Digitales Europa

Mehr Handys als Einwohner und das weltgrößte Breitband-Netz - die EU-Kommission durchleuchtet das digitale Europa. Deutsche sind Online-Gamer und verpassen das E-Government. Digitale Inhalte gelten als gratis und die wirklich großen Player sitzen in den USA.

Wer gewinnt das Wettrennen um den digitalen Markt? Deutsche spielen zumindest gerne Games wie „Burnout Paradise“. Foto: EA.
Wer gewinnt das Wettrennen um den digitalen Markt? Deutsche spielen zumindest gerne Games wie "Burnout Paradise". Foto: EA.

Mehr Handys als Einwohner und das weltgrößte Breitband-Netz – die EU-Kommission durchleuchtet das digitale Europa. Deutsche sind Online-Gamer und verpassen das E-Government. Digitale Inhalte gelten als gratis und die wirklich großen Player sitzen in den USA.

Die digitale Wettbewerbsfähigkeit der EU ist einem Bericht (4. August 2009 / Englisch) der Kommission zufolge in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Mehr als die Hälfte der EU-Bürger (56 Prozent) sei regelmäßig online. Schnelle Internet-Anschlüsse sind inzwischen fast Standard und machen 80 Prozent aller Verbindungen aus.

Allerdings ist die Nutzung in Deutschland je nach Alter, Geschlecht und Bildung höchst unterschiedlich, wie die Studie "(N)ONLINER Atlas 2009", durchgeführt vom Marktforschungsinstitut TNS Infratest im Auftrag der Initiative D21 kürzlich ergab (Siehe EURACTIV.de vom 30. Juni 2009). Bildungsferne Schichten bleiben demnach am ehesten aus der digitalen Welt ausgeschlossen.

Bei der Nutzung des Breitband-Internet steht Europa laut dem EU-Bericht an der Weltspitze. Auch das Mobiltelefon hat sich mehr als durchgesetzt. Inzwischen gibt es in der EU mehr Handys als Einwohner. Rein rechnerisch besitzt jeder 1,2 Geräte.

Deutschland oft nur Mittelmaß

Deutschland erreicht in der Studie einen speziellen Spitzenplatz. Nirgendwo in der EU laden so viele Menschen Videospiele aus dem Netz herunter. 2008 beschaffte sich jeder fünfte Deutsche (18 Prozent) online ein Spiel.

Im Bereich E-Government liegt Deutschland dagegen nur auf Platz 15. Gerade einmal 10 Prozent der Deutschen nutzten 2008 elektronische Dienste der Behörden. In Holland waren es dagegen 32 Prozent, wie das Initiates file downloadLänder-Ranking zu allen Daten der Studie zeigt.

Richtig schlecht fällt die deutsche Bilanz des E-Government für Unternehmen aus. Nur 45 Prozent der Firmen nutzten elektronische Formulare (Platz 20 in der EU). In Finnland nahmen 81 Prozent der Firmen diesen Service in Anspruch.

Jugend dominiert das Web 2.0

Die "digitale Generation" im Alter zwischen 16 bis 24 Jahren ist der Studie zufolge am aktivsten im Netz unterwegs. Sie nutzt zu 73 Prozent die Möglichkeiten des Web 2.0, erstellt und teilt etwa eigene Inhalte im Internet. Im Gesamtschnitt sind dagegen nur 35 Prozent im "Mitmach"-Web angekommen.

Das Internet gilt als Gratis-Welt

Sorgen sollte Anbieter von Inhalten die Mitnahme-Mentalität der Jüngeren. Digitaler Content scheint für viele nichts "wert" zu sein. 33 Prozent sagen, sie seien überhaupt nicht bereit, für Inhalte wie Musik oder Videos im Netz Geld auszugeben. Diese Meinung scheint aber deshalb wenig verwunderlich, weil es bislang fast jeden digitalen Inhalt gratis im Web gab – ob legal oder illegal.

Zumindest hat die "digitale Generation" überhaupt schon erste Erfahrungen mit dem Erwerb digitaler Inhalte im Netz. 10 Prozent gaben hierfür schon Geld aus, im Bevölkerungsschnitt waren es nur 5 Prozent.

Die EU ist kein digitaler Marktplatz

Enttäuschend ist die Bilanz für die Verfechter eines digitalen EU-Binnenmarkts. Gerade einmal 7 Prozent der EU-Verbraucher trauten sich, über das Netz in einem EU-Nachbarstaat einzukaufen.

Reding fordert koordinierte Maßnahmen

Die für die Informationsgesellschaft und Medien zuständige EU-Kommissarin, Viviane Reding, forderte von den EU-Staaten, "koordinierte Maßnahmen" zu treffen, um das "gewaltige Umsatzpotenzial" der digitalen Wirtschaft für ein nachhhaltiges Wachstum zu nutzen. Hindernisse für neue Dienste müssten beseitigt werden, kommentierte Reding die Ergebnisse der Studie. 

Bei Forschungs-Investitionen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und auf innovativen Märkten wie der Online-Werbung liegt Europa der Kommission zufolge noch immer weit hinter den USA und Japan zurück.

In einer öffentlichen Konsultation ruft die Kommission Bürger und Unternehmen bis zum 9. Oktober 2009 auf, Strategien für die Entwicklung der digitalen Wirtschaft vorzuschlagen.

Kritik an der Kommission

Die Arbeit der Kommission wurde jüngst vom Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und Neue Medien (BITKOM) scharf kritisiert. Mit der Festlegung von Tarifobergrenzen für Telefonate werde der Wettbewerb zwischen den Unternehmen ausgeschaltet, Investitionen in das Breitbandnetz würden behindert (siehe EURACTIV.de vom 2. Juli 2009). 

Europa hat Anschluss längst verpasst

Die gestiegene Internetnutzung in Europa kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass europäische Unternehmen die digitale Revolution kaum mitgestalten. Die großen Konzerne von Google über Ebay und Amazon bis Mircosoft sitzen weiterhin in den USA. Soziale Netzwerke wie Facebook und MySpace sind ebenfalls in Nord-Amerika zu Hause. Die Entwicklung und Herstellung von Handys und Computern ist inzwischen fast ausschließlich Asien vorbehalten.

awr

Links:

EU-Kommission: Europe’s Digital Competitiveness Report (4. August 2009)

EU-Kommission: Übersicht zu allen Studien, Trends und Daten zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit.