Die vielen weißen Flecken in der Gesundheitsversorgung der EU
Versorgungslücken in ländlichen Regionen stellen in allen EU-Ländern eine Herausforderung für die Gesundheitssysteme dar. Für die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten gehen sie oft mit mangelhafter medizinischer Versorgung einher.
Versorgungslücken in ländlichen Regionen stellen in allen EU-Ländern eine Herausforderung für die Gesundheitssysteme dar. Für die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten gehen sie oft mit mangelhafter medizinischer Versorgung einher.
Der englische Begriff medical desert (medizinische Wüste) bezeichnet einen Mangel an medizinischem Personal oder medizinischen Diensten in bestimmten geografischen Gebieten, vor allem in ländlichen und abgelegenen Regionen.
In der Praxis kann dies beispielsweise bedeuten, dass eine Person, die in einem Dorf in einem ländlichen Gebiet lebt, aufgrund des Mangels an medizinischem Personal vor Ort bestimmte medizinische Leistungen nicht in Anspruch nehmen kann.
Eine schnelle Lösung für das Problem gibt es nicht, sehr wohl aber Maßnahmen, die Staaten ergreifen könnten, um es zu lösen.
„Dies ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir stehen“, betonte Natasha Azzopardi-Muscat von der Europaabteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegenüber EURACTIV.
Das Auftreten medizinischer Wüsten kann viele Ursachen haben, aber ein Forschungsprojekt zur Analyse der „medizinischen Wüstenbildung“, das vom Dritten EU-Gesundheitsprogramm kofinanziert wird, listet sechs Kategorien von Gründen auf, die die Entstehung medizinischer Wüsten erklären können.
Dabei handelt es sich um physische Infrastruktur, berufliche, pädagogische, sozio-kulturelle, wirtschaftliche und politische Gründe.
Azzopardi-Muscat hob auch die Überalterung als einen der Gründe hervor. Der steigende Altersdurchschnitt des Gesundheits- und Pflegepersonals ist ein ernsthaftes Problem für die europäischen Gesundheitssysteme, wie ein aktueller Bericht des WHO-Regionalbüros für Europa feststellt.
„Selbst in der Primärversorgung und im Gemeinwesen, wo typischerweise der Dorfarzt in den Ruhestand geht, arbeiten viele von ihnen über das Rentenalter hinaus, nur um den Dienst aufrechtzuerhalten, weil sie keinen Ersatz finden“, sagte Azzopardi-Muscat.
Dies sei in ganz Europa ein Problem, fügte sie hinzu. „Es ist ein Problem in Skandinavien, es ist ein Problem in Frankreich. Es ist auch anderswo ein Problem“, sagte sie.
Bei der Suche nach Ersatz in ländlichen Gebieten geht es nicht nur um Geld, oder zumindest nicht nur darum.
„Es geht auch um die Tatsache, dass die Arbeit in einer ländlichen Gemeinde sehr einsam, beängstigend und stressig sein kann, insbesondere für jüngere, weniger erfahrene Fachleute“, so Azzopardi-Muscat.
Für den Vizepräsidenten der European Junior Doctors Association (EJD), Antanas Montvila, ist es schwierig, Leute zu finden, die bereit sind, in ländlichen Gebieten zu arbeiten. „Das liegt aber nicht daran, dass die Leute nicht in ländlichen Krankenhäusern arbeiten wollen“.
„Es ist ein breiterer kultureller Aspekt“, sagte er letzte Woche bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Gasteiner Gesundheitsforums und erklärte, dass „die Menschen im Allgemeinen nicht in ländlichen Gebieten leben wollen.“
„Wenn sie den Hippokratischen Eid abgelegt haben, bedeutet das nicht, dass sie auf dem Land arbeiten werden, weil wir das brauchen. Die Generation ändert sich“, betonte er.
Medizinische Wüsten bekämpfen
Azzopardi-Muscat stimmte zu, dass die Lösung in der ländlichen Entwicklung als Ganzes liege.
„Wir müssen anerkennen, dass dies Teil einer Strategie der ländlichen Entwicklung, der Regeneration und der Nachhaltigkeit sein muss“, sagte sie.
Mit Blick auf die EU sagte sie: „Genauso wie sichergestellt wird, dass die Felder bearbeitet und bestellt werden […], ist es fast ein ähnliches Programm, bei dem wir sagen: Im Rahmen der Strategie zur Entwicklung des ländlichen Raums müssen wir dafür sorgen, dass auch die Gesundheitsversorgung gewährleistet ist.“
Der Bericht des WHO-Regionalbüros für Europa enthält einen zehnstufigen Aktionsplan, dessen vierte Stufe sich mit medizinischen Wüsten befasst. Dazu sollen Strategien entwickelt werden, mit denen Gesundheitsfachkräfte in ländlichen und abgelegenen Gebieten angeworben und dort gehalten werden können.
In dem Bericht erklärt das WHO-Regionalbüro für Europa, dass es die Länder und die nationalen Politikdialoge bei der Entwicklung faktengestützter Strategien unterstützen werde, die sich auf den im letzten Jahr veröffentlichten WHO-Leitfaden zur Entwicklung, Anwerbung, Einstellung und Bindung von Gesundheitspersonal in ländlichen und abgelegenen Gebieten stützen sollen.
In den europäischen Ländern gibt es verschiedene Beispiele dafür, wie das Problem angegangen werden kann.
Finnland beispielsweise wendet einen Mix von Strategien an. Dazu gehören Anpassungen bei der geografischen Verteilung von Ausbildungsplätzen, mehr Aufgaben von Ärzt:innen an Krankenpfleger:innen zu delegieren sowie Anreize (darunter Gehaltsvorteile und flexible Arbeitszeiten), um die Niederlassung in unterversorgten Gebieten zu fördern.
In Lettland geben derweil Medizinuniversitäten jenen Bewerber:innen den Vorzug, die sich bereiterklären, nach Abschluss ihrer Ausbildung in einem ländlichen Gebiet zu arbeiten. Allgemeinmediziner:innen, die in unterversorgten Gebieten praktizieren, werden finanzielle Anreize geboten.
In der Zwischenzeit bereitet sich Azzopardi-Muscat auf eine Reise in ein ländliches Gebiet im Norden Schwedens nächsten Monat vor, um „eine Demonstrationsplattform“ zu starten – ein digitales Zentrum für Bürger, das mit größeren Krankenhäusern verbunden ist, „wo man Unterstützung findet.“
„Realistischerweise werden wir nicht genügend Arbeitskräfte haben, die daran interessiert sind, [in ländliche Gebiete] zu gehen und dort zu bleiben, die Zahl wird immer kleiner“, sagte Azzopardi-Muscat.
Deshalb „müssen wir nach wirklich innovativen Lösungen suchen und mit den Gemeinden zusammenarbeiten, um die besten Lösungen zu finden“, sagte sie.
Bessere Daten über die Verteilung des Gesundheitspersonals auf subnationaler Ebene spielen ebenfalls eine Rolle. Dem WHO-Bericht zufolge können sie der Politik Impulse geben, um Fachkräfte in unterversorgte Gebiete zu locken.
Abschließend wird in dem Bericht betont, dass es kein Patentrezept gebe und eine „Mischung von Maßnahmen“ erforderlich sei, die an die lokalen Gegebenheiten angepasst sind, um sicherzustellen, dass die Maßnahmen zur Verbesserung der Anwerbung und Bindung von Fachkräften funktionieren.