Europas Stromnetzunterstützung für Afrika könnte ihr Ziel verfehlen

Afrikas Staats- und Regierungschefs haben mit Unterstützung der EU ein umfassendes, kontinentweites Stromnetz geplant.  Aber fast eine halbe Milliarde Afrikaner haben keinen Strom - und laufen zunehmend Gefahr, abgehängt zu werden.

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Je weiter ein Haushalt vom Stromnetz entfernt ist, desto teurer wird der Anschluss, besonders in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte. [Peter Titmuss/Getty Images]

Afrikas Staats- und Regierungschefs haben mit Unterstützung der EU ein umfassendes, kontinentweites Stromnetz geplant. Aber fast eine halbe Milliarde Afrikaner haben keinen Strom – und laufen zunehmend Gefahr, abgehängt zu werden.

Im Jahr 2019 einigte sich die Afrikanische Union, zu der 55 Mitglieder zählen, auf einen langfristigen Plan für ein umfassendes Stromnetz. Es soll sich von Marokko bis Südafrika erstrecken und zwei Milliarden Bürgern zugutekommen. Die Europäische Union leistet als einer der Hauptinvestoren sowohl finanzielle als auch technische Unterstützung.

Sechs Jahre später steht der Kontinent vor einer noch dringlicheren Herausforderung: Rund 400 Millionen Afrikaner haben immer noch keinen Zugang zu Elektrizität. Die von den Vereinten Nationen für 2030 gesetzte Frist, das Problem zu lösen, wird mit ziemlicher Sicherheit nicht eingehalten werden können.

Während andere Kontinente Fortschritte machen – in Asien sank die Anzahl der Menschen ohne Zugang zu Elektrizität in den letzten 15 Jahren von mehr als 600 Millionen auf 100 Millionen – bedeutet das schnelle Bevölkerungswachstum in Afrika, dass die absoluten Zahlen stagnieren, auch wenn der Gesamtanteil sinkt.

„Es ist nicht hinnehmbar, dass mehrere hundert Millionen Menschen keinen Zugang zu Elektrizität haben“, sagte die EU-Generaldirektorin für Energie, Ditte Juul Jørgensen.

Jørgensen sprach Anfang Januar auf dem jährlichen Treffen der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) in Abu Dhabi, bei dem afrikanische Länder mit ihren EU-Partnern zusammentrafen.

Netzgebunden oder netzunabhängig

Menschen mit Strom zu versorgen, kann auf zwei Arten geschehen: Durch den Anschluss an ein ausgedehntes Kabelnetz – das nationale Stromnetz – oder durch die Schaffung lokaler, kleinerer Schnelllösungen, die als „Mini-Grids“ oder „netzunabhängige“ Lösungen bekannt sind. Im kleinsten Maßstab könnte das ein Haushalt mit einem Solarmodul sein.

„Die Entscheidung, ob ländliche Haushalte an das zentrale Stromnetz angeschlossen werden sollen, hängt von einer zentralen Frage ab: den Kosten“, sagte Esther Haftendorn, Politikberaterin bei der Afrika-EU-Energiepartnerschaft, gegenüber Euractiv.

Je weiter ein Haushalt vom Stromnetz entfernt sei, desto teurer werde der Anschluss, besonders in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte. Deshalb habe dieser Ansatz nicht immer funktioniert. 

William Brent, Marketingleiter des Kleinstromnetzunternehmens Husk, sagte: „Hunderte Millionen Menschen im ländlichen Afrika südlich der Sahara sind nicht an das Stromnetz angeschlossen, weil die zentralen Stromnetze sie nicht erreichen.“

Stattdessen kämen netzunabhängige Lösungen und Mikronetze zum Einsatz, die mehrere Haushalte zu einem kleinen lokalen Netz verbinden, erklärte Haftendorn.

Diese Ansätze haben jedoch ihre eigenen Nachteile: Sie sind ohne Subventionsprogramme oder einen größeren lokalen „Hauptklienten“ wie Fabriken oder Bauernhöfe selten wirtschaftlich tragfähig.

Oft sind sie außerdem von geringerer Qualität als das eigentliche Stromnetz und liefern im schlimmsten Fall gerade genug Strom für ein paar Glühbirnen, die wenige Stunden am Tag leuchten.

Europäische Prioritäten

Große, zentralisierte Netze sind die klare Präferenz, wenn es um die europäische Unterstützung für Afrika geht.

In ihrer Rede betonte Juul Jørgensen die Vorteile des europäischen Weges: umfangreiche Netze mit viel erneuerbarer Energie, die sich über mehrere Länder erstrecken. Die 5,5 Milliarden Euro, die zwischen 2014 und 2022 für Stromkabel und -netze auf dem afrikanischen Kontinent bereitgestellt wurden, dienten dieser europäischen Idee.

Laut einem Bericht der Energiepartnerschaft Afrika-EU flossen „fast alle Mittel in zentralisierte Netze, wobei nur 54 Millionen Euro für isolierte Mininetze bereitgestellt wurden“.

Ein Fehler, meinte Brent, denn angesichts des Mangels an Finanzmitteln und Kapazitäten sei es Wunschdenken, zu erwarten, dass der zentralisierte Netzansatz „in absehbarer Zeit“ Millionen von Menschen mit Strom versorgen werde.

Im Rahmen der Global Gateway-Initiative der EU, für die 150 Milliarden Euro für Afrika bereitgestellt wurden, werden derzeit vier grenzüberschreitende Kabelprojekte wird nur ein kleines Mininetz-Projekt zur Verbesserung des Stromzugangs in Westafrika gefördert.

Diese Entscheidung wurde getroffen, obwohl in von der EU finanzierten Berichten der Afrikanischen Union festgestellt wurde, dass der erwartete Strombedarf des Kontinents von etwa 3800 Terawattstunden (TWh) bis zum Jahr 2040 „am besten durch eine Kombination aus netzgebundenen und netzunabhängigen Lösungen gedeckt werden kann“.

Bis zum Jahr 2040 sollen Mininetze und netzunabhängige Systeme 15 Prozent des Stroms auf dem Kontinent liefern – eine Steigerung um das Hundertfache gegenüber den sechs TWh, die sie heute liefern.

Die EU-Unterstützung für diese Netzsysteme beläuft sich jedoch nur auf einen Prozent.

In Zukunft muss die finanzielle Unterstützung auf eine „Kombination aus netzgebundenen, Mininetzen und netzunabhängigen Systemen“ abzielen, heißt es im Bericht vom Dezember.

Ein Stromnetz für alles

Vorerst strebt die Afrikanische Union einen „kontinentalen Masterplan“ an, um einen „afrikanischen Strombinnenmarkt“ zu entwickeln, der für Millionen Menschen eine Stromversorgung bis zum Jahr 2035 schaffen soll. Dazu leistet die EU sowohl technische als auch finanzielle Unterstützung.

Letztendlich zielt das gewaltige Unterfangen darauf ab, die fünf regionalen Strompools des Kontinents bis zum Jahr 2063 zu einem kontinentweiten Netz zusammenzuführen.

„Um dieses Ziel zu erreichen, benötigen wir Investitionen in Höhe von etwa 1,3 Billionen US-Dollar“, sagte Amani Abou-Zeid, Energiekommissar der Afrikanischen Union, bei einem Briefing für Journalisten im vergangenen Jahr.

Prognosen der Internationalen Energieagentur für das Jahr 2024 besagen, dass Afrika der letzte Kontinent sein wird, auf dem Millionen von Menschen in den kommenden zehn Jahren ohne Strom bleiben werden. Es bleibt abzuwarten, ob eine europäische Vision dem Kontinent helfen kann, dieses Schicksal zu vermeiden.