Erfindungen gegen die Krise
Ein 'Dummy' für Herzchirurgen, erdbebensichere Mauern und ein Schnelltest für Krankenhausinfektionen - Mittelständler versuchen in der Krise mit Innovationen ihr Glück. Die deutschen Fördermillionen fließen. Brüssel gilt Tüftlern als Umweg.
Ein ‚Dummy‘ für Herzchirurgen, erdbebensichere Mauern und ein Schnelltest für Krankenhausinfektionen – Mittelständler versuchen in der Krise mit Innovationen ihr Glück. Die deutschen Fördermillionen fließen. Brüssel gilt Tüftlern als Umweg.
Immer mehr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) beantragen Forschungsförderung beim Bund. Das geht aus einer ersten Bilanz des vor einem Jahr aufgelegten „Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM) hervor. „Der Antragseingang übertrifft unsere Erwartungen. Wir haben den Bedarf der Wirtschaft erfasst, das kann man ja nicht für alle Programme sagen“, kommentierte der Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung und Parlamentarische Staatssekretär Hartmut Schauerte bei dem 16. Innovationstag Mittelstand am 1. Juli in Berlin.
Insgesamt wurden über 4700 Anträge gestellt. Allein zwischen Mai und Juni 2009 stieg die Zahl der angemeldeten Projekte von 650 auf den Rekordwert von 750. „Das ist schon eine enorme Hausnummer, und die Dynamik nimmt zu“, so Schauerte.
Budget mehr als verdoppelt
Im Rahmen des Konjunkturpakets II hat die Bundesregierung das ZIM-Budget für 2009 und 2010 um 900 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden Euro aufgestockt. Gefördert werden KMU (bis 1000 Mitarbeiter) und Forschungseinrichtungen bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen. Bisher wurden Anträge mit einem Volumen von 221 Millionen Euro
bewilligt. Nur jeder dritte Antrag wurde abgelehnt. An den laufenden Projekten arbeiten ca. 9000 Menschen.
Das Geld fließt entweder in Kooperationen zwischen Mittelständlern und Hochschulen (ZIM KOOP), in Netzwerke von mindestens sechs Unternehmen (ZIM-NEMO) oder an einzelne Betriebe (ZIM-SOLO). Die Liste der so bezuschussten Innovationen ist bunt, da finden sich u. a. eine High-End-Überwachungskamera, ein matrazenloses Pflegebett, ein ‚Dummy‘ für Herz-Chirurgen und eine Brennstoffzelle für Signalbojen auf hoher See. Das Programm ist für alle Entwickler offen, die meisten Projekte stammen bisher aus den Bereichen Maschinenbau, erneuerbare Energien und Medizintechnik.
„Es lohnt sich wirklich, wenn man als Mittelständler eine Idee hat, einen Antrag zu schreiben“, so Schauerte. In der Krise sei es einfach nur klug, noch intensiver auf Entwicklung und Innovation zu setzen. „Wer jetzt mit Forschung und Entwicklung aufhört, verhält sich genauso dumm wie ein Einzelhandelskaufmann, der seine Schaufenster verkleinert, weil die Umsätze eingebrochen sind.“
Die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF), die als ein Projektträger die Mittelvergabe koordiniert, hob die Bedeutung der Innovationen für die Mittelständler hervor. KMU, die forschen und entwickeln, seien weit weniger von Umsatzeinbrüchen und Personalabbau in der Krise betroffen, so das Ergebnis einer Untersuchung.
AiF-Präsident Thomas Gräbener sieht die Krise als Chance. Viele Maschinenbauer hätten etwa zu 100 Prozent für die Auto-Industrie gearbeitet, und in der Hochkonjunktur gut verdient. Dabei hätte viele die Diversifikation versäumt, nun werde wieder in neue Produkte und Geschäftsfelder investiert. „So was macht man eben gerade in der Krise, weil man jetzt die Kapazitäten hat – man hat die Leute frei, die nicht mehr im Tagesgeschäft stecken“, so Gräbener.
Deutschland sei auch aufgrund der Forschungsförderung sehr gut aufgestellt für die Zeit nach der Krise. „Sich einigeln wäre das Schlimmste, was man jetzt machen kann“, so Gräbener. Zugleich herrsche bei vielen der Unternehmen Verunsicherung darüber, wie lange die Krise noch dauert.
Kritik an EU-Förderung: Zu langwierig, zu marktfern
Norbert Kampmann, Leiter des Referats Forschungskooperation des BMWi, sieht die deutsche Forschungsförderung für KMU im Vergleich zu EU-Initiativen im Vorteil. Im ZIM lägen die Antragszeiten bei 2 bis 3 Monaten, in Brüssel gäbe es dagegen Bearbeitungszeiten von 9 Monaten und mehr. „Wenn ein Mittelständler in der heutigen Zeit ein Produkt möglichst schnell auf den Markt bringen will, dann sind derart lange Antragsfristen hinderlich“.
Kampmann ist beim Thema EU-Förderung generell skeptisch. „Für Unternehmer ist es natürlich hier viel einfacher, als wenn er sich fragt, wie die Förderungslandschaft und die Bewilligungssituation in Brüssel aussieht.“ Unternehmer mieden den „Umweg“ über Brüssel, wenn es hierzulande Förderungsmaßnahmen gäbe. Zudem sei die deutsche Förderung „marktnah“, während das bei der EU-Förderung nicht unbedingt der Fall sei. „Wir fragen die Unternehmer, wie sich sein Projekt am Ende wirtschaftlich tragen soll.“
awr