Atommacht entdeckt die Kraft der Sonne
Frankreich, bisher eher bekannt als führender Atomstromproduzent, will nun Weltmarktführer in Bereich Solarenergie werden. Paris gab den Startschuss für den Wettlauf mit der (deutschen) Konkurrenz.
Frankreich, bisher eher bekannt als führender Atomstromproduzent, will nun Weltmarktführer in Bereich Solarenergie werden. Paris gab den Startschuss für den Wettlauf mit der (deutschen) Konkurrenz.
Die Ankündigung des französischen Energiekonzerns Electricite de France (EDF), die größte Solarfabrik des Landes zu errichten, gilt als Signal, dass Frankreich zu den Weltmarktführern im Geschäft mit der Sonnenergie aufsteigen will.
Solarenergie entwickelt sich zur zunehmend attraktiven Alternative in der Stromerzeugung, seit die europäischen Staats- und Regierungschefs im März 2007 ein verbindliches und EU-weites Ziel gesetzt haben (Siehe EURACTIV Link-Dossier zur EU-Energiepolitik). Demnach sollen im Jahr 2020 zwanzig Prozent des Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt sein.
Im Dezember 2008 vereinbarten die EU-Institutionen eine Richtlinie über die Erneuerbaren Energien. Darin werden für jedes EU-Land nationale Ziele gesetzt. Dies soll den Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix signifikant erhöhen. Im EU-Durchschnitt soll dieser Anteil bis zum Jahr 2020 bei zwanzig Prozent liegen.
Konkurrenz für Desertec
Vorige Woche bekräftige indessen Deutschland seine führende Rolle bei Innovationen in der Solartechnologie. Mit dem Desertec-Plan (EURACTIV.de vom 13. Juli 2009), Sonnenenergie aus der Sahara nach Europa zu bringen, sollen 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs gedeckt werden.
Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich?
Beobachter fragen sich inzwischen, ob Desertec auf den Widerstand Frankreichs stoßen könnte. Französische Energiekonzerne wollen mit Unterstützung aus Paris Atomkraftwerke im Norden Afrikas errichten, speziell in Marroko. Atom- und Solarprojekte werden also um Investitionskapital und politische Unterstützung konkurrieren.
Im Erfolgsfall könnte die vorwiegend von deutschen Unternehmen getragene Desertec-Initiative die politische Vormachtstellung Frankreichs in Nordafrika herausfordern. Schon in der Vergangenheit kam es zwischen Berlin und Paris zu Unstimmigkeiten über die Politik in der Region, speziell bei der Gründung der Mittelmeerunion (EURACTIV.de vom 25. Juni 2009).
Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes beeilte sich gegenüber EURACTIV.de zu betonen, die deutsche Unterstützung für Desertec bewege sich im Einklang mit den französischen Partnern. So habe man die Priorität eines Solarplans für die Mittelmeer-Region "im engen Schulterschluss" mit Paris gesetzt.
Investition von 90 Millionen
Das neue französische Projekt scheint die Antwort auf das deutsche Vorhaben zu sein. EDF EN (Energies Nouvelle) gehört zur Hälfte der staatlichen EDF und kooperiert mit dem amerikanischen Solarzellenerzeuger First Solar. Sie wollen mehr als 90 Millionen Euro investieren. Zum Vergleich: In Desertec sollen 400 Milliarden Euro investiert werden.
Die französische Anlage soll anfangs eine Jahreskapazität von mehr als 100 Megawatt Spitzenleistung haben.
EDF EN wird die Hälfte des Kapitals und der Gründungskosten finanzieren. Im Gegenzug erhält es die gesamte Produktion der ersten zehn Jahre. 300 Menschen sollen in der Fabrik arbeiten, sobald Ende 2011 die volle Kapazität erreicht ist. Die Entscheidung über den Standort ist jedoch noch nicht gefallen.
Frankreich-Debut für First Solar
Errichtung und Betrieb der Anlage wird die erste Beteiligung von First Solar auf dem französischen Markt sein. Bisherige Beteiligungen des amerikanischen Unternehmens laufen in Deutschland, den USA und in Malaysia. Es beruft sich auf die langfristigen Ziele der französischen Regierung, die erst vor kurzem erklärt hatte, bei nachhaltigen Energietechnologien, also auch beim Solarstrom, eine Vorreiterrolle einnehmen zu wollen.
Sarkozys "Umweltrevolution"
Der Investitionsplan korrespondiert mit „Le Grenelle de l’Environnement“, jener Initiative von Präsident Nicolas Sarkozy, mit der er in Grenelle im Oktober 2007 eine Art Umweltrevolution ausgerufen hatte. Die neue Umweltpolitik in Frankreich sollte demnach alle erneuerbaren Energien, also nicht nur Sonne, sondern auch Wind, Biomasse, Erdwärme und Hydraulik, auf die Prioritätenliste der nachhaltigen Entwicklung setzen.
"Wende in der Photovoltaik"
Der französische Minister für Nachhaltige Entwicklung, Jean-Louis Borloo, sagte, diese Investition bedeute einen wahren Wendepunkt in der Photovoltaikindustrie. Sie bestätige, fand der Minister, dass Frankreich mehr denn je in der Lage sei, eine führende Rolle in der Welt zu spielen.
Kampf um Windenergie verloren
Bisher hatte Frankreich den Schwerpunkt seiner Energiepolitik auf Atomstrom gelegt. Nun sucht es Ergänzung durch erneuerbare Energien. Den Kampf um die Marktführerschaft bei der Windenergie hat es an Deutschland, Dänemark und Spanien längst verloren. Nun will Paris im Bereich Solarenergie die Nachbarländer einholen.
Eine Frage des Prestiges?
Sarkozy unterstützt den Mittelmeer-Solarplan, den Deutschland als Leuchtturm-Projekt in die von Frankreich forcierte Mittelmeerunion eingebracht hatte. Damit soll Photovoltaikstrom aus den mediterranen Ländern (Tunesien/Italien und Türkei/Griechenland) gefördert werden.
Allerdings ist die seit dem Gaza-Krieg zerstrittene Gemeinschaft der EU mit den Mittelmeeranrainerstaaten – darunter Israel, Libanon und Ägypten – bislang kaum handlungsfähig. Selbst ein Jahr nach der Gründung konnte man noch kein Sekretariat eröffnen (EURACTIV.de vom 25. Juni 2009).
Deutsche Unternehmen in der Sahara
"Desertec" könnte nun die Beziehungen Nordafrika und Europa auf eine völlig neue Ebene heben und Sarkozy, der die Mittelmeerunion mit großen Worten angekündigt hatte, gegenüber Merkel alt aussehen lassen. Das "spannende und visionäre" Projekt passe gut in die Mittelmeer-Strategie der EU, so Merkel in einer Rede am 24. Juni 2009. Denkbar sei auch, zum Ausbau der Solarenergie in Nordafrika Gelder der EU zu nutzen.
"Deutschland hat sich sehr dafür eingesetzt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Mittelmeeranrainerstaaten und der Europäischen Union, für die wir immerhin bis 2011 rund 13 Milliarden Euro zur Verfügung haben, in Richtung zukunftsträchtiger Investitionen gelenkt wird. Darunter könnten zum Beispiel auch Projekte der Solarenergie sein", sagte Merkel.
Noch bescheidener Markt
Im Vergleich zu Deutschland ist der französische Photovoltaikmarkt ziemlich bescheiden. Der deutsche PV-Markt ist weltweit der größte. Allerdings wächst der französische Anteil. Es wird angenommen, dass er mit Hilfe von Fördergeldern den deutschen, spanischen und italienischen Markt konkurrieren soll.
First-Solar-Chef: "Vertrauensbeweis"
Der Vorstandsvorsitzende von First Solar, Mike Ahearn, sagte, dass das Investment seiner Gesellschaft den festen Glauben an den französischen Markt widerspiegle. "Es ist ein Vertrauensbeweis in die Politik der französischen Regierung seit Le Grenelle de l’Environnement, was der Solarenergie erlaubt, mit anderen Arten von Energie zu konkurrieren." Ahearn ließ keinen Zweifel daran, dass die langfristigen Verpflichtungen der französischen Regierung ein wesentliches Kriterium in der Standortentscheidung war.
Meilenstein in der EDF-Strategie
Der Vorstandsvorsitzende von EDF EN, Pâris Mouratoglou, nannte den Vertrag einen Meilenstein in der Strategie, mit der seine Gesellschaft Weltmarktführer in der Solarindustrie werden wollen. "Wenn wir wettbewerbsfähige Energieversorgung sichern, dann gehört die Beteiligung an der Entwicklung eines großen französischen Solarmarktes grundlegend dazu."
Expertenkritik an Ankündigungspolitik
Reinhold Smonig, Solarenergieexperte in Beruges (Frankreich), machte im Gespräch mit EURACTIV.de jedoch aus seiner kritischen Haltung gegenüber EDF kein Hehl. Die jüngste Ankündigung des Konzerns stehe in einer Reihe von zahlreichen anderen Ankündigungen, aus denen nichts geworden sei, meinte Smonig. Welch Geistes Kind der Konzern sei, zeigten manche Gerichtsverfahren. Energiesparen sei hier keine Kategorie, es gehe EDF nur ums Produzieren und Verkaufen. Der Hersteller eines Gerätes, mit dem Kunden ihren Energieverbrauch um zehn Prozent drosseln könnten, wurde von EDF wegen Verdienstausfalls verklagt und musste nach einem Schiedsspruch dem Kläger prompt den Verlust ersetzen.
EURACTIV / ekö / awr