EZB-Zinserhöhungen könnten Klima-Investitionen verringern

Die Erhöhung der Zinssätze durch die Europäischen Zentralbank (EZB) könnte Investitionen in erneuerbare Energie behindern, warnte der EU-Abgeordnete Rasmus Andresen. Er forderte die EZB daher dazu auf, andere Zinssätze für "grüne" Sektoren einzuführen. 

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Andresen, der Chefunterhändler des Europäischen Parlaments für die jährliche Entschließung zur Geldpolitik der EZB ist, fordert die Zentralbank auf, ihre Zinssätze zu "differenzieren", so dass grüne Investitionen von niedrigeren Zinssätzen profitieren können, um einen Anstieg ihrer Kapitalkosten zu verhindern. [[European Parliament]]

Die Erhöhung der Zinssätze durch die Europäischen Zentralbank (EZB) könnte Investitionen in erneuerbare Energie behindern, warnte der EU-Abgeordnete Rasmus Andresen. Er forderte die EZB daher dazu auf, andere Zinssätze für „grüne“ Sektoren einzuführen. 

Die EZB werde „auf Kurs bleiben“ und die Zinssätze weiter anheben, solange die Inflation in der Eurozone über dem Zielwert von 2 Prozent liege, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei einer Podiumsdiskussion auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am Donnerstag (19. Januar).

Einige politische Entscheidungsträger sind jedoch besorgt, dass dies die langfristige Lösung der Energiekrise gefährden könnte, insbesondere Investitionen in Energieeffizienz und saubere Energie.

„Wir befinden uns in einer Inflation, die durch Angebotsschocks im Energiebereich verursacht wird“, sagte der grüne Europaabgeordnete Andresen gegenüber EURACTIV.

„Das beste Mittel, dieses Problem zu lösen, kann nicht die Zentralbankpolitik, keine aggressive Zinspolitik sein, sondern muss sein, langfristig die Abhängigkeit von fossiler Energie zu lösen“, sagte er.

Andresen, der Chefverhandler des Europäischen Parlaments für die jährliche Resolution zur Geldpolitik der EZB ist, fordert die Zentralbank auf, bei den Zinssätze zwischen verschiedenen Sektoren zu unterscheiden. Dadurch sollen grüne Investitionen von niedrigeren Zinssätzen profitieren können, um einen Anstieg ihrer Kapitalkosten zu verhindern.

„Es gibt ökonomische Bereiche, in denen wir keine Dämpfung des Wachstums brauchen, sondern eigentlich mehr Aktivitäten“, sagte Andresen.

„Vor diesem Hintergrund sind wir der Meinung, dass ein differenzierteres Agieren, auch in Bezug auf die Zinsraten, dazu einen Beitrag leisten kann“, fügte er hinzu.

Dies wird von der NGO „Positive Money“ unterstützt, die argumentiert, dass sich höhere Zinssätze auf grüne Investitionen besonders stark auswirken.

„Grüne Energieprojekte sind kapitalintensiver, da sie größere Vorabinvestitionen erfordern“, heißt es in einem Briefing der NGO, das an die Abgeordneten verschickt wurde. „Die grüne Energiebranche reagiert daher empfindlicher auf höhere Kapitalkosten als traditionelle Industrien“, heißt es dort.

Indem die EZB bei ihren Refinanzierungsgeschäften niedrigere Zinssätze anbietet, wenn Banken Kredite für Investitionen in Energieeffizienz oder erneuerbare Energien vergeben, könnte „sie ihr Mandat zur Preisstabilität mit den ökologischen und wirtschaftlichen Zielen der EU in Einklang bringen“, so die NGO weiter.

Europaabgeordnete diskutieren über die Klimastrategie der EZB

Am Montag (23. Januar) werden Abgeordnete des Ausschusses für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments zur Strategie der EZB in Bezug auf den Klimawandel beraten.

„Wir werden nicht nur über diesen Vorschlag sprechen, sondern insgesamt über die Frage Klima, also die Verantwortung der EZB zur Einhaltung der Pariser Klimaziele“, sagte Andresen.

Andresen hofft, dass der Vorschlag für differenzierte Zinssätze in die parlamentarische Resolution aufgenommen wird, räumte aber ein, dass der Widerstand der liberalen und konservativen Fraktionen in der Kammer dies unwahrscheinlich macht.

Besonders die konservative EVP hat bereits Bedenken angemeldet.

„Die Inflation ist viel zu hoch, und es ist die wichtigste und einzige Aufgabe der EZB, sie zu senken, vor allem wenn man bedenkt, dass die Kerninflation in letzter Zeit den größten Beitrag zur Gesamtinflation geleistet hat“, sagte der konservative Abgeordnete Fulvio Martusciello gegenüber EURACTIV.

„So wie die EZB keine individuellen Inflationsraten auf Ebene der Mitgliedsstaaten anstrebt, unterscheidet sie auch nicht zwischen verschiedenen Anlageklassen“, sagte Martusciello, der die italienische Delegation innerhalb der Europäischen Volkspartei (EVP) leitet.

„Wie von Präsidentin Lagarde während unseres letzten Währungsdialogs bestätigt, ist das Thema der differenzierten Zinssätze nicht etwas, das die EZB in Erwägung ziehen würde“, schloss Martusciello.

„Finger weg von der Kreditpolitik“

Auch Experten warnen vor der Idee, die Zinssätze zu differenzieren und damit die Banken unterschiedlich zu behandeln, je nachdem, welche Kredite sie Unternehmen gewähren.

„Jetzt gibt es ja für alle Banken den gleichen Zins“ im Rahmen der Hauptrefinanzierungsgeschäfte der EZB, sagte Michael Bauer, Professor für Finanzökonomie an der Universität Hamburg, gegenüber EURACTIV.

„Dort also verschiedene Zinsen für verschiedene Banken zu verlangen, wäre natürlich ein krasser Umbruch, ein fundamental anderes System als jetzt“, sagte er und fügte hinzu, dass dies „erhebliche Risiken“ bergen würde.

„Ich denke, der Konsens ist, dass die Zentralbanken von ‚credit policy‘ möglichst die Finger lassen sollten“, sagte er. „Das ist zu komplex, zu schwierig und zu riskant. Und dafür hat die EZB auch gar kein Mandat“, so Bauer.

Er bezweifelt auch die Auswirkungen, die ein solcher Vorschlag haben würde.

„Grundsätzlich glaube ich auch nicht, dass ein halber Prozentpunkt niedrigere Zinsen einen Riesenunterschied für die ‚Green Transition‘ machen würden“, sagte Bauer. „Das ist ein langfristiges Problem, und wir kommen hier nur auf einen grünen Zweig, wenn wir die Inflation wieder unter Kontrolle bringen“, fügte er hinzu.

Fokus auf Unternehmensanleihen

Bauer gab allerdings auch zu bedenken, dass die Berücksichtigung der Klimabilanz der EZB auch Teil ihres Mandats ist.

„Man ist vertraglich verpflichtet, die wirtschaftspolitischen Ziele, inklusive der Ziele der Eindämmung des Klimawandels und der Transition zu unterstützen“, sagte er.

Nach Bauers Ansicht sollte sich die EZB dabei auf Unternehmensanleihen konzentrieren, die die Zentralbank im Rahmen ihrer „unkonventionellen“ Geldpolitik kauft.

Da die Unternehmen mit den höchsten Emissionen mehr Anleihen emittieren, würde der bloße Kauf dessen, „was verkauft wird, was im Markt ist“ automatisch einen „braunen“ Fußabdruck hinterlassen, was nicht im Einklang mit dem sekundären Mandat stünde, so Bauer.

Die EZB hat bereits Schritte unternommen, um dieses Problem zu lösen.

„Wir sind jetzt dabei, unser Portfolio an Unternehmensanleihen auf Emittenten mit besseren Klimabilanzen auszurichten, um die bestehende Verzerrung zugunsten emissionsintensiver Unternehmen zu beseitigen“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel auf einem Symposium am 10. Januar in Stockholm, Schweden.

Da die EZB jedoch im Rahmen ihrer Bemühungen zur Inflationsbekämpfung die in ihrer Bilanz gehaltenen Anleihen abbauen wird, könnte die alleinige Verwendung von Klimaindikatoren bei der Ersetzung fällig werdender Anleihen durch neue Anleihen nicht mehr ausreichen, so Schnabel.

Ohne Reinvestitionen müsste daher „eine aktive Umschichtung des Portfolios in Richtung umweltfreundlicherer Emittenten in Betracht gezogen werden“, so Schnabel.

„Das bedeutet, dass [die EZB] bei Unternehmensanleihen nun überlegt, solche zu verkaufen, die von Firmen ausgegeben wurden, die besonders braun sind“, erklärte Bauer.

Auch dies berge das Risiko einer Marktverzerrung, sei aber „praktisch viel einfacher machbar“ als eine Differenzierung der Zinssätze für Geschäftsbanken je nach deren Geschäftsmodell, so Bauer.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald/János Allenbach-Ammann]