Algorithmusfehler wohl Mitursache für Überschwemmung in Italien

Die Überschwemmungen, die am Wochenende die italienische Region Marken verwüsteten und bei denen elf Menschen ums Leben kamen und bis zu neun noch vermisst werden, hätten wohl zumindest teilweise vermieden werden können, wenn ein Wettervorhersage-Algorithmus genauer funktioniert hätte.

EURACTIV.it
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Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi bei einem Besuch in der Region Marken, wo ein nächtliches Gewitter Sturzfluten verursacht hat, in Pianello Di Ostra, Italien, 16. September 2022. [[EPA-EFE/CHIGI]]

Die Überschwemmungen, die am Wochenende die italienische Region Marken verwüsteten und bei denen elf Menschen ums Leben kamen und bis zu neun noch vermisst werden, hätten wohl zumindest teilweise vermieden werden können, wenn ein Wettervorhersage-Algorithmus genauer funktioniert hätte.

Statt dann und dort, wo er tatsächliche stattfand, war der heftige Wolkenbruch über der benachbarten Region Toskana und zu einem anderen Zeitpunkt vorhergesagt worden, was die Art und Weise beeinflusste, wie die lokalen Behörden mit der Notlage umgingen.

Die Bevölkerung wurde von den plötzlichen starken Regenfällen und den über die Ufer getretenen Flüssen überrascht, die Autos einklemmten und in Häuser strömten.

„Die Wettermodelle der Welt, die auf Gleichungen und Algorithmen beruhen, haben eine räumliche Auflösung von neun Kilometern, was bedeutet, dass wir alle neun Kilometer einen Punkt haben“, sagte Bernardo Gozzini, Direktor des Wettervorhersagezentrums CNR-Lamma, der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera.

„Heute sehe ich, dass ein sehr starkes Gewitter zu erwarten ist, aber ich habe Schwierigkeiten zu wissen, wo und wann. Die Ungewissheit hängt in diesem Fall mit dem Modell zusammen“, erklärte Gozzini.

In diesem Fall wurde für die Region Marken nur etwas Regen vorhergesagt, der größte Teil des Niederschlags sollte laut dem Modell dagegen die Toskana zu einer anderen Tageszeit treffen.

Unter Meteorolog:innen herrscht weitgehende Einigkeit, dass die Verantwortung für das Unglück mit der Ungenauigkeit des Systems der Wettervorhersagen zusammenhängt.

Die EU arbeitet derzeit an einer Verordnung, in der die Regeln für auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende Systeme auf der Grundlage ihrer potenziellen Gefährdung der menschlichen Sicherheit festgelegt werden.

Obwohl der Entwurf des KI-Gesetzes Wettervorhersagesysteme nicht ausdrücklich erwähnt, wird das Management kritischer Infrastrukturen, einschließlich der Wasserversorgung, mit der höchsten Risikostufe belegt. Folglich müssten diese Modelle strenge Anforderungen an Genauigkeit und Robustheit erfüllen.

Es stellt sich jedoch die grundsätzliche Frage, ob die Technologie ausgereift genug ist, um die steigende Zahl der durch den Klimawandel verursachten katastrophalen Ereignisse mit genügender Genauigkeit vorauszusagen.

In den kommenden Monaten soll in Bologna ein Projekt anlaufen, bei dem neue Technologien des Europäischen Klimadatenzentrums zum Einsatz kommen. Ziel ist es, die Fehlermarge von neun auf fünf Kilometer zu reduzieren. Eine Korrektur, die Gozzini noch für unzureichend hält.

„Das wird nicht ausreichen“, betonte er. „Wir müssen das sogenannte Now-Casting entwickeln, also Vorhersagen vor Ort, die es uns ermöglichen, die Entwicklung dessen, was die Modelle vorhersagen, in Echtzeit zu verfolgen und so die Fehlermarge zwischen Vorhersage und Realität zu verringern.“

Mangelnde Wartung, Bürokratie, falsche Warnungen

Das auf regionaler Ebene funktionierende Präventionssystem, das ersten Analysen zufolge mehrere Fehler gemacht hat, wird ebenfalls verantwortlich gemacht.

Innerhalb weniger Stunden stieg der Pegel des Flusses Misa, der bereits in der Vergangenheit zahlreiche Überschwemmungen verursacht hatte, von 20 Zentimeter auf über fünf Meter an.

Laut den Bürgermeister:innen der betroffenen Gemeinden hatte die Wetterwarnung jedoch vor einer ganz anderen Situation gewarnt.

„Wir haben keine besondere Warnung erhalten, nur eine gelbe Warnung für Wind und Regen vom Katastrophenschutz. Nichts, was eine solche Katastrophe hätte vorhersagen können“, sagte Maurizio Greci, der Bürgermeister der kleinen Stadt Sassoferrato.

Die Instandhaltung der Brücken über den Fluss Misa steht auch im Mittelpunkt der laufenden Debatte darüber, was hätte getan werden können, um die Katastrophe zu verhindern.

Nach der Überschwemmung von 2014 waren 2018 zwei Ausschreibungen für dringende Instandhaltungsarbeiten veröffentlicht worden.

Die Ausschreibungen umfassten die Erneuerung des Belags der Barrieren und die Beseitigung von Schutt. Unvorhergesehene Umweltverträglichkeitsverfahren beschränkten die Sicherheitsarbeiten jedoch auf einen vier Kilometer langen Abschnitt des Flusses.

Die Rolle des Klimawandels

Auch der Klimawandel spielte eine Rolle bei der Katastrophe. Nach monatelanger Trockenheit fiel während des Unwetters mehr als ein Drittel des Regens, der normalerweise das ganze Jahr über in der Region fällt. Das bedeutet, dass die Anomalie nicht in der Menge, sondern in der Verteilung liegt.

„Das Jahr 2022 wird als das Jahr der Dürre in Mittel- und Norditalien in Erinnerung bleiben“, so Gozzini. „Wir sind nicht in der Lage, das Wasser zurückzuhalten, das nicht in die Grundwasserleiter fließt, sondern ins Meer zurückkehrt. Aus der Sicht des Klimawandels gibt es keine Veränderung in der saisonalen Akkumulation: die gleiche Menge an Wasserfällen wie früher, aber auf eine ganz andere Art und Weise.“

Der Geologe und Klimawandel-Experte Mario Tozzi äußerte sich gegenüber der italienischen Zeitung La Stampa ähnlich.

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es keine Naturkatastrophen mehr. Naturereignisse werden erst durch uns katastrophal. Wir müssen mit solchen Phänomenen außerhalb der Regionen, in denen sie früher auftraten, und außerhalb der kanonischen Jahreszeiten rechnen.“

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi/Alice Taylor]