Carbon Farming: EU-Minister finden den Teufel im Detail

Während Frankreichs Landwirtschaftsminister Denormandie den Enthusiasmus für kohlenstoffarme Landwirtschaft lobte, wurden auf dem Treffen der EU-Agrarminister:innen in Straßburg knifflige offene Fragen zu dem Thema deutlich.

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Indem sie zur Kohlenstoffreduzierung beitragen, könnten die Landwirt:innen zu "Soldaten für das Klima" werden, betonte Denormandie. [Xavier Remongin]

Während Frankreichs Landwirtschaftsminister Julien Denormandie den Enthusiasmus der Mitgliedstaaten für eine kohlenstoffarme Landwirtschaft lobte, wurde auf dem informellen Treffen der EU-Agrarminister:innen in Straßburg deutlich, dass knifflige technische Fragen zum Thema noch offen sind.

Denormandie war Gastgeber des dreitägigen Treffens der EU-Agrarminister:innen im Rahmen von Frankreichs EU-Ratspräsidentschaft, für die er das Carbon Farming zu einer Priorität eklärt hatte.

Unter Carbon Farming versteht man landwirtschaftliche Praktiken, die dazu beitragen, Kohlenstoff aus der Atmosphäre in Ackerböden zu speichern. Indem sie zur CO2-Reduzierung beitragen, könnten die Landwirt:innen zu „Soldaten für das Klima“ werden, betonte Denormandie bei dem Treffen.

Neben Debatten und bilateralen Gesprächen besuchten die Minister:innen auch einen landwirtschaftlichen Betrieb, der Frankreichs freiwilliges Kennzeichnungssystem für kohlenstoffarme Landwirtschaft anwendet.

Auch andere Mitgliedstaaten haben bereits Fördermaßnahmen für Carbon Farming eingeführt. Spanien hat Praktiken wie die extensive Beweidung oder die konservierende Landwirtschaft in seinen Katalog von Öko-Regelungen aufgenommen, die durch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU gefördert werden.

Diese Maßnahmen „sind ein gutes Beispiel dafür, was wir entwickeln können“, sagte der spanische Minister Luis Planas am Rande des Treffens gegenüber Journalist:innen.

Er betonte auch, dass die CO2-Abscheidung in der Landwirtschaft „sehr wichtig“ sei, um das Ziel der Kohlenstoffneutralität bis 2050 zu erreichen, das in der EU-Klimastrategie, dem Europäischen Green Deal, festgelegt ist. 

Gemeinsamkeiten finden

Trotz nationaler Fortschritte gibt es derzeit keinen europäischen Rahmen für die Anerkennung und Förderung des Carbon Farming.

Die Europäische Kommission wird jedoch voraussichtlich Ende dieses Jahres einen Legislativvorschlag vorlegen. In einer im Dezember 2021 veröffentlichten Mitteilung hatte sie bereits Pläne dazu vorgestellt, wie Landwirt:innen für die Kohlenstoffbindung besser entlohnt werden sollen.

Laut Denormandie sollte das Treffen in dieser Woche dazu dienen, eine gemeinsame Position der 27 Mitgliedsstaaten zu erarbeiten.

Die Minister:innen seien in der Tat „weiter in Richtung einer europäischen Lösung vorangeschritten“, sagte er nach dem Treffen. Der nächste Schritt werde darin bestehen, „diesen politischen Schwung zu nutzen“, um beim regulären Ministerrat im März oder April Schlussfolgerungen zu diesem Thema zu verabschieden, fügte er hinzu.

Nach dem Treffen zeigte sich auch EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski optimistisch über eine Einigung.

„Es ist selten, dass ein Vorschlag der Kommission und ein Vorschlag der Präsidentschaft so starke Signale der Unterstützung aus allen Mitgliedstaaten erhalten“, sagte er. Frankreich habe in dieser Frage „zu 100 Prozent die gleiche Vision“ wie die Kommission.

Gleichzeitig äußerten die Mitgliedstaaten unterschiedliche Erwartungen, wie eine europäische Politik zum Carbon Farming in der Praxis aussehen sollte.

Eine zentrale Frage ist dabei, wie die Fördermaßnahmen finanziert werden sollen. Frankreich plädiert für ein System auf der Grundlage von Kohlenstoffmärkten nach dem Vorbild der bereits bestehenden nationalen Systeme im Land.

In diesem Fall könnten Landwirt:innen negative Emissionen über Zertifikate an andere Sektoren verkaufen und so eine private Finanzierung für die von ihnen durchgeführten Maßnahmen erhalten.

Sorge über Greenwashing

Die österreichische Ministerin Elisabeth Köstinger hingegen erklärte vor Journalist:innen, dass die Unterstützung für Carbon Farming weiterhin von der GAP ausgehen sollte, anstatt neue Instrumente einzuführen.

„Die Kommission sollte diesen Rahmen, den wir in Europa bereits haben, als Grundlage für die Umsetzung von Maßnahmen wie dieser nutzen“, sagte sie.

Unterdessen äußerte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir die Befürchtung, dass ein marktorientierter Ansatz zu einer „Doppelzählung“ führen könnte, bei der sowohl der Landwirt, der den Kohlenstoff bindet, als auch das Unternehmen, das die negativen Emissionszertifikate kauft, über unterschiedliche Systeme für die Reduzierung derselben Emissionen belohnt würden.

„Carbon Farming ist ein interessantes Konzept, aber Greenwashing sollte unbedingt vermieden werden“, sagte er am Rande des Treffens gegenüber EURACTIV.

Außerdem müsse sichergestellt werden, dass die Maßnahmen zur Kohlenstoffbindung langfristig und irreversibel seien, sagte der Minister.

Özdemirs Bedenken teilte auch Celia Nyssens vom Europäischen Umweltbüro (EEB). „Wenn wir Kohlenstoffgutschriften für einen freiwilligen Markt schaffen, sollten wir es den Käufern dieser Gutschriften nicht erlauben, ‚Kohlenstoffneutralität‘ oder ‚Klimaneutralität‘ für sich in Anspruch zu nehmen“, sagte sie.

Der natürliche, reversible Kohlenstoffabbau in der Landwirtschaft könne langfristige Emissionen nämlich nicht ausgleichen, argumentierte sie.

Auf Nachfrage von EURACTIV sagte Wojciechowski, die Kommission werde bei der Ausarbeitung ihres Gesetzesvorschlags darauf achten, Doppelzählungen und Greenwashing zu vermeiden.

Der polnische EU-Kommissar wies darauf hin, dass der Landwirtschaftssektor nur so seinen Beitrag zum Erreichen der EU-Ziele zu C02-Reduktion leisten könne.

Während technische Fragen noch diskutiert würden, fügte Denormandie hinzu, stünden die Minister:innen politisch auf einer Seite. Sie alle seien sich einig, dass eine Doppelzählung vermieden werden müsse.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]