Gasnetzbetreiber planen 11.200 km lange „Wasserstoffautobahn"
Eine Gruppe von Gasnetzbetreibern stellte am Donnerstag (13. Juli) Pläne vor, um den Bau des wichtigsten Wasserstofftransportnetzes in Deutschland bis 2032 abzuschließen. Die Regierung hat jedoch wenig Interesse an einer Finanzierung gezeigt.
Die Vereinigung der Gasnetzbetreiber stellte am Mittwoch (12. Juli) Pläne vor, um den Bau des wichtigsten Wasserstofftransportnetzes in Deutschland bis 2032 abzuschließen. In Berlin will man noch keine finanziellen Zusagen machen.
Die deutsche Industrie verbraucht derzeit 55 Terawattstunden (TWh) Wasserstoff pro Jahr. Der größte Teil davon wird in kohlenstoffintensiven Verfahren hergestellt, die erheblich zur globalen Erwärmung beitragen.
Die Regierung schätzt, dass sich der Bedarf an Wasserstoff für die Stahlproduktion und chemische Prozesse bis 2030 auf fast 110 Terawattstunden verdoppeln wird.
Aber woher soll dieser Wasserstoff kommen und wie soll er transportiert werden?
Nach dem von den deutschen Gasnetzbetreibern vorgelegten Plan könnte ein Großteil des Wasserstoffs aus den Niederlanden und Norwegen importiert werden. Der Norden Deutschlands wird dagegen für die heimische Versorgung sorgen.
„Ein deutschlandweites Kernnetz ist das gewünschte Aufbruchssignal für alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette“, sagte Thomas Gößmann, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Ferngasgesellschaften (FNB) am Mittwoch (12. Juli).
„Die erste Stufe ist die Planung eines Wasserstoff-Kernnetzes – den ‚Wasserstoffautobahnen'“, so das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in einer Stellungnahme.
Der neue Plan zeigt, dass der Ehrgeiz der aufstrebenden Wasserstoffindustrie in Deutschland immer größer wird. Für das Jahr 2020 hatte die Branche noch ein Wasserstoffnetz von nur 6.000 Kilometern Länge geplant. Es sollte zu 90 Prozent aus wiederverwendeter Gasinfrastruktur bestehen.
Heute ist die Länge dieses Netzes fast doppelt so groß wie die ursprüngliche Vision. Es umfasst neu zu bauende Wasserstoffpipelines, die halb Deutschland umspannen würden, auch wenn die Betreiber davon ausgehen, dass die endgültige Länge aufgrund von Optimierungen kürzer sein wird. Insgesamt wurden 309 Projekte berücksichtigt.
Die Ampel möchte die Rechnung allerdings ungern selbst bezahlen. „Die Bundesregierung verfolgt das Ziel eines privatwirtschaftlichen Aufbaus des Wasserstoff-Kernnetzes“, so das Ministerium weiter.
Stattdessen sollen bundesweite „Netzentgelte“ zur Finanzierung der Infrastruktur herangezogen werden. Die Details werden dann zwischen dem Finanzministerium und dem Bundeskanzleramt diskutiert.
„Zentrale Voraussetzung ist allerdings auch die gesetzliche Verankerung eines
Finanzierungsmodells“, betont Gößmann.
Ost-West-Gefälle
Wie die meisten deutschen Karten zeigt auch die Wasserstoffautobahnkarte ein starkes Gefälle zwischen West- und Ostdeutschland.
Während in den industriellen Kerngebieten um Bremen und Düsseldorf ein wahrer Super-Cluster von Wasserstoff-Pipelines erwartet wird, muss sich der Osten zum Teil auf neu gebaute Pipelines verlassen.
Diese sind bei weitem nicht garantiert und umfassen auch einige wiederverwendete Leitungen, die zuvor russisches fossiles Gas transportierten.
„Eine Röhre der OPAL/EUGAL-Pipeline soll von Gas auf Wasserstoff ertüchtigt werden“, sagte Michael Kellner, Staatssekretär im Ministerium. Die Pipeline, die einst mit Nord Stream 1 verbunden war, werde „grüne Energie“ nach Mittel- und Süddeutschland transportieren, erklärte Kellner.
Das sei „gut für den Osten“ denn „Schwedt, Leuna und die ostdeutschen Kohleregionen werden angeschlossen“, fügte er hinzu.
Andere, wie die Staatskanzlei Sachsens, sind mit dem Ergebnis des Planungsverfahrens weit weniger zufrieden.
„Chemnitz, Dresden und die Lausitz mit wichtigen energieintensiven Unternehmen und zukünftigen wasserstofffähigen Kraftwerken fehlen noch in den Plänen“, sagte Wolfram Günther, Sachsens Energieminister.

Eine mögliche Vision für die Zukunft des Wasserstoffnetzes in Deutschland.
Die nächsten Schritte
Die Wasserstoffautobahnen sind noch lange nicht in Stein gemeißelt. Abgesehen von der Finanzierung wurde nun ein zweiwöchiges Konsultationsverfahren eingeleitet, bevor die Gasnetzbetreiber die Arbeiten bis in den Herbst hinein fortsetzen.
In der Zwischenzeit wartet die zukünftige Wasserstoffindustrie gespannt auf die Überarbeitung der deutschen Wasserstoffstrategie, die für Mitte Juli erwartet wird.
Neben der Verdoppelung der deutschen Elektrolyseur-Kapazität von 5 Gigawatt auf 10 Gigawatt wird die überarbeitete Strategie wahrscheinlich ein Wasserstoff-Pipeline-Netz von 1.800 Kilometern bis 2028 anstreben. Dies geht aus einem Entwurf hervor, der unter anderem dem Handelsblatt vorliegt.
Ein zentrales Problem bleibt in beiden Dokumenten ungelöst. Nämlich die Frage, wie der Übergang von fossilem Gas zu Wasserstoff erfolgen soll. Die Industrie weist gerne darauf hin, dass sie Hunderte von Milliarden Euro in das bestehende Netz investiert hat, und wehrt sich gegen jeden Versuch, das Netz stillzulegen.
Hilfe könnte aus Brüssel kommen, wo in den späten Verhandlungen über die neue Gasmarktrichtlinie ein Rahmen für die Stilllegung von Gasnetzen geschaffen werden könnte, je nach Ausgang der Verhandlungen.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald und Frédéric Simon]