Energie-Renovierungen als "Flaggschiff" des europäischen Green Deals

Ein Renovierungsprogramm für Wohnungen, das darauf abzielt, den Energieverbrauch von Gebäuden zu senken, wird "eines der Flaggschiffe" des angekündigten Green Deals für Europa sein.

EURACTIV.com
Hearing of Frans TIMMERMANS, Executive Vice President-designate, European Green Deal – Q&A session
Sieht die Verbesserung der Gebäude-Energieeffizienz in Europa als wichtigen Pfeiler für seinen "Green Deal": Der designierte Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans. [<a href="https://multimedia.europarl.europa.eu/en/hearing-of-frans-timmermans-executive-vice-president-designate-european-green-deal-q-a-session_20191008_EP-092287C_EGZ_538_p#ssh" target="_blank" rel="noopener">© European Union 2019 - Source : EP</a>]

Ein Renovierungsprogramm für Wohnungen, das darauf abzielt, den Energieverbrauch von Gebäuden zu senken, wird „eines der Flaggschiffe“ des angekündigten Green Deals für Europa sein, den die neue Kommission kommenden Monat präsentieren will. Das teilte ein EU-Beamter während einer von EURACTIV ausgerichteten Veranstaltung mit.

„Aus unserer Sicht ist klar: Wenn wir bis 2050 eine dekarbonisierte Wirtschaft erreichen wollen, muss der Heizsektor einen überaus wichtigen Beitrag leisten,“ so Robert Nuij von der Energiedirektion der Europäischen Kommission.

„Eines der Flaggschiffe der neuen Kommission werden dabei Maßnahmen zur Gebäudesanierung sein,“ kündigte Nuij am vergangenen Donnerstag (21. November) bei einer EURACTIV-Veranstaltung an.

Gebäude – und dabei insbesondere Warmwasserboiler und Heizungen – sind für 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der EU verantwortlich und tragen damit am stärksten zu den Emissionen und zum Klimawandel in Europa bei.

Zum jetzigen Zeitpunkt sei jedoch noch unklar, welche konkreten Maßnahmen in das Paket aufgenommen werden, räumte der Beamte ein: „Es ist aber klar, dass der Schwerpunkt auf der Erhöhung der Sanierungsraten von Gebäuden und der verstärkten Umstellung alter Heizmethoden auf neue, dekarbonisierte Heiztechnologien liegen muss.“

Das Programm zur Gebäudesanierung wurde erstmals im vergangenen Monat vom neuen Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans, während seiner Bestätigungsanhörung im Europäischen Parlament angekündigt.

Die Behörden der EU und der Mitgliedstaaten sollen dafür ihre Kräfte bündeln und „große Renovierungsprojekte“ in Betracht ziehen, um beispielsweise im großen Stil „Isolierungen oder Doppelverglasungen zu bezahlen“, sagte der Niederländer den Europaabgeordneten damals.

Finanzierungen der Europäischen Investitionsbank (EIB), die kürzlich ihre Energiefinanzierungspolitik überarbeitet hat, könnten ebenfalls mobilisiert werden, „um sicherzustellen, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht Zehntausende von Euro im Voraus bezahlen müssen – was sie oftmals einfach nicht können“, legte Timmermans nahe.

Hauptproblem: die Kosten

Welche Hürden die Verbraucherinnen und Verbraucher derzeit daran hindern, auf „sauberere“ Heizsysteme umzusteigen, ist hinreichend bekannt: Sie sind vor allem wirtschaftlicher Natur. Laut einer neuen Umfrage von Savanta ComRes, die ebenfalls am Donnerstag veröffentlicht wurde, sind die Kosten für die meisten Konsumenten weiterhin der größte Faktor bei der Wahl einer neuen Heizungsanlage. Laut der Umfrage, die 13 EU-Länder umfasste, sind neben den monatlichen Energierechnungen auch die Kosten für den Einbau ein wichtiger Faktor.

Allerdings werden die Entscheidungen der EU-Bürgerinnen und -Bürger auch verstärkt von Umweltaspekten beeinflusst, insbesondere in Ländern wie Frankreich, Italien und Deutschland. Auf die Frage nach ihrer Bereitschaft, auf umweltfreundlichere Heizsysteme umzusteigen, nannten 82 Prozent Solar als bevorzugte Alternative, gefolgt von Erdgas (59 Prozent) und Geothermie (58 Prozent).

Insgesamt seien Umweltfragen aber nach wie vor „nie wichtiger als Kosten“, heißt es in einer Studie im Auftrag von Eurogas, einem Industrieverband, der auch die EURACTIV-Veranstaltung unterstützte.

„Die Umfrage hat gezeigt, dass die Bürger eine Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen wollen,“ so Eurogas-Generalsekretär James Watson. Auch er betonte: „Wenn es um Heizungen geht, wollen die Europäer Umweltvorteile, Kosteneinsparungen und benutzerfreundliche Geräte. Sie wollen auch, dass Regierungen und Unternehmen ihren Teil dazu beitragen, indem sie Anreize für den Wechsel der Heizungssysteme bieten und mehr Informationen über die verfügbaren Optionen liefern.“

Energiearmut

Aus Sicht von Monique Goyens, Generaldirektorin der europäischen Verbraucherschutzorganisation BEUC, gibt es noch ein weiteres Thema, das die europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher beim Wechsel der Heiz- und Warmwassersysteme bewegt: Die Angst vor „Energiearmut“.

Eine Dekarbonisierung des Heizsektors, mehr Energieeffizienz und weitere Gebäudesanierung „verstehen sich von selbst“, sagte sie. Es brauche offensichtlich ein „massives Wohnraumsanierungsprogramm“ zur Senkung des Energieverbrauchs von Gebäuden. Aber die Regierungen müssten die Menschen auch dabei unterstützen, ihre Heizungssysteme zu wechseln – „und zwar mit finanziellen Mitteln wie Steueranreizen und Subventionen. Sonst werden [die Menschen] es einfach nicht tun,“ betonte Goyens.

„Der Energiewandel muss menschenzentriert sein,“ glaubt auch Federica Sabbati von der European Heating Industry (EHI), eines Unternehmerverbands, der Hersteller von Heizsystemen auf Basis von Solar, Gas und Biomasse vertritt.

„Der erste große Schritt [in Richtung Klimaneutralität], der noch nicht getan ist, ist die Modernisierung von Gebäuden,“ so Sabbati. „Und ich denke, hier müssen wir über die gesamte Dekarbonisierung von Gebäuden sprechen und nicht nur über das Heizen,“ betonte sie. In dieser Hinsicht sei auch die Gebäudeisolierung sowie die „Energieinfrastruktur“ entscheidend.

Kein Allheilmittel, sondern diverse Ansätze

Von Seiten der Europäischen Kommission stimmte Robert Nuij dieser Ansicht zu und erklärte ebenso, die aktuellen Hindernisse für umweltfreundlichere Heizungen seien vielfältig – und nicht ausschließlich wirtschaftlich begründet. „Wir sehen Informationsbarrieren, regulatorische Barrieren und ja, auch wirtschaftliche Barrieren“, sagte Nuij den Teilnehmern der EURACTIV-Veranstaltung.

„Wir versuchen, diese Barrieren abzubauen und es den Menschen zu erleichtern, umweltfreundlichere Heizsysteme zu kaufen,“ versprach er.

Es werde letztendlich jedoch „viele Wege geben“, um den Heizsektor zu dekarbonisieren, so der Kommissionsbeamte. „Aus politischer Sicht ist es für uns sehr wichtig, klare langfristige Ziele festzulegen, die den Märkten Sicherheit darüber geben, wohin wir uns bewegen sollten. So können wir dann die Rahmenbedingungen schaffen, damit die Verbraucher die richtigen Entscheidungen treffen können.“

Auch EU-Standards und Normen werden dabei eine Rolle spielen: „Wir überarbeiten aktuell unsere Maßnahmen zum ökologischen Design von Raumheizungen und Warmwasserboilern,“ erläuterte Nuij.

Dabei komme vor allem den Regierungen der EU-Staaten eine zentrale Rolle zu. Denn in den nationalen Strategien für die Renovierung von Gebäuden, die im kommenden Jahr vorgelegt werden sollen, werden auch nationale Ziele für 2030, 2040 und 2050 hinsichtlich der „Dekarbonisierung“ des Gebäudebestandes festgelegt.

Darüber hinaus könnten auch die Netzbetreiber eine aktivere Rolle bei der Heiz-Wende spielen, findet Goyens und verweist dabei auf den Widerstand der Stromnetzbetreiber auf lokalen Verteilungsebenen. „Die haben wirklich ein Problem mit alternativen Energien wie Solarmodulen,“ kritisierte sie. Insbesondere, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher vermehrt ihren eigenen Solarstrom produzieren, „stört das bisher gemütliche Geschäft des Netzmanagements“. Sie sehe insgesamt „einen deutlichen Mangel an Engagement für kreative Lösungen“ von Seiten der Betreiber.

Auch Energiekonzerne bekamen ihr Fett weg: Goyen monierte, dass „grüne Angebote“ für die Kunden oftmals wenig transparent gehalten werden und darüber hinaus häufig „nur auf dem Papier“ grün seien.

Sie schloss: „Das Mindeste, was [die Energieunternehmen] tun sollten, ist, Greenwashing zu vermeiden.“

[Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins]