Osten setzt auf Wandel, Westen dümpelt hinterher
Vor allem in Asien sind viele Finanzexperten frustriert, weil der Wirtschaftsaufschwung zu lange dauert. In Osteuropa bereiten sich die Unternehmen auf einen fundamentalen Wandel der Weltwirtschaft vor; in Westeuropa hofft man dagegen auf ein Zurück in die Vergangenheit. Im Interview mit EURACTIV.de erläutert Emmanouil Schizas, Politikberater für KMUs die Ergebnisse einer Studie zur Weltkonjunktur, die er mit verfasst hat.
Vor allem in Asien sind viele Finanzexperten frustriert, weil der Wirtschaftsaufschwung zu lange dauert. In Osteuropa bereiten sich die Unternehmen auf einen fundamentalen Wandel der Weltwirtschaft vor; in Westeuropa hofft man dagegen auf ein Zurück in die Vergangenheit. Im Interview mit EURACTIV.de erläutert Emmanouil Schizas, Politikberater für KMUs die Ergebnisse einer Studie zur Weltkonjunktur, die er mit verfasst hat.
Emmanouil Schizas ist Politikberater für Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der Association of Chartered Certified Accountants (ACCA). Für den globalen Verband der Buchhalter hat Schizas eine neue Studie zur Weltkonjunktur (Global Economic Conditions survey) verfasst. Die Ergebnisse beruhen auf den Antworten der Verbandsmitglieder, die im Februar 2010 durchgeführt wurde. Als KMU-Berater beschäftigt er sich mit Regulierungen, der Unterstützung von Unternehmen, dem Zugang zu Finanzmitteln, Zahlungsverzug und dem Beschaffungsmarkt. Bevor Schizas zur ACCA wechselte, arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Financial Services Skills Council (FSSC) in Großbritannien.
Eine Zusammenfassung des Interviews finden Sie hier
EURACTIV.de: Herr Schizas, was sind die zentralen Ergebnisse der Global Economic Conditions Studie?
SCHIZAS: Der globalen Markterholung geht die Luft aus. Um das zu erklären: In den ersten Tagen der Markterholung – im ersten und zweiten Quartal 2009 – war die Wirtschaftslage so schlecht, dass jede Veränderung genau beobachtet wurde und Zuversicht verbreitete. Zumindest in Europa sagten Anfang 2009 die Menschen: Die meisten bedeutenden Volkswirtschaften werden aus der Rezession kommen und zu Wachstum zurückkehren. Dies ist nie so eingetreten. Jetzt ist klar: je mehr wir uns in den Wiederaufschwung hinein bewegen, desto langsamer und schwächer wird dieser. Der Großteil der anfänglichen Zuversicht basierte auf der Prognose eines kurzen, heftigen Aufschwungs, welcher von einer Menge Regierungsunterstützung angetrieben werden würde. Danach würde sich die Wirtschaft auf diesem Niveau einpendeln. Diese Zuversicht ist nun nicht mehr aufrecht zu erhalten.
EURACTIV.de: Eine der zentralen Thesen des Umfrage-Berichts ist, dass die Buchhalter frustriert sind. Liegt das daran, dass der Wiederaufschwung so lange dauert?
SCHIZAS: Ich spreche von Frustration, weil unsere Mitglieder schon einige Zeit mit Verbesserungen der Wirtschaftsbedingungen rechnen, die sich jedoch einfach nicht eingestellt haben. Nehmen Sie das Beispiel Asien: Dort haben unsere Mitglieder zunächst erwartet, dass die Volkswirtschaften in der ersten Hälfte 2009 richtig anziehen werden. Und zwar in der Erwartung, dass ihre Regierungen zum einen die Unterstützung von steuerlichen und monetären Anreizen beibehalten würden und zum zweiten in der Hoffnung, dass Verbraucher im Westen mitmachen und die Nachfrage steigern würden. Als dieses nie eintrat, haben unsere Mitglieder in Asien ihre Erwartungen nach unten korrigiert. Die asiatischen Märkte haben offensichtlich in einen Aufschwung investiert, der sich nicht so schnell einstellt, wie sie erwartet haben. Sie sind daher besonders frustriert.
EURACTIV.de: In Ihrer Studie werden doch gerade die Regierungsinitiativen positiv bewertet. Wie passt das zu der wachsenden Frustration und dem Pessimismus?
SCHIZAS: Die Verbesserung hat damit zu tun, dass einige der anfänglichen Regierungsinitiativen Zeit benötigten, um Früchte zu tragen. Die Rekapitalisierung von Banken und die Unterstützung von Unternehmen wird dem Wähler als etwas verkauft, das augenblicklich funktioniert. Tatsächlich aber wird es einige Monate brauchen bis diese Dinge greifen. Derzeit erleben wir gewissermaßen ein Nachbeben der vorangegangen Regierungsinterventionen. Hinzu kommt, dass die Menschen sich Zeit nehmen, um die Lage neu zu bewerten.
In den ersten Tagen der Markterholung sagte beispielsweise ein Großteil – ca. 80 Prozent – unserer Buchhalter-Mitglieder in Europa, dass sie an kein Kapital für ihre Klienten kommen. Dies war natürlich äußerst frustrierend und man begann zu sagen, dass Regierungen sich darum kümmern sollten. Jetzt, wo es Lösungsansätze für viele der grundsätzlichen Probleme gibt, lässt die Frustration gegenüber den Regierungen nach. Wenn es der Wirtschaft besser geht, verbessert sich auch die Wahrnehmung der Regierungsarbeit, unabhängig davon, was diese tatsächlich getan haben oder nicht.
EURACTIV.de: In der Erhebung unterscheiden Sie zwischen Osteuropa und Westeuropa. Im Osten erwarten die Buchhalter eine schnellere Markterholung als ihre Kollegen im Rest der Welt. Warum?
SCHIZAS: Die Rezession in Zentral- und Osteuropa war eine vollkommen andere Bestie als in Westeuropa. Die osteuropäischen Länder wurden viel härter getroffen. Der Wandel der Einstellungen und Denkmuster ist dort viel intensiver. Während zum Beispiel unsere britischen Mitglieder in gewisser Weise immer noch hoffen, dass alles so wird wie vorher, sind unsere Mitglieder in der Ukraine hingegen der Auffassung, dass die Dinge nie wieder so wie vorher werden. Man müsse sich nur auf eine kommende neue Weltwirtschaft einstellen.
Da die Rezession in Mittel- und Osteuropa so hart war, war es für sie einfacher zu glauben, dass die Dinge in einem Jahr wesentlich besser sein würden. In Ländern in denen die Rezession wesentlich oberflächlicher war, glaubten die Menschen hingegen, dass die Dinge in einem Jahr ziemlich unverändert sein würden. Der große Unterschied besteht also darin, wie hart Teile Europas getroffen wurden und wie sich daher die Einstellungen verändert haben. Die Kombination aus beiden erzeugt die unterschiedlichen Effekte.
Und hier ist ein sehr interessanter Punkt, der auch in unserer Umfrage im letzten Quartal deutlich geworden ist: Wir hatten damals nach Ratschlägen für kleine Betriebe für das nächste Jahr gefragt. Diese Ratschläge können in drei Kategorien aufgeteilt werden. In der ersten Kategorie finden sich eher defensive Ratschläge: Sei vorsichtig, steuere deinen Cash-Flow, unternimm nichts Riskantes usw. Dann gab es die konkurrenzbetonte Kategorie nach dem Motto: Besiege die Wettbewerber entweder über den Preis, über die Qualität oder über beides. Zuletzt gab es die Strategen, die auf Investitionen und das Austesten neuer Märkte setzten.
In Mittel- und Osteuropa ist die konkurrenzbetonte Kategorie überrepräsentiert. Wir glauben, dass die Rezession diese Länder so hart getroffen hat, dass sie einen Einstellungswandel zur Folge hatte. Man sagt: So wie wir bisher gearbeitet haben, wird das nicht mehr funktionieren und wir müssen unsere Industrie und unsere Wirtschaft verändern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Daher sind ihre Ansichten zur Weltwirtschaft auch sehr unterschiedlich. Sie erwarten kein Rückkehr zu 2007. Ihre Erwartungen wurden von dem Einstellungswandel geformt.
EURACTIV.de: Um den Umfrage-Bericht zu zitieren: "Westeuropa dümpelt weiterhin hinter dem Rest der regionalen Märkte der ACCA her." Könnten Sie diesen Punkt etwas ausführlicher darlegen?
SCHIZAS: Nun ja, die Markterholung in Westeuropa wird sich letzten Endes auf die Binnennachfrage verlassen müssen. Es gibt Variationen: Deutschland ist mehr Export-orientiert als andere Länder, Großbritannien ist abhängiger von Verbraucherkrediten als andere. Aber insgesamt wird sich Westeuropa auf die Verbrauchernachfrage verlassen, um sich zu erholen. Das Problem ist, dass Verbraucher- und Unternehmensnachfrage auf Kredite angewiesen sind. Und das Kreditwachstum ist noch sehr schwach. Weitere Forschungsarbeiten von uns haben ergeben, dass sich die Bereitstellung von Krediten möglicherweise nicht bis Ende 2011 erholen wird. Bis dahin wird man feststellen, dass die Situation in Westeuropa sehr fragil ist.
Außerdem muss man die Staatsverschuldung berücksichtigen. Sie ist eines der größten westeuropäischen Probleme und das wird eine ganze Weile so bleiben. Wir haben festgestellt, dass in Ländern in denen unsere Mitglieder vermuten, dass ihre Regierung zu viel oder zu wenig für die Markterholung ausgibt, erwartet wird, dass der Aufschwung wesentlich länger dauern wird. Mehr noch als in vielen anderen regionalen Märkten besteht dieses Risiko für Westeuropa.
EURACTIV.de: Was sind – wenn man die Ergebnisse Ihrer früheren Studien miteinbezieht – die wichtigsten Trends?
SCHIZAS: Es gibt drei fundamentale Veränderungen. Die erste hat mit Arbeitsplätzen und Investitionen zu tun. Es wird wesentlich weniger Personal abgebaut. Begleitet wird dies von einer leichten Erholung im Bereich der Investitionen. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmen bessere Zeiten erwarten und gewillt sind, Worten auch Taten folgen zu lassen. Die zweite wesentliche Veränderung betrifft den Wandel von Einstellungen in Asien. Bis jetzt hat Asien unseren Indikatoren zufolge den Aufschwung angeführt.
Jetzt wird vor dem Hintergrund der letzten sechs Monate klar, dass sie einen Schritt zurück gehen, während ihre Regierungen ihre Unterstützung entziehen und die Markterholung neu evaluieren. Jetzt sind sie der Auffassung, dass diese schwächer und langsamer sein wird. Die letzte Veränderung hat mit der Ausprägung des Aufschwungs zu tun. Wir glauben nun, dass die Risiken von Kursrückgängen zum Großteil weggefallen sind. Die meisten Faktoren, die wirklich sehr falsch laufen können, sind dabei sich zu stabilisieren. Und weil die Risiken von Kursrückgängen abnehmen, können wir nun sehen wie schwach der Aufschwung wirklich ist.
EURACTIV.de: Wenn diese Schwäche nun so offensichtlich ist, müssten die Einstellungen dann nicht wesentlich pessimistischer sein?
SCHIZAS: Die Einstellung in den Umfragen und anderswo sind immer noch ziemlich pessimistisch. Das Gefälle der Erwartungen hinsichtlich der Stärke des Aufschwungs korreliert auch mit einem kleinen Gefälle im Konjunkturoptimismus und bei den Einkommenserwartungen. Es wird erwartet, dass die Markterholung länger dauert. Die Menschen passen alle ihrer Sichtweisen und Erwartungen nach unten an.
Interview: Daniel Tost