Der keltische Tiger brüllt nicht mehr

Irlands Wirtschaft ist abgestürzt. Die Arbeitslosenquote ist nach oben geschnellt. Die Defizitquote ist die höchste Europas. Aber Irland ist nicht Griechenland, darauf legt man in Dublin wert. "Die Iren wollen Herr ihres Schicksals bleiben."

Irland braucht keine Hilfe, lautet die Botschaft von Ministerpräsident Brian Cowen. Anders als Athen könne Dublin die Schuldenprobleme selbst lösen. Foto: dpa.
Irland braucht keine Hilfe, lautet die Botschaft von Ministerpräsident Brian Cowen. Anders als Athen könne Dublin die Schuldenprobleme selbst lösen. Foto: dpa.

Irlands Wirtschaft ist abgestürzt. Die Arbeitslosenquote ist nach oben geschnellt. Die Defizitquote ist die höchste Europas. Aber Irland ist nicht Griechenland, darauf legt man in Dublin wert. „Die Iren wollen Herr ihres Schicksals bleiben.“

Die irische Behörde für Selbstmordprävention vermeldete am Montag eine unerfreuliche Statistik. Vergangenes Jahr haben sich mehr als 500 Iren das Leben genommen. 2006 waren es noch rund 400. Mittlerweile sterben mehr irische Männer durch Suizid als bei Unfällen im Straßenverkehr.  

Die Studie macht einen neuen Typus von Selbstmördern aus:  Männlich, zwischen 30 und 50 Jahre alt, zeit seines Lebens fast durchgängig beschäftigt und wirtschaftlich unabhängig. Die Tat erfolgt nach dem Jobverlust und dem finanziellen Abstieg. Die Deutung liegt nahe: Die Krise fordert ihre Opfer.

"Die Iren sind wütend und resigniert"

Irlands Wirtschaft, in den 90ern für jährliche Wachstumsraten zwischen 7 und 9 Prozent gefeiert, hat einen tiefen Absturz hinter sich. Bereits Ende 2007 rutschte Irland in die Rezession. 2008 ging die Wirtschaftsleistung um 3 Prozent zurück, 2009 um drastische 7,5 Prozent. Erst 2011 soll die Talfahrt ein endgültiges Ende haben, so die heute veröffentliche Frühjahrsprognose der EU-Kommission. Dann soll das BIP um 3 Prozent wachsen.

Derek Scally, seit 10 Jahren Deutschlandkorrespondent der "Irish Times", fasst die allgemeine Stimmungslage in seiner Heimat zusammen, sie ist "sehr schlecht". "Die Iren sind wütend und resigniert", so Scally gegenüber EURACTIV.de.

Besonders hart trifft die Krise Menschen, die sich in der irischen Immobilienblase verspekuliert haben und nun nicht mehr wissen, wie sie ihre Kredite je wieder zurückzahlen sollen. Bis vor wenigen Jahren schien es, als könnte man mit Immobilien mühelos reich werden. Die Banken finanzierten den Kauf fast vollständig, die Hauspreise stiegen immer weiter. Das ehemalige "Armenhaus Europas" erlebte den kollektiven Aufstieg zur Wohlstandsgesellschaft.

Die Blase platzte mit einem großen Knall. Seit 2007 schrumpfte der Bausektor um 51 Prozent. Zahlreiche Neubauviertel stehen heute einfach leer, weil die Nachfrage fehlt (Siehe BBC-Video vom 30. April 2010). Auch der Bankensektor ist noch nicht wieder auf den Beinen. Derzeit versucht die Bank of Ireland, das letzte große unabhängige Kreditinstitut der Insel, rund 3,4 Milliarden Euro an frischem Kapital einzusammeln, um seine Bilanzlöcher zu stopfen.

Der keltische Tiger – wie Irland einst in Anlehnung an die boomenden Tigerstaaten Südostasiens genannt wurde – er brüllt nicht mehr.

Existenzielle Angst vor dem Jobverlust

Während des Aufschwungs strömten Investitionen aus dem Ausland. Irland lockte mit niedrigen Steuern, wenig Bürokratie und qualifiziertem Personal. Wer seine Arbeit verlor, fand schnell eine neue. Billig-Airlines transportierten fast täglich Tausende polnische Gastarbeiter.

Nun ist die Angst vor dem Jobverlust wieder existenziell. Das Prinzip "Hire and Fire" gilt nur noch zur Hälfte: Es wird schnell gefeuert, aber nicht schnell wieder eingestellt. Die Arbeitslosenquote stieg von 4,2 Prozent 2005 auf 13,2 Prozent im März 2010. Viele Menschen sind ratlos. Wer übernimmt in der Krise Verantwortung? Die Politiker? Die Banken?

Der kleine Schuldenberg wächst schnell

Wie eine Schmach wirkt es für viele Iren, dass ihr Land mit Blick auf die Verschuldung in einem Atemzug mit Staaten wie Griechenland, Portugal und Spanien genannt wird – als Gefahr für die Stabilität des Euro.

Aber Irland ist nicht Griechenland, darauf legen die Iren großen Wert.  1979, als Irland dem europäischen Währungssystem beitrat,  kursierte ein Witz. Die englische Abkürzung des Systems, "EMS", stehe für "Easy Money Soon" ("Schnelles Geld"). Tatsächlich hing Irland lange Zeit am "Tropf der EU", aber in den 90er Jahren emanzipierte man sich.

High-Tech-Unternehmen der Computer- und Pharmaindustrie siedelten sich an, innovative ‚Realwirtschaft‘ zog es auf die grüne Insel. Diese Erfolge haben trotz der Krise Bestand – der Boom war nicht auf Sand gebaut. Als Irland 1999 zu den Gründungsmitgliedern der Eurozone gehörte, musste man keine Haushaltsdaten fälschen wie manch anderer.

Zwar verbuchte Irland 2009 mit sagenhaften 14,3 Prozent das höchste Defizit in der Eurozone, aber mit Blick auf die Gesamtschulden steht man noch relativ gut da. Die Gesamtverschuldungsquote liegt bei 64 Prozent des BIP. Das ist noch weit entfernt von den rund 115 Prozent, die Italien und Griechenland melden.

Andererseits: Die Aussichten für die Staatsfinanzen bleiben düster. 2010 wird die Neuverschuldung bei 11,7 Prozent liegen, 2011 bei 12,1 Prozent, schätzt die EU-Kommission.

Irland ist ein stabiles Euroland, so die Botschaft der Regierung – allen Horrorzahlen zum Trotz. Man brauche weder die Hilfe anderer EU-Staaten noch die des IWF, heißt es aus Dublin. Doch schon solche Versicherungen wirken für manche verdächtig – bringen sie Spekulanten erst auf Ideen?

Den freiheitsliebenden Iren ist nichts verhasster als die Vorstellung, erneut von anderen Staaten oder ausländischen Spekulanten abhängig zu sein. "Die Iren wollen Herr ihres Schicksals bleiben", sagt Derek Scally. Das einzige, was man derzeit von Europa wolle, sei Zeit, die eigenen Probleme zu lösen. Also wird gespart – zum Beispiel an Sozialleistungen.

Elisa Oddone

Links


EU-Kommission:
Frühjahrsprognose 2010-2011 (5. Mai 2010)