Climate Engineering: Tabu in der Forschung zum Klimawandel?

Riesige Spiegel im All statt Begrenzung von Treibhausgasen? Gezielte Eingriffe in das Klima sind umstritten. Eine Studie fragt nun, ob Forschung zu Climate Engineering per se verteufelt werden sollte.

Euractiv.de
Eisbären sind zum Synonym für Klimawandel geworden (Foto: dpa)
Eisbären sind zum Synonym für Klimawandel geworden (Foto: dpa)

Riesige Spiegel im All statt Begrenzung von Treibhausgasen? Gezielte Eingriffe in das Klima sind umstritten. Eine Studie fragt nun, ob Forschung zu Climate Engineering per se verteufelt werden sollte.

Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe soll bald enden, so das vereinte Ziel der 195 Staaten, die im vergangenen November das Pariser Klimaabkommen ratifizierten. Bis zum Jahr 2050 soll demnach eine „Treibhausgasneutralität“ erreicht werden, die Erderwärmung soll auf ein Maß von weit unter zwei Grad – möglichst sogar unter 1,5 Grad – im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter limitiert werden.

Doch viele Experten bemängeln, dass konkrete Maßnahmen zur Einsparung von CO2-Emissionen erst 2020 greifen sollen – angesichts der bereits spürbaren Zunahme  extremer Wetterereignisse wie Wirbelstürme, Dürren und Fluten des stetig steigenden Meeresspiegels zu spät.

Die Klimaveränderung ist unumstritten bereits real. Laut der Weltraumbehörde NASA war 2016 das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen. Aber noch verläuft der Wandel hin zu maßgeblichen Treibstoffeinsparungen vielen Klimaexperten zufolge viel zu langsam – aus naheliegenden Gründen. „Solange die fossilen Brennstoffe preiswerter sind, werden sie weiterhin verbrannt werden“, so der Klimawissenschaftler James Hansen.

Einige Klimawissenschaftler sehen jedoch noch eine andere Chance, den Klimawandel einzudämmen.

Ihre Grundidee gehört in den Bereich des Climate Engineering und basiert darauf, die Sonneneinstrahlung auf die Erde künstlich zu reduzieren. Diese Methode namens Solar Radiation Management (SRM) genießt mittlerweile viel Aufmerksamkeit in der Forschung. Schon vor einigen Jahren hatten mehrere Studien (Kravitz et al sowie Schmidt et al, siehe „Weitere Informationen“) in Erdsystemmodellen die Klimaauswirkungen von einer gegenüber dem Jahr 1850 um das vierfache erhöhten CO2 Konzentration durch eine Verringerung der auf den Erdboden auftreffenden Sonnenstrahlung ausgeglichen.

Riesige Spiegel im All

Modelle, die riesige Spiegel im All annehmen, zeigen, dass es möglich ist, das globale Mittel der Temperatur auf einem vorindustriellen Wert zu halten – allerdings mit Nebenwirkungen: Eine von allen Modellen berechnete Auswirkung etwa ist eine Abnahme des Niederschlages im globalen Mittel.

Auch aus anderen Gründen findet SRM unter Wissenschaftlern nicht nur Fürsprecher. Etliche Gegner fordern, auf Feldversuche zum SRM zu verzichten, weil solche Versuche Anstrengungen zur Vermeidung von CO₂ unterminieren, also moralisch verantwortungsloses Verhalten fördern würden.

Ob zurecht, hat nun ein interdisziplinäres Forscherteam gefragt und die Ergebisse in der „Fachzeitschrift Journal of Environmental Economics and Management“ veröffentlicht. Die Umweltökonomen und Meteorologen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), der Universität Kiel, der Universität Leipzig und des Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und Paris entwickelten dazu eine Theorie der Entscheidungen über SRM-Forschung, ausgehend von der Unsicherheit über künftige Klimaschäden und über die Wirksamkeit sowie mögliche Schäden durch SRM.

Erwärmung der Arktis würde auch mit SRM weiter zunehmen

Sicher ist ohnehin, dass SRM nur teilweise den Schaden beheben könnte, der durch zu hohe atmosphärische CO₂-Konzentrationen entsteht. Auch unter SRM, so ermittelte das gleiche Forscherteam in einer vorangegangenen Studie, würde sich die Arktis vor allem im Winter weiterhin stark erwärmen. Hinzu kommen Nebenwirkungen wie etwa Veränderungen  im Wasserhaushalt der Erde und eine Trübung der Himmelsfarbe.

Im Gegensatz zur bisherigen wissenschaftlichen Literatur beinhaltet die Analyse ergebnisoffene Forschung, die auch zu der Erkenntnis führen kann, dass SRM keine tragfähige, weil schädliche oder ineffiziente Alternative ist. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es nur unter zwei Bedingungen klug wäre, sich gegen ergebnisoffene SRM-Forschung zu entscheiden:

Zum einen, wenn die gegenwärtige Generation nicht vertrauen will, dass ihre Nachfahren genug Anstrengungen in die Emissionsvermeidung investieren. Ohne SRM-Forschung, also auch ohne Wissen über die Wirksamkeit von SRM, kann sich die heutige Menschheit auf ehrgeizigere Vermeidungsanstrengungen festlegen. Ergebnisoffene SRM-Forschung könnte jedoch auch zu dem Schluss kommen, dass die Methode zu unwirksam oder schädigend ist, um sie als Mittel gegen die Folgen des Klimawandels anzuwenden. Auch dann würden die nächsten Generationen ihre Vermeidungsanstrengungen erhöhen.

Der an der Studie beteiligte Forscher Wilfried Rickels, Umweltökonom am Institut für Weltwirtschaft, plädiert darum für weitere Forschung: „Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass man sich unter diesen Bedingungen für ergebnisoffene Forschung zu SRM entscheiden sollte.”