Chance und Bedrohung

Die Digitalisierung bietet zwar flexiblere Arbeitsformen, kann aber auch eine Bedrohung für das menschliche Wohlbefinden darstellen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie beeinträchtigen.

EURACTIV.com
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Immer die Balance halten: Aus Sicht vieler Expertinnen birgt die Digitalisierung der Arbeitswelt einige Gefahren. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/image-photo/closeup-businesswomans-hand-covering-balance-between-748165192?src=-xTFa55wjgEMK3chNunRnA-1-36&studio=1" target="_blank" rel="noopener">Shutterstock</a>]

Die Digitalisierung bietet zwar flexiblere Arbeitsformen, kann aber auch eine Bedrohung für das menschliche Wohlbefinden darstellen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie beeinträchtigen, warnten diverse Akteure während einer von EURACTIV organisierten Veranstaltung.

Kinderbetreuung ist oft das erste, was in den Sinn kommt, wenn es um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben bzw. „Work-Life-Balance“ geht.

Neue technologische Entwicklungen können in dieser Hinsicht sowie in anderen Bereichen sicherlich Vorteile bieten: „Die Digitalisierung ist eine große Chance für alle, die eine andere Arbeitsorganisation wollen,“ glaubt beispielsweise Katarina Ivankovic-Kneževic, Direktorin für soziale Angelegenheiten bei der Europäischen Kommission.

Die EU-Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist am 1. Juli in Kraft getreten. Während sich die Mitgliedstaaten nun auf die Umsetzung vorbereiten, warnen diverse Akteure aber, die digitale Revolution habe auch ihre Tücken.

„Was passiert, wenn die Mitarbeitenden das Gefühl haben, dass sie ständig verfügbar sein müssen?,“ fragt Ivankovic-Kneževic.

Auf die Frage, ob sie des Öfteren ihre E-Mails vor dem Schlafengehen abfragen, hob eine deutliche Mehrheit der Teilnehmenden an der EURACTIV-Veranstaltung die Hand.

„Wir müssen die Gefahren angehen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Wir müssen mehr über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und vor allem über das menschliche Wohlergehen sprechen,“ fordert Kinga Joó vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA), einem beratenden Organ der EU. Jóo erklärte während der Veranstaltung, sie habe deswegen daheim eine Art „Familienrichtlinie“ eingeführt: Weder sie noch ihr Ehemann dürfen Arbeit mit nach Hause bringen.

„Die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit sind verschwommener geworden,“ stellte auch Claire Dhéret vom Think-Tank European Policy Centre (EPC) fest.

Schöne neue Arbeitswelt

Die Digitalisierung erfordert neue Fähigkeiten von Seiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Vor allem für ältere Personen kann die Technologie so zu einer echten „Angstquelle“ werden. Gleichzeitig dürften sich nicht-traditionelle Arbeitsformen wie Selbständigkeit oder die sogenannte „Gig Economy“ verstärken.

„Wie jede Transformation auf dem Arbeitsmarkt bringt die Digitalisierung einige Vorteile, aber auch einige Risiken mit sich,“ fasste Dhéret zusammen.

Zu den positiven Aspekten zähle sie beispielsweise die Fähigkeit von Plattformen, „bisher vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene Menschen anzuziehen“. Die Kehrseite sei jedoch, dass diesen Arbeitnehmenden dann oft eine gewisse „Vorhersagbarkeit in Bezug auf die Arbeitszeit, aber auch auf das Einkommen fehlt“.

Dies könne auch zu psychischen Gesundheitsproblemen führen. Deren Auswirkungen würden sich möglicherweise noch verschlimmern, da Selbständige im Vergleich zu „traditionellen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern“ gegebenenfalls eingeschränkten oder sogar gar keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Sozialschutz haben.

„Aktuell wird geschätzt, dass bei jedem fünften in der EU arbeitenden Erwachsenen in seinem Arbeitsleben eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird,“ so Gary Shaughnessy von der Zurich Foundation.

Sozialpolitik als Priorität

Die Europäische Kommission hat in den vergangenen Jahren mit der Verabschiedung der Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder der Richtlinie über transparente Arbeitsbedingungen versucht, die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu stärken. In der Amtszeit der neuen Kommission muss aber noch viel mehr getan werden, waren sich die Teilnehmenden der EURACTIV-Veranstaltung einig.

„Ich denke, wir haben einen großen Teil der Arbeit erledigt. Jetzt liegt es an den Mitgliedstaaten, die Maßnahmen umzusetzen,“ sagte Monika Pozderac, Beraterin für Beschäftigungs- und Sozialpolitik bei der Ständigen Vertretung Kroatiens bei der EU.

Die kroatische Beamtin forderte ein „Umdenken“. Die Arbeitgeber müssten endlich verstehen, dass „Investitionen in ihre Mitarbeiter ein echter Vermögenswert sind“.

Während die Arbeitnehmervertretung im Mittelpunkt steht, müsse es auch eine Stärkung der Sozialschutzsysteme geben, forderte Dhéret: „Es ist eine Aufgabe der EU, Verantwortung zu übernehmen. Denn solche Lösungen werden nicht auf nationaler Ebene gefunden.“ Wichtig sei in dieser Hinsicht, auch den Privatsektor in die Diskussion einzubeziehen.

Gary Shaughnessy forderte seinerseits, Fragen nach psychischen Erkrankungen und Therapiemethoden „auf viel höheren Ebenen“ anzusprechen. Auch die Aspekte Prävention und Inklusion müssten angegangen werden.

„Wir haben viele Herausforderungen gemeistert, aber es liegt noch viel Arbeit vor uns,“ schloss auch die Kommissionsvertreterin Ivankovic-Kneževic. „Die größte Hausaufgabe für die Kommission ist es jetzt, die europäische Säule sozialer Rechte ganz oben auf der Tagesordnung zu halten.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon]