Migrationstrends in OECD-Ländern

Anders als in vielen anderen OECD-Ländern hat die Wirtschaftskrise in Deutschland die Jobchancen für Zuwanderer kaum beeinflusst. Bei Frauen mit Migrationshintergrund steigt die Erwerbstätigkeit sogar. In Österreich dagegen trifft die Krise die Jobchancen für Zuwanderer viel stärker als für Einheimische. Die Schweiz profitiert indessen stark von Zuwanderung. Ein Überblick über Trends bei Wanderungsbewegungen und Migrationspolitik in OECD-Ländern.

Die Krise bringt Jobzuwächse bei Migrantinnen. Oft müssen Frauen die Arbeitslosigkeit der männlichen Familienmitglieder ausgleichen (Foto: dpa)
Eine gute Integration von Migranten hat positive Effekte für die Volkswirtschaft. [Foto: dpa]

Anders als in vielen anderen OECD-Ländern hat die Wirtschaftskrise in Deutschland die Jobchancen für Zuwanderer kaum beeinflusst. Bei Frauen mit Migrationshintergrund steigt die Erwerbstätigkeit sogar. In Österreich dagegen trifft die Krise die Jobchancen für Zuwanderer viel stärker als für Einheimische. Die Schweiz profitiert indessen stark von Zuwanderung. Ein Überblick über Trends bei Wanderungsbewegungen und Migrationspolitik in OECD-Ländern.

Die internationale Migration steht trotz des mit dem Wirtschaftsabschwung zusammenhängenden Rückgangs der Arbeitskräftenachfrage weiter ganz oben auf der Politikagenda der OECD-Mitgliedsländer. Im jährlich erscheinenden International Migration Outlook werden die Entwicklungen im Bereich Wanderungsbewegungen und Migrationspolitik in den OECD-Ländern untersucht. Dabei wird analysiert, welchen Beitrag die Zuwanderung zur Veränderung des Umfangs der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den vergangenen zehn Jahren geleistet hat und welche Rolle die projizierte Zuwanderung für das Wachstum der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den kommenden zehn Jahren spielen wird.

Zuwanderung in die OECD-Länder rückläufig

Die Zahl der dauerhaften, legalen Zuzüge ausländischer Staatsangehöriger sank 2008 mit rund 4,4 Millionen um 6%, was nach einem durchschnittlichen Wachstum von 11% in den vergangenen fünf Jahren den ersten Rückgang darstellt. Diese Abnahme ist jedoch zum großen Teil auf Rückgänge in einer geringen Zahl von Ländern zurückzuführen und auch durch die besonders hohen Zuwanderungszahlen im Jahr 2007 bedingt.

Indessen setzte sich die rückläufige Tendenz 2009 fort, wobei sich die Zuwanderung infolge der Wirtschaftskrise in den meisten OECD-Ländern verringerte.

Auf die Migration innerhalb von Regionen, in denen Freizügigkeitsregelungen gelten, entfielen 2008 rund 25% aller Migrationsbewegungen im OECD-Raum, in Europa sogar 44%.

In Norwegen, der Schweiz, Österreich und Dänemark macht diese Art von Migration weit über die Hälfte aller Wanderungsbewegungen aus.

Unter den europäischen Ländern spielte die Arbeitsmigration 2008 in Portugal, Spanien, im Vereinigten Königreich und in Italien eine wichtige Rolle, wo 20 bis 30% der dauerhaften Zuwanderer zu Arbeitszwecken einreisten.

In den anderen Ländern, außer in Japan und Korea, nimmt der Familiennachzug nach wie vor den größten Platz unter den verschiedenen Kategorien dauerhafter Zuwanderung ein. In den Vereinigten Staaten sowie in Frankreich und Schweden ist weiterhin der Nachzug von Familienangehörigen vorherrschend (65%).

Befristete Zuwanderung nach wie vor wichtig

Die befristete Migration ist seit Mitte der 2000er Jahre gestiegen, begann 2008 jedoch abzunehmen, wenngleich dieser Rückgang vor allem in den befristeten Arbeitsmigrationsprogrammen zu Tage trat. 2008 belief sich die Zahl der befristeten Zuzüge von Arbeitsmigranten im OECD-Raum insgesamt auf über 2,3 Millionen, was nach vier Jahren stetigen Wachstums einer Abnahme um 4% entspricht. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass der Rückgang sich 2009 fortsetzen wird.

Saisonarbeit, Arbeitsurlaubsprogramme und konzerninterne Entsendungen erhielten 2008 Zulauf, während die anderen Kategorien – größtenteils zeitlich befristete Arbeitsmigration – eine rückläufige Entwicklung verzeichneten. Die befristete Arbeitsmigration war auch einer der ersten Migrationskanäle, der durch den Wirtschaftsabschwung beeinträchtigt wurde.

Zahl der Asylbewerber steigt jedoch weiter

Die Zahl der Asylbewerber ist im OECD-Raum seit 2006 jedoch wieder gestiegen. 2008 waren die Vereinigten Staaten mit 39.400 Asylbewerberzuzügen das wichtigste Aufnahmeland, gefolgt von Frankreich, Kanada, dem Vereinigten Königreich und Italien, wo die Zahl der Zuzüge überall 30.000 überstieg.

Norwegen, Schweden und die Schweiz waren – auf die Einwohnerzahl umgerechnet – die wichtigsten Aufnahmeländer. Die wichtigsten Herkunftsländer waren der Irak, Serbien und Afghanistan.

Viele ausländische Studenten lassen sich dauerhaft nieder

Insgesamt hat sich die Zahl der ausländischen Studierenden zwischen 2000 und 2007 mehr als verdoppelt, auf über 2 Millionen; die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich, Deutschland, Frankreich und Australien sind die Hauptzielländer.

Der stärkste prozentuale Anstieg war in Neuseeland und Korea zu beobachten, gefolgt von den Niederlanden, Griechenland, Spanien, Italien und Irland.

Ausländische Studierende stellen für die OECD-Länder ein potenziell wichtiges Reservoir an hochqualifizierten Arbeitsmigranten dar. Im OECD International Migration Outlook 2010 wird erstmals versucht, die Bleibequoten – gemessen am Anteil der Statusänderungen unter den Personen, die ihre Aufenthaltsgenehmigungen für Studierende nicht verlängern – zu untersuchen. Unter Verwendung dieser Methode schwanken die geschätzten Bleibequoten zwischen 15% und 35%, wobei der Durchschnitt bei 21% liegt.

China, Polen, Indien und Mexiko an oberster Stelle

Auf die zwanzig wichtigsten Herkunftsländer entfielen 2008 über die Hälfte der Gesamtzuzüge, wobei China, Polen, Indien und Mexiko an oberster Stelle standen. Im Vergleich zu den Wanderungsbewegungen, die Ende der 1990er Jahre zu beobachten waren, war der stärkste Anstieg bei der Zuwanderung aus Kolumbien, China, Rumänien und Marokko zu verzeichnen. Die Zuzüge aus den Philippinen und der Russischen Föderation sind seit dem Jahr 2000 indessen zurückgegangen. Die Abwanderung von Polen in andere europäische Länder verharrte 2008 auf hohem Niveau.

Bevölkerungswachstum geht meist nur auf Migration zurück …

Sollten die Migrationsraten im Großen und Ganzen auf ihrem gegenwärtigen Niveau verharren, wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den OECD-Ländern zwischen 2010 und 2020 um 1,9% steigen, verglichen mit einem Zuwachs um 8,6% im Zeitraum 2000-2010. Zwischen 2003 und 2007 entfielen 59% des Bevölkerungswachstums auf die Zuwanderung.

Zuwanderer machen bis zu ein Drittel der Neuzugänge zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus, auch wenn sich dieser Beitrag durch den gleichzeitigen Zuzug von Kindern und älteren Menschen verringert.

Lediglich in Frankreich, den Vereinigten Staaten und Neuseeland war das Bevölkerungswachstum in erster Linie auf den natürlichen Anstieg zurückzuführen.

In einer Reihe von Ländern – darunter einige südeuropäische Länder, Österreich und die Tschechische Republik – waren rund 90% des Bevölkerungswachstums durch die Zuwanderung bedingt.

… Beschäftigungswachstum dagegen eher auf Einheimische

Insgesamt sind 51% des Beschäftigungswachstums durch einen Anstieg der Beschäftigungsquote der Gebietsansässigen und 39% durch Migrationsbewegungen bedingt, wobei zwischen den einzelnen OECD Ländern große Unterschiede bestehen.

Bei vielen der Länder, in denen ein hauptsächlich durch eine stärkere Mobilisierung der gebietsansässigen Erwerbsbevölkerung bedingter Beschäftigungszuwachs verzeichnet wurde, handelte es sich um Länder, die eine relativ hohe Beschäftigungsquote (über 75%) aufweisen, wie etwa Dänemark, die Schweiz und Schweden. Umgekehrt lagen die Beschäftigungsquoten in den Ländern, in denen das Beschäftigungswachstum größtenteils von externen Quellen ausging, mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs unter dem OECD-Durchschnitt.

Ausblick auf Entwicklungen in der Migrationspolitik

Die Ausrichtung auf hochqualifizierte Zuwanderer, einschließlich der Nutzung von Punktesystemen (wie in Dänemark, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden), setzte sich fort. Desgleichen die Verschiebung angebotsbestimmter Systeme in Richtung der Bevorzugung von Antragstellern, die ein Arbeitsangebot im Rahmen von Programmen für die dauerhafte Zuwanderung vorweisen können (Australien und Kanada).

Während ein Land, nämlich Schweden, sich für die Zuwanderung aller Qualifikationskategorien öffnete, beschränkte sich die Öffnung für die Migration geringer qualifizierter Arbeitskräfte andernorts auf Änderungen einiger Saisonarbeitsprogramme, die die Nutzung dieser Art von befristeter Migration begünstigen sollten (Australien und Polen).

Krise trifft junge Migranten besonders stark

In den meisten OECD-Ländern ist die Beschäftigung bei den im Ausland geborenen jungen Menschen drastischer gesunken als bei den im Inland geborenen. Während die Jugendbeschäftigung (15-24 Jahre) in den zwölf Monaten nach dem zweiten Quartal 2008 insgesamt um 7% sank, fiel der Rückgang bei den jungen Menschen mit Migrationshintergrund doppelt so stark aus.

Zudem war die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund bereits zuvor hoch und belief sich 2009 in den Vereinigten Staaten auf 15%, in Kanada auf 20% und in der EU-15 auf 24%.

Niedrige Beschäftigungsquoten sind insofern besorgniserregend, als die rasche Integration von jungen Menschen und Neuzuwanderern in den Arbeitsmarkt als einer der wesentlichen Bestimmungsfaktoren für ihre langfristige Integration identifiziert wurde. Bei einer Rezession besteht das Risiko von „Scarring-Effekten“, da Zuwanderern, die nach ihrer Ankunft nicht rasch einen Arbeitsplatz finden, dauerhafte Nachteile auf dem Arbeitsmarkt entstehen können. Um dem entgegenzuwirken, scheinen Sprachkurse, Mentoring und Ausbildungsplätze besonders wichtig zu sein. Diese Maßnahmen sollten während eines Abschwungs verstärkt werden.

Zugewanderte Frauen sind "besser" dran als Männer

Ausländische Frauen wurden von der Krise weniger stark getroffen als Männer, da Letztere besonders häufig in den Sektoren tätig sind, die am meisten in Mitleidenschaft gezogen wurden, nämlich im Bausektor, im Verarbeitenden Gewerbe und im Finanzsektor.

In allen Ländern außer Belgien und Ungarn stieg die Arbeitslosenquote der im Ausland geborenen Frauen weniger stark an als die der Männer. In einigen Ländern hat die Erwerbsquote der im Ausland geborenen Frauen sogar zugenommen – was in der Regel geschieht, wenn Einkommensverluste männlicher Familienmitglieder ausgeglichen werden müssen.

Links:

Internationaler Migrationsausblick: SOPEMI 2010

Der jährlich erscheinende „OECD International Migration Outlook“ gibt einen Überblick über Trends, Analysen und Daten im Bereich Wanderungsbewegungen und Migrationspolitik in den OECD-Ländern (International Migration Outlook: SOPEMI 2010 – ISBN 978-92-64-086012 © OECD 2010).

Weitere Informationen und Bezugsquellen finden Sie unter: www.oecd.org/de/migrationoutlook  

Zusätzliche Informationen: OECD Rights and Translation Unit, Public Affairs and Communications Directorate (PAC) (Mail: rights@oecd.org) auf der Website www.oecd.org/rights/