Klimaschützer warnen: Investitionen in neue Atomkraftwerke sind schlecht für Klima
Neue Kernkraftwerke sind weniger wettbewerbsfähig als Wind-, Solar- oder Stromspeicheroptionen und behindern zudem Investitionen in erneuerbare Energien. So schreiben es Klimaschützer in der Fachzeitschrift Joule.
Neue Kernkraftwerke sind weniger wettbewerbsfähig als Wind-, Solar- oder Stromspeicheroptionen und behindern zudem Investitionen in erneuerbare Energien. So schreiben es Klimaschützer in der Fachzeitschrift Joule.
„Investitionen in neue Kernkraftwerke sind aufgrund der hohen Kosten und der langen Bauzeiten schlecht für das Klima“, heißt es in dem am Freitag (21. Juli) veröffentlichten Bericht. Hauptautor ist Luke Haywood vom European Environmental Bureau (EEB), einer Umwelt-NGO.
Das Papier untersucht die Gründe für die Verzögerungen und Kostenüberschreitungen, die bei den jüngsten großen Atomprojekten in Europa, wie etwa Flamanville 3 in Frankreich und Olkiluoto in Finnland, aufgetreten sind.
„Angesichts der Dringlichkeit des Klimaschutzes, der eine Reduzierung der Emissionen aus dem EU-Stromnetz auf nahezu Null in den 2030er Jahren erfordert, sollte die billigste Technologie, die am schnellsten eingesetzt werden kann, bevorzugt werden“, heißt es.
Erneuerbare Energien seien sowohl bei den Kosten als auch bei der Geschwindigkeit besser als die Kernenergie.
Unterm Strich, so die Autoren, seien neue Investitionen in die Kernenergie eine „gefährliche Ablenkung“ für die EU-Länder, da sie Investitionen ausschlössen, die sonst in andere verfügbare Technologien fließen könnten, die viel schneller eingeführt werden können.
„Jeder Euro, der in neue Kernkraftwerke investiert wird, verzögert somit die Dekarbonisierung im Vergleich zu Investitionen in erneuerbare Energien“, warnten die Forscher.
In der gesamten Europäischen Union werden neue Kernreaktoren geplant oder ernsthaft in Erwägung gezogen, unter anderem in Frankreich, der Tschechischen Republik, Ungarn, Polen, Bulgarien, Slowenien, Schweden und dem Vereinigten Königreich.
Die Studie spiegelt die Äußerungen des EU-Klimachefs Frans Timmermans wider, der vor den Auswirkungen auf den Haushalt der Mitgliedstaaten gewarnt hat: Neue Atomprojekte seien „sehr teuer“ und würden während ihres gesamten Lebenszyklus eine große finanzielle Belastung darstellen.
„Wenn Sie sich für neue Kernkraftwerke entscheiden, seien Sie sich der massiven, massiven Investitionen bewusst, die Sie benötigen werden.“
Länder, die neue Atomkraftwerke bauen, sollten sich auch der Kosten über den gesamten Lebenszyklus hinweg bewusst sein, „was bedeutet, dass Sie für eine lange, lange, lange Zeit daran gebunden sein werden“, sagte Timmermans 2020, ein Jahr nach seinem Amtsantritt.
Das EU-Klimagesetz, das 2021 verabschiedet wurde, setzt das rechtsverbindliche Ziel, die CO2-Nettoemissionen der EU bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 55 Prozent zu senken, bevor sie bis 2050 auf null sinken.
In Brüssel hat die Europäische Kommission offiziell eine neutrale Haltung zur Kernenergie eingenommen und erklärt, sie werde staatliche Beihilfen für den Bau neuer Reaktoren nicht blockieren.
Die Zurückhaltung der Kommission gegenüber der Kernenergie wurde jedoch in ihrem Vorschlag für einen Net-Zero Industry Act vom März deutlich, in dem die Kernenergie nicht unter den „strategischen“ Technologien der EU für die Dekarbonisierung der EU aufgeführt wurde.
Auch in dem am 23. März veröffentlichten Arbeitspapier der Kommission über „strategische“ grüne Industrien wurde Atomkraft mit keinem Wort erwähnt.
Das Europäische Parlament prüft derzeit Änderungen am Net-Zero Industry Act vor dessen endgültiger Verabschiedung. Die EU-Abgeordneten wollen die Unterscheidung zwischen „strategischen“ und nicht-strategischen Technologien im Verordnungsentwurf aufheben.
Dies hat bei NGOS wie dem EEB Besorgnis ausgelöst. „Wir sind besorgt über den Vorstoß, die Kernenergie als strategische Technologie unter dem Net-Zero Industry Act aufzuführen“, erklärte das EEB in einer E-Mail an EURACTIV.
Derweil sind die Mitgliedstaaten geteilter Meinung über die Rolle der Kernenergie bei der Energiewende.
Während eine Gruppe von 14 EU-Mitgliedsstaaten unter der Führung Frankreichs die Gleichstellung der Kernenergie mit erneuerbaren Energien fordert, sind Länder, die erneuerbare Energien befürworten, wie Österreich, Deutschland und Luxemburg, dagegen.
[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]