REACH - Wirbel um Tierversuche
Berechnungen des Fachmagazins Nature bringen die Chemikalienrichtlinie REACH in Verruf. 54 Millionen Tierversuche seien laut Nature nötig, um die Bedingungen der europäischen Richtlinie zu erfüllen. Die Europäische Chemikalienagentur geht von weit weniger Versuchen aus. Die Akademie für Tierschutz mahnt zur Vorsicht: "es handelt sich nur um Schätzwerte".
Berechnungen des Fachmagazins Nature bringen die Chemikalienrichtlinie REACH in Verruf. 54 Millionen Tierversuche seien laut Nature nötig, um die Bedingungen der europäischen Richtlinie zu erfüllen. Die Europäische Chemikalienagentur geht von weit weniger Versuchen aus. Die Akademie für Tierschutz mahnt zur Vorsicht: „es handelt sich nur um Schätzwerte“.
Die Toxikologen Thomas Hartung und Costanza Rovida warnen in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" (27. August 2009) vor den hohen Kosten, die das europäische REACH-Verfahren mit sich bringe. Über 54 Millionen Tierversuche seien nötig, um chemische Stoffe auf ihre Auswirkung für Gesundheit und Umwelt zu überprüfen, so die Forscher.
Allerdings bezweifelt die Europäische Chemikalienagentur (ECHA), dass die Prognose der Toxikologen stimmt. ECHA geht von neun Millionen Tierversuchen aus, die mit der Chemikalien-Überprüfung erforderlich werden.
Der REACH-Verordnung (2007) nach müssen alle chemischen Stoffe, die europaweit in Mengen von mehr als 1000 Kilogramm pro Jahr verkauft werden, begutachtet werden. Nach offiziellen Angaben der EU betrifft das knapp 30.000 Chemikalien. Ziel ist, Informationen über die Gefahren und Risiken von Chemikalien zu sammeln, und sie gegebenenfalls aus dem Verkehr zu ziehen. REACH steht für die Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien.
Die ECHA erklärt sich die Prognose der Toxikologen mit falschen Annahmen. Die Behörde vermutet, die Forscher seien davon ausgegangen, dass doppelt so viele Chemikalien auf ihre Gefährlichkeit zu prüfen seien.
Prognose noch nicht möglich
Nach der öffentlichen Aufregung über Millionen neuer Tierversuche, warnen nun auch Tierschützer vor verfrühter Panikmache. "Bei beiden Zahlen, die im Raum stehen, handelt es sich lediglich um Schätzungen", erklärt die Sprecherin der Münchner Akademie für Tierschutz, Kristina Wagner, gegenüber EURACTIV.de. Es bleibe abzuwarten, wie viele Stoffe die ECHA tatsächlich testen wird. Erst wenn die endgültige Zahl fest steht, könne die Zahl der Tierversuche festgestellt werden.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hält die Sorge vor übermäßig vielen Tierversuchen für unbegründet. "Die ECHA verfügt schon über die Zahlen der Vorregistrierung. Wie viele Tierversuche tatsächlich nötig sein werden, kann die Europabehörde sicherlich am besten einschätzen", so Reach-Projektleiterin Patricia Cameron.
Zellkulturen statt Versuchskaninchen
Die Akademie für Tierschutz hat sich gemeinsam mit anderen Tierschutzorganisationen bei der EU-Kommission dafür eingesetzt, dass möglichst wenige Tierversuche in Folge der REACH-Verordnung durchgeführt werden. "Für uns ist jeder einzelne Tierversuch ein Tierversuch zu viel", so Sprecherin Kristina Wagner.
Verzichten lässt sich auf Tierversuche etwa durch eine intelligente Teststrategie, bei der bereits vorhandene Daten genutzt werden. Statt an lebendigen Tieren können einige Chemikalien auch an Zellkulturen ausprobiert werden. Wichtig ist Tierschützern vor allem, dass kein Versuch doppelt stattfindet.
"Durch gute Vorarbeit und den Datenaustausch mit Forschungsinstituten lässt sich nicht nur die Zahl der Tierversuche reduzieren, sondern auch eine Menge Geld sparen", argumentiert Kristina Wagner.
Umsetzung schwierig
Die Kommission nahm eine Reihe von Vorgaben zum Tierschutz in das REACH-Programm auf. Allerdings kritisiert die Akademie für Tierschutz mittlerweile die Umsetzung. "Wirtschaftliche Interessen verhindern oft, dass ein reibungsloser Datenaustausch möglich ist", erklärt Wagner. Dabei könnten Informationen der Chemie-Industrie möglicherweise Tierversuche verhindern.
Hintergrund:
Nach altem europäischem Chemikalienrecht wurden nur sogenannte "Neustoffe"auf ihre Umwelt- und Gesundheitsfolgen getestet, die erstmals nach 1981 vermarktet wurden. Mit dem REACH-Programm stehen auch alle "alten" Stoffe ab einem bestimmten Absatz auf dem Prüfstand.
Nach Angaben des BUND wurden 96 Prozent der ca. 100.000 in der EU verwendeten Chemikalien nie auf ihre Sicherheit geprüft. Einige dieser Stoffe stehen im Verdacht, Krebs zu erregen, die Gene zu schädigen oder das Hormonsystem zu stören.
Die REACH-Verordnung (1. Juni 2007) soll das Chemikalienrecht europaweit vereinheitlichen und vereinfachen. Bis 2018 sollen schrittweise alle Chemikalien registriert und auf schädliche Wirkungen für Mensch und Umwelt geprüft werden. Betroffen ist nicht nur die Chemie-Industrie. Gesundsschädliche Stoffe in Produkten wie Kleidung, Kinderspielzeug und Kosmetika sorgten in der Vergangenheit für Skandale.
Luisa Jacobs
Weiterführende Informationen
EU-Kommission: die Verordnung
Umweltbundesamt: REACH-Info
Bundesbehörden: REACH-Helpdesk
Bundesbehörden: Einführungsfilm
Bundesbehörden: Erste Schritte