Bitkom: "Brüsseler Regulierungswut"

Anbieter von Informationstechnik und Telekommunikation (ITK) kommen in der Krise vergleichsweise glimpflich davon. Ein schwarzes Jahr erlebt die Unterhaltungselektronik, das mobile Internet boomt dagegen. Der Branchenverband Bitkom kritisiert EU-Kommissarin Viviane Reding.

Das mobile Internet hat sich zu einem Boommarkt mit Milliarden-Umsatz entwickelt. Foto: Apple
Das mobile Internet hat sich zu einem Boommarkt mit Milliarden-Umsatz entwickelt. Foto: Apple

Anbieter von Informationstechnik und Telekommunikation (ITK) kommen in der Krise vergleichsweise glimpflich davon. Ein schwarzes Jahr erlebt die Unterhaltungselektronik, das mobile Internet boomt dagegen. Der Branchenverband Bitkom kritisiert EU-Kommissarin Viviane Reding.

Der Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und Neue Medien (BITKOM) übt scharfe Kritik an der Regulierung von Telefongebühren durch die EU-Kommission. Mit der Festlegung von Tarifobergrenzen werde der Wettbewerb zwischen den Unternehmen ausgeschaltet, sagte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer am 2. Juli in Berlin.

Ein juristisches Vorgehen sei aber Sache der Mitgliedsunternehmen. "Wir gehen natürlich politisch dagegen vor." Bei bisherigen Preisobergrenzen habe der Verbraucherschutz im Vordergrund gestanden.  "Das hört sich ja auch erst mal sympathisch an, aber was nützt es, wenn wir niedrige Preise haben und hinterher eine miese Infrastruktur." Den Unternehmen werde durch die "Brüsseler Regulierungswut" Geld entzogen, das diese für den Ausbau neuer Breitbandnetze bräuchten.

"Bei Frau Reding haben wir das Gefühl, das eine einseitige Betrachtung der Verbraucher-Interessen stattfindet, die aber langfristig gar nicht im Sinne des Verbrauchers sein kann", adressierte Scheer seine Kritik an die EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien.

Das Europaparlament und die EU-Regierungen hatten jüngst die neuen EU-Roaming-Vorschriften verabschiedet. Demnach gilt ab dem 1. Juli für im Ausland getätigte Handy-Anrufe ein Höchstpreis von 43 Cent pro Minute (plus MwSt). Für eingehende Anrufe dürfen maximal 19 Cent (plus MwSt.) die Minute berechnet werden.

Aufgrund überhöhter Terminierungsentgelte droht Deutschland außerdem eine Klage (EURACTIV.de, 25. Juni 2009) der EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof. Die Mobilfunkanbieter berechnen diese Entgelte untereinander, wenn Verbraucher in ein Fremd-Netz telefonieren. Im Durschnitt liegen sie in Deutschland bei 8,5 Cent. Die Kommission will bis 2012 Terminierungsentgelte von 1,5 bis 3 Cent durchsetzen. Schätzungen zufolge würden den Mobilfunkanbietern so 4 Milliarden Euro verloren gehen.

Bitkom-Prognose

Der Branchenverband Bitkom legte am 2. Juli seine Prognose für 2009 und 2010 vor. Der  ITK-Markt wird in diesem Jahr um 2,5 Prozent schrumpfen, so die aktuelle Einschätzung. "Im Vergleich zum Minus von rund 6 Prozent in der Gesamtwirtschaft sind wir nicht schlecht aufgestellt", kommentierte Bitkom-Präsident Scheer. "Wir haben uns in der Krise recht gut geschlagen." Für 2010 erwartet der Bitkom ein Plus von 0,3 Prozent.

In einer aktuellen Umfrage gaben 47 Prozent der Bitkom-Unternehmen an, aufgrund der Krise weniger Umsätze zu verzeichnen. Mit einer Erholung rechnen Zweidrittel der Befragten 2010.  Bitkom erwartet, dass die Zahl der Beschäftigten etwa konstant bei 830.000 bleibt. Der Mangel an Fachkräften bleibe ein Problem, die Ausbildung dürfe im Konjunkturtief nicht leiden.

Prognosen nach Bitkom-Einzelbranchen

IT: Hardware, Software, Services

In der Informationstechnik wird 2009 mit einem Minus von 2,2 Prozent gerechnet. Besonders stark trifft es die Hardware, hier soll der Umsatz um 7 Prozent schrumpfen. Der Grund: Unternehmen verschieben ihre Investitionen in neue Server und PC’s.

Auch stark steigende Verkäufe bei Notebooks und Netbooks im Privatkundengeschäft konnten den Umsatzrückgang bisher nicht stoppen. Hier machen den Anbietern weiter sinkende Preise zu schaffen.

Trotz der Krise wird bei IT-Services ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet. 
Eine Ursache: Das Outsourcing von IT-Diensten ist 2009 in vollem Gange – das Geschäft soll um 6 Prozent auf 14 Milliarden Euro zulegen. Viele Unternehmen hoffen gerade in Krise Kosten zu sparen, indem sie etwa Server nicht mehr selbst betreiben, sondern auf externe Kapazitäten zugreifen. 2010 soll der gesamte IT-Markt wieder um 1,3 Prozent anziehen.

Telekommunikation

Im Bereich Telekommunikation sinkt der Umsatz 2009 voraussichtlich um 2 Prozent. Laut Bitkom-Präsident Scheer hat das Minus aber technologische und kaum konjunkturelle Ursachen. Immer mehr Verbraucher kommunizieren über das Internet oder verzichten aufgrund von Handy-Flatrates auf Festnetz-Gespräche. Die Festnetz-Telefonie verliert im dritten Jahr in Folge um mehr als 7 Prozent an Umsatz. Mit der Verbreitung von Smartphones erlebt dagegen das mobile Internet einen Boom. 2009 steigen hier die Umsätze um voraussichtlich 8 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro.

Unterhaltungs-Elektronik

Für Anbieter von Flachbild-Fernsehern, Spielkonsolen und Digitalkameras sind die Boomjahre vorbei. Nach einem Plus von 8,5 Prozent 2008 sinkt der Umsatz 2009 um voraussichtlich 6,5 Prozent auf 11,9 Milliarden Euro. Hier besteht für die Anbieter ein ähnliches Problem wie im Computergeschäft. Zwar steigen zum Teil die Verkäufe, etwa im Bereich der Flachbild-Fernseher, zugleich sinken die Preise aber dramatisch.

So kosteten LCD-Fernseher im 1. Quartal durchschnittlich 20 Prozent weniger. Bei vielen Produkten tritt eine Marktsättigung ein. "Irgendwann hat man seinen Flachbildfernseher gekauft, einen MP3-Player und eine Digitalkamera hat auch irgendwann jeder", so Scheer. Trotzdem erwartet der Bitkom 2010 für die Unterhaltungs-Elektonik wieder eine schwarze Null.

awr

Weiterführende Links

Kommission: Ende der "Roaming-Abzocke" (1. Juli 2009)
Branchenverband Bitkom
ITK: Website mit Hilfen für Ausschreibungen zur Beschaffung von ITK