Das Ende der Glühbirne
Debatten um Klimaschutz, Ästhetik und die Freiheit des Marktes - selten hat eine EU-Entscheidung die Menschen so bewegt wie das Verbot der klassischen Glühbirne. Ab morgen sollen keine neuen 100-Watt-Birnen mehr in den Handel kommen. Freuen dürfen sich Hersteller von Leucht-Dioden.
Debatten um Klimaschutz, Ästhetik und die Freiheit des Marktes – selten hat eine EU-Entscheidung die Menschen so bewegt wie das Verbot der klassischen Glühbirne. Ab morgen sollen keine neuen 100-Watt-Birnen mehr in den Handel kommen. Freuen dürfen sich Hersteller von Leucht-Dioden.
Die Entscheidung steht seit langem fest: Die klassische Glühbirne wird ab dem 1. September nach und nach aus den Läden verschwinden. In der ersten Stufe werden alle matten Birnen sowie klare Glühlampen mit 100 Watt und mehr aus dem Verkehr gezogen. Ab 2012 sollen die herkömmlichen Birnen vollständig durch Energiespar-Modelle ersetzt sein. Weil Lagerbestände noch abverkauft werden dürfen, werden die Birnen nicht schlagartig aus dem Handel verschwinden.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vermutet, dass Bau- und Elektromärkte ihre Lagerbestände an ineffizienten Glühlampen in den vergangenen Monaten sogar erheblich aufgestockt haben. "Nur drei der von uns befragten 71 Handelsunternehmen haben erklärt, ab dem 1. September die besonders klimaschädlichen Lampen nicht mehr verkaufen zu wollen", sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch am 31. August in Berlin. "Für die Mehrheit der Einzelhändler kommt offenbar Profitmaximierung vor Klimaschutz."
Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) stieg die Nachfrage nach 100-Watt-Birnen und matten Glühbirnen seit Juli um 600 Prozent. Im ersten Halbjahr sei der Glühbirnen-Umsatz um 34 Prozent gestiegen. Da nützte der Aufruf des Umweltbundesamtes wenig, von "unsinningen Hamsterkäufen" abzusehen.
Wer steckt dahinter?
Das Verbot (Verordnung 244/2009) geht maßgeblich auf die Initiative von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) zurück. "Der Standort Europa kann sich eigentlich keine Produkte mehr leisten, die wie herkömmliche Glühbirnen einen Effizienzgrad von nur fünf Prozent aufweisen", schrieb Gabriel schon im Früjahr 2007 an EU-Umweltkommissar Stavros Dimas. Dimas unterstützte das Verbot ebenfalls von Anfang an. Ausgangspunkt waren Studien zur mangelnden Energie-Effizienz der herkömmlichen Birnen. Im Oktober 2008 gaben die EU-Umwelt- und Energieminister schließlich der Kommission den Auftrag, das Verbot im Rahmen der bestehenden Ökodesign-Richtlinie (2005/32/EG) auszuarbeiten. Im Februar 2009 stimmte das Europaparlament zu. Trotzdem wird in der Diskussion der Entscheidungsprozess unter maßgeblicher deutscher Beteiligung gerne ausgeblendet. Oft wirkt es so, als wären Brüsseler Bürokraten von ganz allein tätig geworden. Wie so oft bei EU-Entscheidungen entbrannte die Debatte erst so richtig, als die Beschlüsse längst gefasst waren.
Grundsatzfrage: Verbote vs. Freiheit
Der Eingriff wurde im Europawahlkampf als Frage des Prinzips diskutiert (Siehe EURACTIV.de vom 27. Mai 2009). Darf die EU zugunsten des Klimaschutzes Produkte einfach verbieten oder sollte es dem mündigen Verbraucher überlassen bleiben, umweltbewusst einzukaufen? Die FDP attackiert das Verbot heftig und warnt vor "Ökodiktatur" und "Planwirtschaft". Die Grünen verteidigen die Regulierung.
Deutsche Wirtschaftsverbände laufen schon lange Sturm gegen die Ökodesign-Richtlinie, die dem Glühbirnen-Verbot zugrunde liegt. In Zukunft werden auf ihrer Basis noch weitere Regeln für Produkte wie Ladegeräte, Fernseher, Kühlschränke und Elektomotoren in Kraft treten. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), kritisiert heute im Handelsblatt: "Bei so viel Detailregulierung läuft die Politik Gefahr, sich heillos zu verzetteln – und sich Wissen anzumaßen, das sie nicht hat". (Siehe zum Streit um die Richtlinie auch EURACTIV.de vom 18. Mai 2009)
Ginge es dagegen nach den Wünschen der europäischen Verbraucherschutz-Organisation (BEUC) würde noch viel mehr zugunsten der Energie-Effizienz reguliert. Monique Goyens, Generaldirektorin des BEUC, schlägt vor, auch Produktarten wie Textilien, Möbel und Papier-Artikel in die Richtlinie einzubeziehen.
Auch die Umweltschutzorganisation WWF verteidigt das Ökodesign und insbesondere das Vebot der Glühbirne. Die Argumentation: Die traditionelle Glühbirne verschwendet 95 Prozent der verbrauchten Energie und wandelt nur 5 Prozent des Stroms in Licht um. Energiesparlampen (Kompaktleuchtstofflampen) verbrauchen 75 Prozent weniger Strom und leben länger, was den höheren Kaufpreis ausgleicht. Bis zum Jahr 2020 werde das Verbot 15 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das entspreche dem Stromverbrauch von Rumänien pro Jahr. Auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) unterstützt das Verbot und fordert den Handel auf, die Entsorgung von Ökobirnen zu übernehmen, die Quecksilber enthalten.
Sparlampen schneiden im Test schlecht ab
Das Magazin "Ökotest" rückte (9. März 2009) die Revolution der Sparlampen im März allerdings in ein zweifelhaftes Licht. Ökoleuchten seien weit weniger sparsam als versprochen, erzeugten Elektrosmog und eine schlechte Lichtqualität, fanden die Tester heraus. Alle 16 untersuchten Modelle erhielten bei der Lichtqualität die Note "mangelhaft".
Wirbel um Gesundheitsgefahr
Seit Ende August wird zudem die Gesundheitsschädlichkeit von Energiesparlampen kontrovers diskutiert. Die Magazine Focus und Welt online (25. August 2009) zitierten den Arzt Alexander Wunsch, der die Sparlampe für eine Gefahr hält: "Bei falschem Umgang kann das Auftreten fast aller zivilisatorischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf Erkrankungen, Diabetes, Osteoporose und Störungen des Immunsystems begünstigt werden". Das Licht der Sparlampen führe beim Menschen zu einer fehlgesteuerten hormonellen Anpassung.
Im Blog des Wissenschaftsportals "Scienceticker" (26. Augut 2009) machten sich daraufhin Wissenschafts-Journalisten über die Panikmache bei Focus und Welt lustig. Im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger (28. August 2009) erklärte zudem Michael Koswig, Experte von der Stiftung Warentest, das Öko-Licht für ungefährlich. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) weist alle Gesundheitsbedenken strikt zurück.
Ästhetisches Unglück
Das Verbot weckt auch deshalb Emotionen, weil sich mit dem Licht die Atmosphäre ändert, in Privatwohnungen wie im öffentlichem Raum. Der Eingriff in das alltägliche Leben ist für jeden sichtbar.
Lampendesigner sprechen von einem ästhetischen Unglück. "Da ist ein europäisches Kulturgut bedroht", sagte der Vorstandsvorsitzende des Zentralverbandes Europäischer Designkultur (ZVEDK), Michael Gärtner Anfang August 2009. Der Streit um die Energiesparlampen hatte überhaupt erst zur Gründung des "Zentralverbandes" geführt, der unter anderem zwei Dutzend Leuchtenhersteller und deren Zulieferer vertritt. Die Designer stellen sich unter anderem Fragen wie: Was passiert in den Museen, wenn Kunst in ein neues Licht rückt?
"Die klassischen Leuchtmittel bilden annähernd das gesamte Lichtspektrum des Sonnenlicht ab", so Gärtner. "Bei Energiesparlampen ist das Licht dagegen sehr künstlich, und der Weißanteil viel zu hoch. Durch das begrenzte Lichtspektrum wirkt das Licht so flau."
Die Lampendesigner hätten es lieber gesehen, die herkömmlichen Birnen mit einer Sondersteuer zu belegen, anstatt sie zu verbieten. "Bis wirklich adäquate Leuchtmittel dem Markt zu Verfügung stehen, wäre eine Sondersteuer schon im Interesse der Freiheit auf Wohnqualität wünschenswert gewesen", so Michael Gärtner. Ein entsprechender Vorstoß Dänemarks scheiterte in der EU.
LED-Technik könnte großer Gewinner sein
Die Anbieter von lichtemittierenden Dioden (LED) könnten als die großen Gewinner aus dem Glühbirnen-Verbot hervorgehen. Denn die konkurrierenden Kompaktleuchtstofflampen enthalten geringe Mengen giftiges Quecksilber und müssen aufwendig entsorgt werden. Auch aus Sicht der Lampen-Designer sind die Leuchtdioden im Vorteil: "Die LED-Technik ist letztlich die angestrebte langfristige Lösung. Sie kann das Lichtspektrum am ehesten abbilden und ist am sparsamsten. Allerdings muss aufgrund der Lichtleistung das Licht optisch gebündelt werden und eignet sich somit eher für gerichtetes Licht und nicht für eine raumfüllende Ausleuchtung", so ZVEDK-Chef Michael Gärtner.
Alexander Wragge
Nächste Schritte:
- September 2009: Lichtglühbirnen von 100 Watt und darüber werden vom Markt genommen.
- September 2011: 60 Watt Lichtglühbirnen werden aus dem Verkehr gezogen.
- September 2012: 40 und 25 Watt Lichtglühbirnen werden vom Markt genommen.
- Bis Ende 2012: Alle ineffizienten Lichtglühbirnen werden aus dem Verkehr gezogen.
Weiterführende Dokumente:
Rat/Parlament: Ökodesign-Rahmenrichtline 2005/32/EG (2005)
Kommission: Glühbirnen-Verordnung 244/2009 (18. März 2009)
Kommission: Mitteilung zum Arbeitsprogramm für die Jahre 2009-2011 gemäß der Ökodesign-Richtlinie
Links
Behörden, Unternehmen und Verbände liefern unter www.licht.de eine Übersicht zum Aus der herkömmlichen Glühbirne und zu den Alternativen.