Jugend in Bewegung - "Mehr als Humankapital"?
Die Finanz- und Wirtschaftskrise trifft Europas Jugendliche besonders hart. Die Arbeitslosenquote ist unter Jugendlichen zweimal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Die EU-Kommission will mit einer Initiative gegensteuern. Kritiker warnen: man dürfe sich nicht nur auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Jugendlichen konzentrieren.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise trifft Europas Jugendliche besonders hart. Die Arbeitslosenquote ist unter Jugendlichen zweimal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Die EU-Kommission will mit einer Initiative gegensteuern. Kritiker warnen: man dürfe sich nicht nur auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Jugendlichen konzentrieren.
Die EU-Kommission will die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa bekämpfen und hat die Leitinitiative "Jugend in Bewegung" ins Leben gerufen. In einem ersten Schritt werden Jugend-Probleme und mögliche EU-Lösungen auf einer Konferenz diskutiert, die am Donnerstag (14. Oktober) in Bordeaux begonnen hat. EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou sagte, man müsse alles daran setzen, "dass die Generationen, die unsere Zukunft bedeuten, wieder Hoffnung schöpfen."
Schwerpunkt Bildung
Die Vorschläge der EU-Kommission sind Teil der Strategie Europa 2020 und setzen vor allem an der Bildung an. "Die Bildungssysteme der europäischen Mitgliedsstaaten sind zwar sehr unterschiedlich – aber sie stehen vor sehr ähnlichen Problemen", so der Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland, Matthias Petschke.
Dazu zählt vor allem die hohe Zahl der Schulabbrecher. In Deutschland verlassen jedes Jahr 70.000 Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss und ohne berufliche Perspektive.
Zahl der Schulabbrecher senken
Dieses Problem werde sich in Zukunft verschärfen, sagte der europäische Generaldirektor für Bildung und Kultur, Jan Truszczynski. Bis zum Jahr 2020 würden voraussichtlich 35 Prozent der europäischen Arbeitsplätze einen Hochschulabschluss voraussetzen. Für Jugendliche mit schlechter Ausbildung werde es daher immer schwerer, eine Stelle zu finden.
Die EU-Kommission will die Zahl der Studienabbrecher daher bis 2020 auf zehn Prozent senken. Die Leitinitiative soll außerdem mehr junge Menschen motivieren, ein Studium zu beginnen und das lebenslange Lernen fördern. Die Bildungssysteme sollen transparenter werden, um die Qualität von Abschlüssen besser vergleichen zu können.
Einseitige Perspektive?
Die Agentur "Jugend für Europa" begrüßte die Leitinitiative. Die Entwicklungen in der europäischen Jugendpolitik seien "wirklich erstaunlich". Auch Stefan Schneider vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zeigte sich erfreut darüber, dass die EU-Kommission Jugendliche direkt anspricht. "Europa hat sonst oft ein Vermittlungsproblem", sagte er.
Auch Kathrin Moosdorf, stellvertretende Vorsitzende des Bundesjugendrings, hält die Leitinitiative für eine gute Idee. Sie bemängelte aber deren "einseitige Perspektive": Die Pläne der EU-Kommission seien zu stark auf wirtschaftliche Verwertbarkeit ausgerichtet. "Jugendliche sind mehr als Humankapital am Arbeitsmarkt", kritisierte sie.
Mehr Ausland für alle
In Zukunft soll es für Jugendliche leichter werden, ihr eigenes Unternehmen zu gründen und im Ausland zu arbeiten. Die EU-Kommission will den Einstieg in die Selbständigkeit erleichtern und die "Beschäftigungsmobilität" junger Menschen erhöhen.
Das wohl bekannteste europäische Austauschprogramm Erasmus sei eine Erfolgsgeschichte, so Petschke. Die Nachfrage übersteige mittlerweile das Angebot. In Deutschland müssten derzeit durchschnittlich fünfzig Prozent aller Anträge wegen mangelnder Gelder abgelehnt werden. Um mehr Jugendlichen eine Auslandserfahrung zu ermöglichen schlug Truszczynski vor, den Etat der europäischen Austauschprogramme zu vergrößern.
Hauptverantwortung bei den Mitgliedsstaaten
Die EU kann im Bereich Bildung keine eigenen Gesetze erlassen. Sie formuliert daher Zielvorgaben und unterstützt die Mitgliedsstaaten dabei, diese zu erreichen. Dazu koordiniert sie beispielsweise die nationalen Maßnahmen und bietet eine Plattform, auf der die Mitgliedsstaaten ihre Erfahrungen mit bewährten und weniger erfolgreichen Maßnahmen austauschen können.
Die Hauptverantwortung für den Erfolg der Initiative liege aber bei den Mitgliedsstaaten, betonte Truszczynski. Das sei nicht zuletzt wegen der großen regionalen Unterschiede auch sinnvoll.
Große Unterschiede in Europa
So schwankten beispielsweise die Schulabbrecherquoten innerhalb der EU stark. Während sie in Polen mit fünf Prozent relativ niedrig seien, würden in Spanien oder Malta über dreißíg Prozent der Jugendlichen ihre Schulausbildung abbrechen. Häufig gebe es regionale Ursachen für diese Unterschiede.
Auch Stefan Schneider betonte: "die Arbeit muss vor Ort gemacht werden". Das gelte besonders für Deutschland, wo die Bundesländer für die Bildung zuständig sind. "Die Bundesregierung kann hier aber für Transparenz über die Qualität der regionalen Schulsysteme sorgen", sagte der Europabeauftragte des BMBF.
hme
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