"Der Mittelstand hat keine Lust mehr auf Krise"

Der Mittelstand steckt mitten in der Krise. Mit einem Aufschwung rechnen die Unternehmen erst Mitte 2011. Zugleich kehren die Optimisten zurück, so das Ergebnis einer Umfrage.

Der Mittelstand steht selten im Rampenlicht. Druckventile machen die Münchener Firma Hawe Hydraulik zum „Hidden Champion“. Foto: Hawe.
Der Mittelstand steht selten im Rampenlicht. Druckventile machen die Münchener Firma Hawe Hydraulik zum "Hidden Champion". Foto: Hawe.

Der Mittelstand steckt mitten in der Krise. Mit einem Aufschwung rechnen die Unternehmen erst Mitte 2011. Zugleich kehren die Optimisten zurück, so das Ergebnis einer Umfrage.

Die Krise ist im Mittelstand angekommen. Ein Drittel der Unternehmen bewertete im Juli 2009 seine Geschäfte als "eher schlecht" und "schlecht", so das Ergebnis der Umfrage "Mittelstandsbarometer 2009" des Beratungs-Unternehmens Ernst & Young. Das waren dreimal mehr als im Januar 2008, als nur 11 Prozent schlechte Geschäfte vermeldeten. Befragt wurden 700 Unternehmen, die größtenteils einen Jahresumsatz von 30 bis 100 Millionen Euro verbuchen.

Krise schlägt durch

Der Mittelstand steckt mitten in der Krise. So wollen nur 16 Prozent der Fimen im kommenden Halbjahr zusätzliches Personal einstellen. Im Januar 2008 hatten dies noch 29 Prozent vor. Jedes zehnte Unternehmen (11 Prozent) sieht den eigenen Zustand schon jetzt "eher kritisch", ein Prozent der Firmen bezeichnete die eigene Lage als "sehr kritisch".

Sollte die Krise in dieser Form fortschreiten, wären 17 Prozent der Unternehmen nach eigenen Angaben innerhalb der kommenden 6 Monate "gefährdet". "Das ist eine beachtlich hohe Zahl" kommentierte Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young. "Da könnte eine Pleitewelle auf uns zu rollen, wenn sich die Situation nicht deutlich entspannt."

Liquidität ist entscheidend

Entscheidend ist laut Englisch die Kreditvergabe. "Häufig stehen hinter den Sorgen keine Ertragsprobleme, sondern Liquiditätsschwierigkeiten". In der Krise würden es die Unternehmen deutlich schwerer haben, Kredite zu bekommen.

Seit Beginn des Jahres ist der Anteil der Unternehmen drastisch gestiegen, der höhere Anforderungen der Banken bei der Kreditvergabe zu spüren bekommt. Die Finanzierung durch die Hausbank ist für 37 Prozent der befragten Firmen schwieriger geworden, im Januar meldeten dies noch 14 Prozent.

Die große Stärke des Mittelstands liegt hier laut Englisch im Bezug zwischen den Eigentümern und den Unternehmen. "Viele mittelständische Unternehmer stehen in der Krise mit ihrem Privatvermögen gerade, wenn sie kein Geld von der Hausbank bekommen." Das Schicksal der Firma sei eng mit dem persönlichen Schicksal verknüpft. "Das finden sie bei Managern von Großunternehmen nicht", so Englisch.

Englisch fordert Rückkehr zu Verbriefungs-Modellen

Momentan gebe es für den Mittelstand für nur zwei Wege der Finanzierung. Das Eigenkapital und die Banken. Englisch bedauerte, dass deutschen Mittelständlern der direkte Zugang zum Kapitalmarkt nicht offen stünde. "Es fehlen die Verbriefungsmodelle, die im Grundsatz nicht schlecht waren." Problem sei gewesen, dass man auf dem Markt für Verbriefungen die Karten so oft gemischt und neu sortiert habe, das man nicht mehr erkennen konnte, welche Geschäfte ihnen eigentlich zugrunde lagen. "Hier braucht es jetzt Transparenz."

Zugleich dürfe es in Zukunft nicht mehr passieren, dass mit Hilfe von Verbriefungs-Produkten Geschäfte auf fremdes Risiko gemacht werden, so Englisch weiter. Zugleich nahm er die privaten deutschen Großbanken gegen den Vorwurf in Schutz, sie würden die Realwirtschaft zugunsten der Spekulation auf den Finanzmärkten im Stich lassen. "Die Banken können nicht allein vom Kreditgeschäft leben". Dass man zusätzlich ein Geschäft mit innovativen Finanzprodukten betreibe, sei zwingend notwendig. "Entscheidend ist, dass es Anreize gibt, dass diese Produkte seriös sind." Eine Konzentration auf das Kreditgeschäft würde dazu führen, dass die deutschen Banken international nicht mehr wettbewerbsfähig wären und als "Global Player" ausschieden. 

Kommt die "L-Kurve"?

Trotz der jüngst positiven Konjunkturmeldungen rechnen die befragten Mittelständler damit, dass die Krise noch lange fortwirkt. Im Durchschnitt gaben sie an, die Krise werde noch rund zwei Jahre (23 Monate) andauern, also bis Mitte 2011. Im Januar war der Optimismus noch größer, damals rechnete man noch damit, das Konjunkturtief habe im Herbst 2010 ein Ende.

Auch wenn Peter Englisch ebenfalls eine "L-Kurve" erwartet, schränkte er ein, man brauche prophetische Fähigkeiten, um das Ende der Krise vorherzusagen. Englisch gewann dem Pessimismus etwas Positives ab. "Wenn die Krise tatsächlich erst 2011 zu Ende ist, war man gut beraten, sich darauf einzustellen."

Zumindest der Absturz der Konjunktur ist in den Augen der Unternehmer vorbei. Nur noch 27 Prozent der Befragten erwarteten eine weitere Verschlechterung der Konjunktur. Im Januar rechneten damit noch 82 Prozent. "Man kann von einer Bodensatzbildung sprechen", so Englisch.

Zufriedenheit mit der Politik sinkt

Im Wahljahr sinkt bei den Firmen die Zustimmung zur Politik. Rund die Hälfte der Unternehmen hielten die bundesweite Standortpolitik für "eher schlecht" oder "schlecht". Im Jahr 2007 war nur ein Drittel derart unzufrieden mit der Bundesregierung. Das Krisenmanagement bewertet die Mehrheit allerdings immer noch als "eher gut" (54 Prozent), 39 Prozent halten es für "eher schlecht". Immerhin gaben auch 42 Prozent an, momentan oder in Zukunft von den Konjunkturpaketen der Regierung zu profitieren.

Optimismus kehrt langsam zurück

Die Idee von der Krise als Chance ist weiterhin verbreitet. Rund ein Drittel (30 Prozent) der Firmen glauben, "gestärkt" aus der Krise hervorzugehen, 12 Prozent erwarten eine Schwächung. Zudem verzeichnet Ernst & Young trotz der schlechten Daten Optimismus. 29 Prozent der Firmen erwarten, ihre Geschäftslage werde sich im kommenden Halbjahr verbessern, im Januar glaubten dies nur 16 Prozent. "Die mittelständischen Unternehmen haben schlichtweg keine Lust mehr auf Krise" kommentierte Englisch. Man wolle nach vorne blicken. Auch die Investitionsbereitschaft steigt wieder leicht. Nur noch 17 Prozent der Firmen wollen ihre Investitionen reduzieren, nach 23 Prozent im Januar.

Dauer-Forderung nach Bürokratie-Abbau

54 Prozent der Befragten waren der Meinung, der Bürokratie-Abbau sei "sehr wichtig", um den Mittelstand in Deutschland deutlich zu stärken. Trotz der entsprechenden Bemühungen auf nationaler und europäischer Ebene (Siehe EURACTIV.de vom 22. Mai 2009), scheinen hier keine durchgreifenden Fortschritte wahgenommen zu werden. "Es wird in Deutschland immer ein entscheidendes Thema bleiben, weil wir ein sehr stark reguliertes staatliches und wirtschaftliches Umfeld haben" sagte Englisch gegenüber EURACTIV.de. "Für wirklich durchgreifende Veränderungen und Entlastungen fehlt der Mut." Das Informations-, Kontroll- und Rechtfertigungsbedürfnis der staatlichen Behörden sei sehr hoch. "Davon loszulassen fällt offenbar schwer."

EU-Maßnahmen werden kaum wahrgenommen

EU-Initiativen wie den Small Business Act (siehe EURACTIV-Link-Dossier), der das Prinzip ‚Vorfahrt für kleinere und mittlere Unternehmen" in der EU-Politik verankern soll, scheinen die Unternehmen kaum zu registrieren. "Regelungen der Europäischen Union werden von den Unternehmen überwiegend als zusätzlicher administrativer Aufwand wahrgenommen und nicht als Erleichterung", sagte Peter Englisch mit Blick auf Gespräche mit Unternehmern. Die Marktchancen des EU-Binnenmarkts würden dagegen gewürdigt und seien entscheidend für den Erfolg des Mittelstands. In der Krise bewähre sich, dass die EU-Staaten den Unternehmen ohne Handelsbeschränkungen und Protektionismus offen stünden. 

awr