Französischer Nobelpreisträger Tirole: "Europa als Chance"

Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an den französischen Wirtschaftswissenschaftler Jean Tirole für seine Arbeit über die Finanzkrise, Oligopole und Netzwerk-Industrien. Der überzeugte Europäer fordert, dass Europa "eigene Googles" schaffe. EURACTIV Frankreich berichtet.

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Foto: International Monetary Fund/Flickr
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Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an den französischen Wirtschaftswissenschaftler Jean Tirole für seine Arbeit über die Finanzkrise, Oligopole und Netzwerk-Industrien. Der überzeugte Europäer fordert, dass Europa „eigene Googles“ schaffe. EURACTIV Frankreich berichtet.

Zwei Tage vor der Präsentation des französischen Haushalts für 2015, der bereits jetzt für Stirnrunzeln in Brüssel sorgt, ging der Wirtschaftsnobelpreis an den französischen Wirtschaftswissenschaftler Jean Tirole. Die Nachricht kommt eine Woche nach der Vergabe des Literaturnobelpreises an einen weiteren Franzosen – den Schriftsteller Patrick Modiano.  

Die französische Regierung reagiert begeistert. Der Nobelpreis für Tirole beweise die Qualität der französischen Forschung. Aufgrund des derzeitigen Schuldenstands von über zwei Billionen Euro verwiesen andere Beobachter aber auf die aus der Nobelpreisvergabe entstehende Ironie. Frankreich scheint nicht in der Lage zu sein, seine eigenen Wirtschaftslektionen auf sich selbst anzuwenden. 

Toulouser Schule

Tirole ist der Leiter der Toulouse School of Economics und trägt viel zur Ausbildung einer neuen Generation von Wirtschaftswissenschaftlern bei. Er gründete 1990 das Institut d’Economie Industrielle (IDEI), das teilweise von Privatunternehmen finanziert wird. Das Institut will die Organisation industrieller Sektoren erforschen. 

Seine Veröffentlichung über die industrielle Organisation beeindruckte die Nobelpreis-Jury besonders. Sie befand, die Arbeit des Wirtschaftswissenschaftlers habe die wirtschaftspolitischen Probleme der von ihm untersuchten Sektoren verdeutlicht. Jean Tiroles Erkenntnissen zufolge müssen die verschiedenen Wirtschaftsbereiche unterschiedliche Regeln befolgen, je nach ihren spezifischen Merkmalen. 

Ein Streiter für mehr Europa

Der Wirtschaftswissenschaftler besprach 2012 in einem Interview mit La Tribune seine Ansichten zur Finanzkrise. Sie sei aufgetreten, weil die Schulden der Banken nicht wie Staatsschulden behandelt und deshalb nicht so reguliert wurden. Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) führte teilweise zu Veränderungen, Tirole zufolge müssen wir uns darauf gefasst machen, „mehr Souveränität abzugeben […]. Wir müssen unabhängige Haushaltsbehörden schaffen, die realistische Wachstumsprognosen machen und müssen Experten beauftragen, den Haushalt und die Bilanzen des Staates zu analysieren“. 

Es sei notwendig, „europäische Champions“ aufzubauen, sagte der Wirtschaftswissenschaftler in einem Interview mit Europe 1 am Dienstag. „Um mit dem Ausland mithalten zu können, benötigen wir unsere eigenen Biotechnik-Unternehmen, unsere eigenen Googles“. Europa müsse auch „die Bereiche Beschäftigung und Umwelt reformieren“. 

Tirole zeigte in dem Interview auch seine Europabegeisterung. Europa brauche größere Disziplin. „Wir können nicht solch unterschiedliche Niveaus bei der Wettbewerbsfähigkeit in Europa haben“, so Tirole. Europa sei „eine Chance“.