Kann Frankreich seine Energiesicherheit diesen Winter gewährleisten?

Wie der Rest der EU ist auch Frankreich mit ernsten Unsicherheiten hinsichtlich der Sicherheit seiner Energieversorgung in diesem Winter konfrontiert.

EURACTIV France
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Gegenwärtig ist nur die Hälfte der französischen Kernkraftwerke, die normalerweise etwa 50 Prozent der Stromerzeugung des Landes liefern, in Betrieb. [[olrat / Shutterstock]]

Wie der Rest der EU ist auch Frankreich mit ernsten Unsicherheiten hinsichtlich der Sicherheit seiner Energieversorgung in diesem Winter konfrontiert. Trotz der Zusicherungen der Regierung, dass die Gasvorräte rechtzeitig wieder aufgefüllt werden, machen sich viele zunehmend Sorgen über kommende Engpässe und mögliche Stromausfälle.

Gegenwärtig ist nur die Hälfte der französischen Kernkraftwerke, die normalerweise etwa 50 Prozent der Stromerzeugung des Landes liefern, in Betrieb.

Um sicherzustellen, dass die Energieversorgung die Nachfrage im bevorstehenden Winter decken kann, versucht Frankreich, seine Gasspeicher zu 100 Prozent zu füllen.

Nach den Grundsätzen der europäischen Solidarität könnte jedoch das gesamte französische Stromnetz in Anspruch genommen werden, um die schwerwiegenden Engpässe der schwächeren EU-Mitgliedstaaten auszugleichen, vor allem derjenigen, die am stärksten von russischen Gasimporten abhängig sind.

Große Städte in Frankreich werden in diesem und im nächsten Jahr mit ziemlicher Sicherheit mit Stromausfällen konfrontiert sein, sagte eine anonyme Quelle, die im Risikomanagement von Unternehmen tätig ist, gegenüber EURACTIV.

Sie fügte hinzu, dass alle europäischen Regierungen „sich auf Stromausfälle vorbereiten“ und „Energiemanager und Politiker hoffen, dass der Winter nicht zu kalt sein wird.“

Der von EURACTIV kontaktierte französische Stromübertragungsnetzbetreiber RTE sagte, er könne die von der Quelle angegebene Gefahr von Stromausfällen vorerst nicht bestätigen.

Die Unsicherheiten in der aktuellen Situation würden es unmöglich machen, zu diesem Zeitpunkt genaue Vorhersagen für den Winter zu machen, so der Sprecher von RTE.

Die Befürchtung einer drohenden Energieknappheit wurde noch verstärkt durch die jüngste Aufforderung der Vorstandsvorsitzenden der Energieriesen Total, EDF und Engie an die französischen Unternehmen und Verbraucher, ihren Energieverbrauch „sofort“ einzuschränken, die am 26. Juni in der Wochenzeitung Journal Du Dimanche veröffentlicht wurde.

Worst-Case-Szenario

„Russland kann seine Gaslieferungen jederzeit vollständig unterbrechen“, sagte die französische Energiewendeministerin Agnès Pannier-Runacher am Sonntag (10. Juli) in einem Interview mit der Zeitung Le Figaro.

„Das Worst-Case-Szenario […] existiert“, sagte sie und fügte hinzu, dass sie „extrem wachsam“ sein werde.

Wirtschaftsminister Bruno le Maire sagte am Sonntag in einem Interview mit dem Sender LCI, dass „wir uns schnell in den Kampfmodus versetzen müssen“, und fügte hinzu, dass das Land eine Gasabschaltung durch Russland „antizipieren“ müsse.

EU-Solidarität

Frankreich hofft, dass es in diesem Winter weniger Probleme haben wird wie andere EU-Staaten, die stärker auf Gas angewiesen sind.

Die höhere Resilienz des französischen Energiesektors geht jedoch auf Kosten der relativ hohen Abhängigkeit des Landes von der Kernenergie, die derzeit begrenzt ist, da mehr als die Hälfte der Atomreaktoren des Landes ihre Aktivitäten eingestellt haben.

Aus diesem Grund hat Gas, das früher nur etwa 20 Prozent des französischen Energieverbrauchs ausmachte, in letzter Zeit im Energiemix des Landes an Bedeutung gewonnen.

Im Vergleich zu seinen EU-Nachbarn, die ihre Abhängigkeit von russischem Gas seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine größtenteils reduziert haben, hat Frankreich seine Importe von russischem Gas erhöht, erklärte Phuc-Vinh Nguyen, ein Forscher für Energiepolitik am Jacques Delors Institut, Mitte Juni gegenüber EURACTIV.

Am 27. Juni stimmten die EU-Energieminister sogar dafür, ein Gesetz zur Befüllung der Gasspeicher in der gesamten EU zu mindestens 80 Prozent bis November 2022 anzunehmen.

Während Frankreich seine Gasspeicherkapazitäten auf 100 Prozent auffüllen will, wie Premierministerin Élisabeth Borne bei ihrem Besuch in der Dispatching-Zentrale von GRTgaz ankündigte, liegen die Speicher derzeit bei 68 Prozent und damit leicht über den EU-Vorräten von 62 Prozent, wie Daten der europäischen Gasfernleitungsbetreiber zeigen.

Die Beschäftigten der zweitgrößten französischen Speicheranlage, die von der Engie-Tochter Storengy verwaltet wird, streiken jedoch seit dem 28. Juni. Der Streik wurde am Montag fortgesetzt.

Neues Methanterminal

Um der Notwendigkeit einer Diversifizierung der Versorgung gerecht zu werden, plant Frankreich ein neues Regasifizierungsterminal für Flüssigerdgas (LNG) in Le Havre, wie die französische Premierministerin Élisabeth Borne im Juni ankündigte.

Allerdings wird das Terminal erst 2023, nach den kalten Wintermonaten, fertiggestellt sein.

In seiner Rede auf LCI drängte Le Maire auf eine „schnellere Entscheidungsfindung“, indem er „eine Reihe von regulatorischen Einschränkungen“ aufhob.

Am Freitag erklärte die Energiewendeministerin Pannier-Runacher gegenüber dem Sender RTL, dass die Wiederinbetriebnahme des Kohlekraftwerks in Saint-Avold noch nicht ausgeschlossen sei, auch wenn die „langfristige Strategie darin bestehe, die Franzosen von fossilen Brennstoffen zu emanzipieren“.

„Nüchternheit“ sei das Gebot der Stunde, zunächst für den Staat und die Unternehmen, dann für den Einzelnen.

„Ich weigere mich, […] von den Franzosen, die weder die finanziellen Mittel noch die Möglichkeiten haben, auf Gas oder Treibstoff zu verzichten, zu verlangen, dass sie den Gürtel enger schnallen und damit auskommen“, sagte sie und wies darauf hin, dass eine Reduzierung der Heizung um ein Grad im Winter den Energieverbrauch um 7 Prozent senken würde.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald. Davide Basso hat zur Berichterstattung beigetragen]