Wie Europa die tiefe Kluft überwinden kann

Wie könnte die europäische Gemeinschaft neu belebt und das Wachstum nach acht Jahren der Stagnation wieder angekurbelt werden? Mit dieser Frage wandte sich das McKinsey Global Institute an die Allgemeinheit und schrieb Anfang dieses Jahres einen Essay-Wettbewerb aus

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Lässt sich die europäische Gemeinschaft neu beleben? [Foto: MGI-Essay-Wettbewerb]

Wie könnte die europäische Gemeinschaft neu belebt und das Wachstum nach acht Jahren der Stagnation wieder angekurbelt werden? Mit dieser Frage wandte sich das McKinsey Global Institute an die Allgemeinheit und schrieb Anfang dieses Jahres einen Essay-Wettbewerb aus.

Über 400 Personen aus aller Welt nahmen daran teil. Nun liegen die Ergebnisse vor – und sie sind ernüchternd. Zwar werden erfrischende Lösungen vorgeschlagen, die zum Nachdenken anregen. Doch zeichnen die Essays ein düsteres Bild von Europas Image in der Öffentlichkeit. Der Staatengemeinschaft fehle es an einem klaren Ziel, die politische Führung habe sich von den Alltagssorgen der Menschen entfernt, die europäische Idee zünde bei den Bürgern nicht mehr, so der Tenor.

Der EU “fehlt es weder an guten Ideen noch an Ansätzen für deren Umsetzung. Die Kluft, die die Gemeinschaft durchzieht, scheint gemeinsamer Impetus für die Suche nach Antworten zu sein“, schreibt einer der Autoren. Ein anderer konstatiert: “Die Untergrabung der Wachstumstreiber Europas ist ein gefährliches Gegennarrativ, das immer mehr verfängt; eines, das die EU als ineffizienten Dieb nationaler Souveränität mit nur einem Ziel porträtiert: der Bereicherung einer ohnehin vermögenden „Elite“ auf Kosten eines Mitgliedsstaates (welches, sei dem Leser überlassen). Die zunehmende Globalisierung geht mit Problemen und Spannungen einher – und die EUR trägt in diesem Gegennarrativ die Schuld daran.“

Die gute Nachricht ist: Die Autoren haben konkrete Ideen, wie diese Kluft überwunden werden kann. Ihre Vorschläge können drei Kategorien zugeordnet werden. Die der Kategorie 1 empfehlen, eine neue europäische Idee zu entwickeln, und raten politischen Entscheidungsträgern und Institutionen zu echter Nähe zu den Bürgern – nur gemeinsam mit ihnen könne die neue Idee entstehen. Mehr Transparenz und eine effektive Kommunikation seien dafür essenziell. Einige Essayisten gehen einen Schritt weiter und zeigen auf, wie die Europäer an der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft beteiligt werden können. So schlägt ein Autor die “größte Konsultation der Öffentlichkeit seit Bestehen der EU vor”, eine ein-, wenn nicht gar mehrjährige Diskussion über “gemeinsames Engagement für Wachstum“. Sie bilde das Fundament der künftigen Idee Europas als „Sozialmacht“, die die Lebenssituation ihrer Bürger verbessere. Andere Essayisten schlagen digitale Plattformen für das Crowdsourcing von Lösungen vor oder regen europaweite Wettbewerbe an, die zu kreativen Ideen verhelfen und die öffentliche Diskussion befeuern sollen.

Auch in den Vorschlägen der Kategorie 2 geht es um die Idee von Europa; sie sei bisher weitgehend abstrakt, zuweilen geschmäht und nun fassbarer zu machen. Die Autoren empfehlen, ein Maßnahmenpaket zu schnüren, das den Alltag der Bürger spürbar zum Positiven verändert. So schlagen sie unter anderem vor, Europas Bürger näher zusammenzubringen und Erasmus-Programme – eigentlich an Studierende gerichtet – auf Auszubildende und Berufsanfänger auszuweiten. Andere Essayisten empfehlen die Einrichtung eines digitalen Streaming-Dienstes für alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa; er soll den Bürgern schnellen Einblick in die Medienberichterstattung anderer Länder geben. Auch die Schaffung digitaler Plattformen wird angeregt, zum Beispiel um öffentliche Daten europaweit zugänglich zu machen oder wissenschaftliche Dokumente in sämtlichen Sprachen zu veröffentlichen.

In die dritte Kategorie fallen Maßnahmen, mit denen Europas Wachstum auf unkonventionelle Weise aus der Stagnation herausgeführt und die Staatengemeinschaft neu belebt werden soll – und die die großen Probleme beseitigen sollen, um deren Lösung die europäische Politik immer noch ringt. So schlagen mehrere Essayisten vor, wie der Zustrom von Migranten besser gesteuert werden kann, und zeigen, wie die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt. Ein anderer Autor schlägt vor, die Europäische Zentralbank Geld drucken zu lassen, um überschuldeten Mitgliedsländern ihre Verbindlichkeiten abzukaufen und danach zu erlassen. Ebenfalls zu den unkonventionellen Vorschlägen gehören Finanzinstrumente wie Anleihen zur Bekämpfung des Klimawandels. Sie sollen zu Investitionen anregen und helfen, Umweltprobleme in den Griff zu bekommen. Auch die Nord-Süd-Spaltung in der EU könnte überwunden werden, meint ein Wettbewerbsteilnehmer: mit steuerbefreiten Auslandsinvestitionen in Länder mit Leistungsbilanzdefizit.

Reformen werden grundsätzlich umstritten sein, wenn nicht diejenigen, die sich als ihre Verlierer sehen, entschädigt werden, konstatiert ein Autor – und schlägt das Konzept „Reform gegen Geld” vor. Dieses Konzept sieht unter anderem BIP-wachstumsindexierte Aktienangebote an Arbeitskräfte vor, deren Industrien vom ausländischen Wettbewerb betroffen sind. So können auch sie an den positiven Veränderungen teilhaben.

Diese und viele andere Vorschläge haben uns aufhorchen lassen. Zwar lautet die grundlegende Botschaft der Essays, dass Europas Behörden den Kontakt zum Bürger verloren haben. Doch sie verkünden noch eine zweite, ungleich optimistischere: Es gibt die Begeisterung für ein dynamisches Europa, und sie ist groß. Es herrscht kein Mangel an innovativen, frischen Ideen, wie das Vertrauen in die EU wieder hergestellt werden kann. Auf dieser Begeisterung gilt es aufzubauen – und dafür zu sorgen, dass die besten Ideen eine große Zuhörerschaft finden und umgesetzt werden.

Pascal Lamy, President Emeritus des Jacques Delors Institute, ehemaliger Director General der Welthandelsorganisation und ehemaliger EU-Kommissar, war Vorsitzender der Jury des MGI-Essay-Wettbewerbs. Eric Labaye ist Chairman des MGI. Die prämierten Essays und eine Zusammenfassung der wesentlichen Themen finden Sie auf der Website des MGI unter www.mckinsey.com/mgi