt waren die heldenhafte Reaktion der Ukrainer:innen, ihr effektiver Widerstand gegen die massive russische Invasion und die erheblichen Rückschläge, die die russische Armee erlitt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, ein ehemaliger Schauspieler, den viele nicht für einen „richtigen“ Politiker hielten, hat sich als Staatsmann erwiesen, von dem der Westen nur träumen kann.

Derweil reagierten die EU und der gesamte Westen mit harten Sanktionen, die alles übertrafen, was der Kreml hätte erwarten können.

In den Medien wird die EU oft für ihren Mangel an Einigkeit kritisiert, aber heute könnte man ausnahmsweise sagen, dass der Einigkeit der EU Beifall gebührt.

Trotz des starken Einflusses des Kremls in vielen Hauptstädten schlossen sich selbst die üblichen Verdächtigen, von denen man erwartet hätte, zwischen den Stühlen zu sitzen, der Solidarität mit der Ukraine an. Trotz der üblichen Befürchtungen über russische Gegensanktionen hat die EU sich tapfer gezeigt und bewiesen, dass sie bereit und in der Lage ist, alle Konsequenzen zu tragen.

Deutschland als wichtiges EU-Mitglied hat seine traditionelle Beschwichtigungspolitik gegenüber Russland auf den Kopf gestellt, was wahrscheinlich die größte tektonische Veränderung in Europa seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 darstellt. Auch andere EU-Länder, die bisher zögerten, der Ukraine Waffen zu liefern, schicken dem Land nun die benötigte militärische Ausrüstung.

Wer hätte das noch vor einer Woche gedacht?

Die EU hat sich auch großzügig gezeigt und ist bereit, so viele Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, wie nötig. Polen, ein Land, das dafür bekannt ist, dass es Migranten aus dem Nahen Osten nur ungern aufnimmt, ist führend bei der Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge.

Die EU hat auch ihre eigene Regel gebrochen, ihr Budget nicht für den Kauf von Waffen auszugeben, und etwa 500 Millionen Euro für Waffenlieferungen an die ukrainischen Streitkräfte freigegeben. Ein weiteres Tabu geht den Bach runter.

Auch die Einstellung zur künftigen EU-Erweiterung ändert sich. Die EU-Mitglieder betrachten die Ukraine nicht nur als künftiges Mitglied des Klubs, einige fordern sogar ihren sofortigen Beitritt (so weit hergeholt dies auch erscheinen mag). Hätte jemand dies vor einer Woche angedeutet, hätten wir ihn für verrückt erklärt.

Heute sind sich alle einig: Der Verrückte ist Putin. Er ist in der Tat die gefährlichste Person der Welt, denn er hat den Finger auf dem Atomknopf. Es ist auch klar, dass Putin nicht der große Schachmeister der Politik ist, für den ihn viele (einschließlich Putin selbst) hielten.

Vielmehr ist er genau das, wonach er aussieht: ein kranker Mann, von der Realität abgekoppelt und vollgepumpt mit Botox und Steroiden.

Wir wissen zwar nicht, wie die ganze Geschichte ausgehen wird, aber am vierten Tag können wir auf jeden Fall sagen: „Ruhm für die Ukraine!“