Gutachten: Eurozone in der Krise - Arbeitslosigkeit steigt

Die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute haben ihr Herbstgutachten vorgestellt. Erwartet werden eine "zögerliche" Konjunkturbelebung in der Eurozone und drastisch steigende Staatsschulden. Die Krise wirkt sich in Deutschland und den EU-Nachbarländern unterschiedlich aus. Der Exportweltmeister wurde besonders hart getroffen. Frankreich kommt bislang glimpflich davon. Eine Rückkehr der Finanzkrise wollen die Ökonomen nicht ausschließen.

Die Kauflust ist vielerorts gebremst. Diese Schaufensterpuppen sind nicht nackt, weil das Modegeschäft leergekauft wurde, sondern weil es in Konkurs ging. Foto: dpa.
Die Kauflust ist vielerorts gebremst. Diese Schaufensterpuppen sind nicht nackt, weil das Modegeschäft leergekauft wurde, sondern weil es in Konkurs ging. Foto: dpa.

Die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute haben ihr Herbstgutachten vorgestellt. Erwartet werden eine „zögerliche“ Konjunkturbelebung in der Eurozone und drastisch steigende Staatsschulden. Die Krise wirkt sich in Deutschland und den EU-Nachbarländern unterschiedlich aus. Der Exportweltmeister wurde besonders hart getroffen. Frankreich kommt bislang glimpflich davon. Eine Rückkehr der Finanzkrise wollen die Ökonomen nicht ausschließen.

Im Herbst 2009 scheint der Tiefpunkt der schwersten weltwirtschaftlichen Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg überschritten, lautet die Botschaft der Initiates file downloadGemeinschaftsdiagnose Herbst 2009, erstellt von führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten wie dem RWI Essen und dem ifo Institut München. Für die Konjunktur-Analyse bezogen die Forscher Daten der EU-Kommission und der europäischen Statistikbehörde Eurostat mit ein.

Prognosen unter Vorbehalt

Während der Welthandel im Sommer wieder erheblich zugenommen hat und viele Stimmungsindikatoren nach oben weisen, bleiben Unsicherheitsfaktoren, so die Ökonomen. Zwar haben sich die Finanzmärkte stabilisiert, die Bankbilanzen könnten allerdings noch erhebliche Gefahren bergen. Neue Erschütterungen des internationalen Finanz- und Bankensystems sind den Ökonomen zufolge keineswegs ausgeschlossen. "Umfangreiche Abschreibungen und Wertberichtigungen in den Bilanzen stehen noch bevor", warnte Torsten Schmidt (RWI Essen) bei der Vorstellung des Gutachtens. Große Wertberichtigungen könnten zu Rückschlägen an den Aktienmärkten führen und die Kreditvergabe für die Realwirtschaft gefährden.

Euroraum erholt sich leicht – Exportboom unwahrscheinlich

Im Euroraum sehen die Institute im zweiten Quartal 2009 die konjunkturelle Talsohle erreicht. Die gesamtwirtschaftliche Produktion sank im 2. Quartal nur noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal (nach Rückgängen von 2,5 und 1,8 Prozent in den Vorquartalen).

Besonders hart traf die Rezession die Industrie. Im Juli 2009 lag die Produktion um 16 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote stieg im selben Zeitraum um zwei auf 9,5 Prozent. Im Jahresdurchnitt 2010 soll sie sich nochmals erhöhen, auf dann 10,5 Prozent.

Hoffnung auf einen starken Aufschwung macht das Gutachten nicht. "Im kommenden Jahr dürfte sich die konjunkturelle Erholung mit mäßigem Tempo fortsetzen", schreiben die Ökonomen. "Die Exporte des Euroraums werden (…) verglichen mit dem vorherigen Aufschwung nur wenig Dynamik entfalten, da die Binnennachfrage wichtiger Handelspartner durch den erforderlichen Abbau makroökonomischer Ungleichgewichte gebremst wird." So sei in den USA, in Großbritannien und in einigen mittel- und osteuropäischen Ländern eine Rückführung der Verschuldung des privaten Sektors wahrscheinlich, was die Importnachfrage dort dämpfen dürfte.

Für 2009 wird mit einem Rückgang des BIP im Euroraum um 3,9 Prozent gerechnet. 2010 soll es ein leichtes Wachstum von 0,7 Prozent geben.

Europa tief in den Schulden

Der Euroraum verschuldet sich massiv, um der Krise Herr zu werden. Die größten Haushaltsdefizite muss Finnland hinnehmen, mit einer voraussichtlichen Neuverschuldung von 11,2 Prozent des BIP für 2009 und 12,8 Prozent 2010. Dahinter folgen Spanien (mit Defiziten von 8,9 bzw. 9,1 Prozent)  und Frankreich (mit Defiziten von 8,1 bzw. 8,3 Prozent). Im Schnitt wird für den Euroraum mit einem Defizit von 5,7 Prozent in diesem und 6,6 Prozent im kommenden Jahr gerechnet. Nach dem europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt sind nur 3 Prozent erlaubt.

Die EU-Kommission hat die Eröffnung neuer Defizitverfahrens angekündigt, auch gegen Deutschland (siehe EURACTIV.de vom 7. Oktober 2009).

Konjunkturprogramme: Spanien und Deutschland vorn

Der Euroraum reagiert alles andere als homogen auf die Krise. Um die Konjunktur zu stützen, stellen nicht alle Staaten öffentliche Gelder bereit. Spanien griff besonders tief in die Staatskasse und gewährt 2009 insgesamt Hilfen in Höhe von 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dahinter folgen Deutschland und Frankreich mit Ausgaben von 1,4 Prozent bzw. 1 Prozent des BIP. Griechenland und die Slowakei verzichten auf Konjunkturprogramme, weil das Geld hierzu fehlt.

Deutschland schwer getroffen

Die Exportnation Deutschland muss im Vergleich zu den westlichen EU-Nachbarn den größten Einbruch des BIP verkraften. Die Krise habe das Land "mit voller Wucht" getroffen, so die Experten. Für 2009 rechnen die Ökonomen mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5 Prozent. 2010 soll das BIP um 1,2 Prozent wachsen. Damit haben sich die Prognosen im Vergleich zum Frühjahr leicht aufgehellt.

Für einen deutschen Exportboom reiche die Erholung der Weltwirtschaft allerdings nicht aus. Insbesondere die Aussichten für die Industrieländer blieben gedämpft und ließen kein starkes exportgetriebenes Wachstum erwarten. 2009 brechen die deutschen Exporte um 14 Prozent ein, so die Schätzung. 2010 steigen sie um 6,1 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen soll von durchschnittlich 3,47 Millionen 2009 auf durchschnittlich 4,1 Millionen 2010 steigen.

Die meisten Arbeitsplatzverluste werden im Frühjahr 2010 erwartet. Derzeit verhindert die Kurzarbeit Massenentlassungen. Der private Konsum, der die Krise 2009 aufgrund von gesunkenen Energiepreisen und Maßnahmen wie der Abwrackprämie noch abfedern konnte, soll sich 2010 abschwächen und wird von der schlechteren Lage am Arbeitsmarkt belastet.

Die deutschen Staatsschulden wachsen im Zuge der Krise erheblich. Konnte Deutschland 2008 noch einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen, steigt die Defizitquote 2009 auf voraussichtlich 3,2 Prozent. 2010 erwarten die Institute eine Defizitquote von 5,2 Prozent.

Frankreich profitiert von Abwrackprämie

Frankreich steht in der Krise weit besser da als Deutschland. Das liegt u. a. an der geringeren Abhängigkeit von der Industrieproduktion. Die in vielen Ländern nach deutschem Vorbild eingeführte "Abwrackprämie" steigert den Absatz französischer Autos deutlich. Allerdings könnten die Autobauer vom Auslaufen der Abwrackprämien hart getroffen werden. Die Ökonomen rechnen 2009 mit einem Rückgang des BIP um 2 Prozent und 2010 mit einem Wachstum von 1,1 Prozent. In Frankreich ist die Krise deutlich stärker auf dem Arbeitsmarkt angekommen als in Deutschland. Zwischen 2008 und 2009 wird die Arbeitslosenquote voraussichtlich von 7,8 auf 9,6 Prozent steigen.

Italien steckt in strukturellen Problemen

Italien kommt den Prognosen nach nur langsam aus der Krise. 2009 wird ein Minus des BIP von 4,8 Prozent angenommen. Kommendes Jahr soll das Wachstum mit einem Plus von 0,2 Prozent fast stagnieren. "Nach wie vor leidet die italienische Industrie unter einer im internationalen Vergleich geringen Wettbewerbsfähigkeit", heißt es in dem Gutachten. Als Grund werden unter anderem drastisch gestiegene Lohnkosten genannt. Italien verzichtete aufgrund der massiven Staatsverschuldung (105,8 Prozent des BIP im Jahr 2008) auf größere Konjunktuprogramme.

Spanien kämpft mit der Massenarbeitslosigkeit

In den westlichen EU-Staaten bekommen vor allem die Spanier die Auswirkungen der Krise drastisch zu spüren. Die Arbeitslosenquote wird sich zwischen 2008 und 2010 voraussichtlich fast verdoppeln, von 11,4 Prozent auf 19,6 Prozent. Spanien hat vor allem mit dem Platzen der Immobilienblase zu kämpfen. "Spanien steckt in einer tiefen ökonomischen Krise, deren Vorgeschichte bis in die Jahre vor der Euro-Einführung reicht", heißt es in dem Gutachten.

Als einziges Land im Euroraum wird Spanien voraussichtlich auch 2010 noch einen Rückgang des BIP (-0,3 Prozent) hinnehmen müssen – nach einem Minus von 3,5  Prozent im Jahr 2009. "Die Redimensionierung der Bauwirtschaft und die Rückführung der Verschuldung im privaten Sektor werden die Konjunktur aber noch länger stark belasten", schreiben die Ökonomen.

Großbritanniens Wirtschaft stagniert 2010

Großbritannien muss starke Nachwirkungen der Krise fürchten. Die Arbeitslosigkeit soll von 5,7 Prozent im Jahr 2008 auf 9,5 Prozent im Jahr 2010 steigen. Aufgrund der angespannten Haushaltlage sah sich die Regierung zudem zu einer Erhöhung der Mehrwertsteuer gezwungen, was die Konjunktur weiter bremsen könnte. "Die vorgesehene Wiedererhöhung der Mehrwertsteuer von 15 auf 17,5 Prozent im kommenden Jahr wird zusammen mit dem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit den privaten Konsum belasten", heißt es in dem Gutachten. Für 2009 wird mit einem Minus des BIP von 4,5 Prozent gerechnet, 2010 soll die Wirtschaftsleistung stagnieren.

Wirtschaft im Baltikum stürzt weiter ab


Lettland
, Estland und Litauen erleben weiterhin einen drastischen Einbruch ihrer Wirtschaftsleistung. 2009 sinkt das BIP in allen drei Ländern zweistellig – in Litauen um 15,5 Prozent, in Estland um 13 Prozent und in Lettland um 18 Prozent. Die Länder hatten vor der Krise einen rasanten Aufschwung erlebt, getrieben durch den Bausektor und ausländische Investitionen.

Auch 2010 wird mit einem Rückgang des BIP gerechnet – in Litauen um 4,4 Prozent, in Estland um 4 Prozent und in Lettland um 5 Prozent. Die Arbeitslosenquote soll sich im Baltikum bis 2010 im Vergleich zu 2008 verdreifachen und dann zwischen 16,7 Prozent (Estland) und 19 Prozent (Lettland) betragen.

Osteuropäische Währungen stabilisieren sich

Starke Rückgänge des BIP müssen 2009 auch Ungarn (minus 6,4 Prozent), Bulgarien (minus 5 Prozent) und Rumänien (minus 7 Prozent) verkraften. Kommendes Jahr ist die Rezession allerdings voraussichtlich gestoppt. Zudem gibt es positive Signale. Im Gutachten heißt es: "Die Risikoaufschläge für Schuldtitel mittel- und osteuropäischer Länder haben sich wieder deutlich zurückgebildet." Zudem haben sich die Währungen erholt, was die "Last des Schuldendienstes auf Fremdwährungskredite wieder verringert."

Eine Art Wirtschaftswunder ereignet sich in Polen, das trotz Weltwirtschaftskrise überhaupt nicht in die Rezession rutscht. 2008 wuchs das BIP um 4,9 Prozent. 2009 soll das Wachstum 1,2 Prozent betragen und 2010  2,0 Prozent. Polen ist nur wenig von Exporten abhängig und profitiert von einer starken Binnennachfrage.

awr

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Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Initiates file downloadGemeinschaftsdiagnose Herbst 2009