Frankreich schlägt sein Carbon-Farming-System als Modell für EU vor
Nach Ansicht des französischen Landwirtschaftsministers Julien Denormandie sollte ein EU-Rahmen für Carbon Farming-Vergütungen nach dem Vorbild des in Frankreich bestehenden freiwilligen Systems gestaltet werden.
Nach Ansicht des französischen Landwirtschaftsministers Julien Denormandie sollte ein europäischer Rechtsrahmen für die Vergütung von Kohlenstoffsenken nach dem Vorbild des in Frankreich bestehenden, freiwilligen Systems gestaltet werden.
Denormandie nutzte die Gelegenheit eines informellen Treffens der Landwirtschaftsminister:innen der EU, das er Anfang Februar in Straßburg veranstaltete, um seinen europäischen Amtskolleg:innen das französische System der CO2-Zertifikate vorzustellen.
Beim Besuch eines Milchviehbetriebs, der das System bereits anwendet, erfuhren die Minister:innen von den Beteiligten, wie die Zertifizierung in der Praxis funktioniert.
Unter Carbon Farming versteht man landwirtschaftliche Praktiken, die darauf ausgerichtet sind, CO2 aus der Atmosphäre im Boden zu binden. Während die Europäische Kommission an einem Vorschlag für einen EU-weiten Rechtsrahmen zur Zertifizierung und Vergütung solcher Praktiken arbeitet, hat Frankreich das Thema zu einer Priorität seiner derzeitigen EU-Ratspräsidentschaft gemacht.
Denormandie hat zuletzt wiederholt auf das „bereits funktionierende“ System Frankreichs verwiesen, wenn Fragen zur Umsetzung einer EU-weiten CO2-Zertifizierung aufkamen.
„Frankreich hat in dieser Frage regelmäßig eine Vorreiterrolle eingenommen und ist seit vielen Jahren aktiv“, sagte er am Rande des Treffens.
Frankreichs Förderpolitik für Carbon Farming ist Teil eines Systems für die breitere Wirtschaft, mit dem Unternehmen und andere Organisationen sich ihre CO2-Bilanz zertifizieren lassen können. Das Ministerium für den ökologischen Wandel hatte das System 2018 eingeführt, um die nationalen Emissionsziele zu erreichen.
Das freiwillige System ermöglicht es Unternehmen und anderen Organisationen, ihren CO2-Fußabdruck zertifizieren zu lassen, mit Emissionszertifikaten zu handeln und ihre CO2-Bilanz öffentlich zu bewerben.
CO2-Zertifikate als zusätzliche Einnahmen
Die Beteiligten können nicht nur ihre Emissionen reduzieren, sondern auch negative Emissionen von Erzeugern von Kohlenstoffsenken kaufen – darunter auch Landwirt:innen, die Carbon Farming-Praktiken anwenden.
Zu den französischen Unternehmen, die sich an dem System beteiligen, gehören Banken, Modelabels und große Supermarktketten. Auch das Landwirtschaftsministerium werde alle seine Emissionen durch den Kauf von CO2-Gutschriften über das System ausgleichen, kündigte Denormandie nach dem Treffen in Straßburg an.
Derweil erhalten die Landwirt:innen die negativen Emissionsgutschriften, die sie verkaufen können, auf Grundlage eines fünfjährigen Verfahrens, in dem eine spezielle Zertifizierungsorganisation mit den jeweiligen Höfen zusammenarbeitet.
Dazu gehört auch die Unterstützung der Landwirt:innen bei der Ermittlung geeigneter Carbon Farming-Praktiken und das regelmäßige Monitoring der Umsetzung und Wirksamkeit der Maßnahmen.
„Gemeinsam mit Landwirt:innen und Bauernverbänden entwickeln wir regionale Projekte und binden so die Landwirt:innen in den Prozess ein“, erklärte ein Sprecher von France Carbon Agri, der Organisation, die den Zertifizierungsprozess durchführt.
„In einem nächsten Schritt quantifizieren wir die CO2-Reduzierung und lassen sie von einem externen Prüfer verifizieren, so dass sie dann auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt verkauft werden kann“, fügte er hinzu.
Aus Sicht von Denormandie vermeidet das System einen übermäßig großen Verwaltungsaufwand für die Landwirt:innen – eine Sorge, die im Zusammenhang mit der Zertifizierung von Kohlenstoffsenken häufig geäußert wird.
Wirksame Klimaschutzmaßnahmen?
Beim Besuch eines beteiligten Betriebs betonte der Minister vor Journalist:innen, dass der kleine Betrieb einem jungen Landwirt gehöre, der von dem System profitiert. „Sie können sehen, dass es absolut möglich ist, die Mittel zu erhalten, auch wenn man kein großer Betrieb ist“, sagte er.
Das französische System bietet jungen Landwirt:innen zusätzliche finanzielle Unterstützung, sodass sie ihre gesamten Investitionen in Carbon Farming-Maßnahmen erstattet bekommen können.
„Letzten Endes geht es nicht darum, zusätzliche, obligatorische Regeln einzuführen, sondern darum, dem Agrarsektor zusätzliche Einkommensquellen zu bieten“, so Denormandie.
Doch nicht jeder ist mit diesem Ansatz einverstanden.
Umweltschützer:innen kritisieren, dass ein System, indem Akteure ihre CO2-Bilanz durch den Handel mit negativen Emissionen aufbessern können, keine gute Klimaschutzmaßnahme sei und Bemühungen um die Reduzierung von Emissionen untergraben könnte.
„Wir fordern die Kommission und die Mitgliedstaaten auf, bessere Anreizsysteme in Betracht zu ziehen und dabei öffentliche und private Mittel einzusetzen“, sagte Célia Nyssens, eine leitende Referentin beim Europäischen Umweltbüro, gegenüber EURACTIV.
Das französische CO2-Zertifizierungssystem, fügte sie hinzu, sei „zu sehr auf Effizienzverbesserungen ausgerichtet und ignoriert andere Umweltaspekte“. Stattdessen müsse ein praktischer Zertifizierungsrahmen solide Regeln dafür aufstellen, was als eine Tonne gebundenen Kohlenstoffs zählt.
[Bearbeitet von Alice Tayor]