Deutsche Krisenstimmung

Die Deutschen sehen die Konjunktur einbrechen, rechnen aber kaum mit privaten Folgen, so das Ergebnis einer Umfrage. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind wieder salonfähig, und Deutschland gilt als Gewinner der Globalisierung.

Optimismus trotz Krise – im Privaten rechnen noch wenige Deutsche mit finanziellen Einbußen. Foto: Thorsten Freyer / Pixeilio.de
Optimismus trotz Krise - im Privaten rechnen noch wenige Deutsche mit finanziellen Einbußen. Foto: Thorsten Freyer / Pixeilio.de

Die Deutschen sehen die Konjunktur einbrechen, rechnen aber kaum mit privaten Folgen, so das Ergebnis einer Umfrage. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind wieder salonfähig, und Deutschland gilt als Gewinner der Globalisierung.

Das Stimmungsbild scheint paradox: Die Deutschen bewerten die Konjunktur so düster wie seit 1998 nicht mehr: Nur 18 Prozent rechnen in den kommenden 12 Monaten noch mit einer Verbesserung. Zu diesem Ergebnis kommt die traditionielle Bevölkerungsbefragung der Wirtschaftsjunioren, die Ende April unter rund 12.000 Bürgern durchgeführt wurde. 58,1 Prozent erwarten demnach eine tiefgreifende und lang andauernde Wirtschaftskrise.

Zugleich sind die Befragten mit Blick auf ihre persönliche Zukunft recht optimistisch. Immer noch halten 78 Prozent ihren Arbeitsplatz für sicher (minus 4 Prozent im Vgl. zu 2008). Nur rund 35 Prozent erwarten eine Verschlechterung ihrer finanziellen Situation. Das sind bloß zwei Prozent mehr als im April 2008, als in Deutschland das Ausmaß der Finanz- und Wirtschaftskrise noch kaum absehbar war. "Auch wenn die Deutschen als Schwarzmaler gelten, lassen sie sich von dieser Krise nicht unterkriegen", wertete der Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren, Stefan Kirschsieper, die Ergebnisse. 

Staatseingriffe wieder beliebter

Mit der Krise hat sich die Haltung der Deutschen zum staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft verändert. Noch im Jahr 2004 sprachen sich 65 Prozent der Befragten für einen geringeren Einfluss des Staates auf die Wirtschaft aus. 2009 wollten dies nur noch 32,5 Prozent. Umgekehrt ist der Anteil derer gestiegen, die einen stärkeren Einfluss des Staates auf die Wirtschaft befürworten (von 25 Prozent im Jahr 2004 auf 33,4 Prozent im Jahr 2009).

Die Wirtschaftsjunioren sehen diesen Trend kritisch, setzt sich der Unternehmerverband doch für möglichst wenig Einmischung des Staates ein. "Die Realwirtschaft muss sich selbst helfen, um diese Krise zu überstehen", so Stefan Kirschsieper. Die Bürger dürften nicht glauben, dass Staatshilfen alle Probleme der Wirtschaft lösen könnten. Stattdessen solle der Staat in Bildung investieren.

Deutsche sehen sich als Globalisierungsgewinner

Auch in der Krise setzt sich der Trend fort, dass Deutschland immer mehr als Gewinner der Globalisierung gesehen wird. 43 Prozent der Befragten waren im April 2009 dieser Ansicht, im Vergleich zu 18 Prozent im Jahr 2004. China wird immer noch als härtester Konkurrent empfunden (77 Prozent). Im Gegensatz zur Bevölkerung sahen Manager in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage von Ernst & Young (EURACTIV.de vom 4. Juni 2009) die Konkurrenten für den Wirtschaftsstandort Deutschland eher innerhalb der EU.

Kaum Gründergeist

Die Idee, sich selbstständig zu machen, ist hierzulande weiterhin wenig verbreitet. Mehr als die Hälfte der Befragten (50,5 Prozent) hat noch nie über diesen Schritt nachgedacht. Diejenigen, die ihren Plan zur Selbstständigkeit nicht umsetzten, nannten als Grund vor allem "ein zu hohes persönliches Risiko" (28,7 Prozent). Für 20,1 Prozent fehlte das Startkapital. Die Selbständigen zeigten sich allerdings auch in der Krise zufrieden. 61 Prozent von ihnen gab an, noch nie darüber nachgedacht zu haben, ihre Tätigkeit wieder aufzugeben.

Da in Europa allgemein der Gründergeist weit weniger ausgeprägt ist als in den USA, versucht die EU-Kommission im Rahmen des Small Business Act (Siehe EURACTIV Link-Dossier zum SBA), das selbständige Unternehmertum in der EU zu fördern.

Information:

Die Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJD) sind ein Verband von Unternehmern und Führungskräften unter 40 Jahren und zählen in Deutschland rund 10.000 Mitglieder.

awr