Robinson: "Bürgerproteste könnten zunehmen"

Die Menschenrechte sollten beim Klimagipfel in Kopenhagen mit ins Blickfeld rücken, fordert Mary Robinson im Interview mit EURACTIV. Die ehemalige Präsidentin Irlands warnt zugleich vor Protesten und Unruhen, falls das Schicksal der unter dem Klimawandel leidenden Menschen nicht ernst genommen wird.

Anlässlich der Klimakonferenz eskaliert die Randale in Kopenhagen (Siedlung Christiania). Bürgerproteste und Konflikte könnten weltweit zunehmen, warnt Mary Robinson im Interview mit EURACTIV.
Anlässlich der Klimakonferenz eskaliert die Randale in Kopenhagen (Siedlung Christiania). Bürgerproteste und Konflikte könnten weltweit zunehmen, warnt Mary Robinson im Interview mit EURACTIV.

Die Menschenrechte sollten beim Klimagipfel in Kopenhagen mit ins Blickfeld rücken, fordert Mary Robinson im Interview mit EURACTIV. Die ehemalige Präsidentin Irlands warnt zugleich vor Protesten und Unruhen, falls das Schicksal der unter dem Klimawandel leidenden Menschen nicht ernst genommen wird.

" /ZUR PERSON
Mary Robinson war von 1990 bis 1997 die Präsidentin Irlands, von 1997 bis 2002 engagierte sie sich als Hohe UN-Kommissarin für Menschenrechte. Seit 2002 ist sie Ehrenpräsidentin der Entwicklungshilfsorganisation Oxfam.

EURACTIV: Sie haben zu Recht darauf hingewiesen, dass der Klimawandel auch zu einer Verletzung der Menschenrechte führt. Wieso ist es so ruhig um das Thema Menschenrechte, obwohl in Kopenhagen und vielerorts protestiert wird?

ROBINSON: Viele Menschen haben noch nicht verstanden, dass es beim Kampf um Menschenrechte nicht nur um politische Gefangene oder um den Kampf gegen Folter geht. Wir müssen auch die Wichtigkeit von wirtschaftlichen und sozialen Rechten verstehen: das Recht auf Nahrung, auf sauberes Wasser, Gesundheit und Bildung.

Bei unserer Arbeit in afrikanischen Ländern habe ich in den letzten drei, vier Jahren gesehen, wie sehr der Klimawandel diese Menschenrechte negativ beeinflusst.

EURACTIV: Konzentrieren sich die Gespräche in Kopenhagen zu sehr auf die Umweltaspekte und zu wenig auf die sozialen Themen, also auch auf das Problem der globalen Armut?

ROBINSON: Bis vor kurzem wurden die Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen zu wenig betrachtet. Die Wissenschaft und die Umwelt standen im Mittelpunkt, es ging um Zahlen wie das Zwei-Grad-Ziel und die 450 ppm (Konzentration von CO2 und anderer Treibhausgase in der Atmosphäre). In diesem Sinne ist das schmelzende Eis des Eisbären zum Symbol geworden.

Obwohl das sehr wichtig ist, müssen wir uns heute mehr auf die Menschen konzentrieren.

Das Global Humanitarian Forum in Genf schätzt, dass im vergangenen Jahr 300.000 Menschen an den Folgen des Klimawandels gestorben sind. Viele, viele Menschen haben entweder ihre Existenzgrundlage verloren oder mussten extreme Bedingungen verkraften. Ich denke, dass sich die Zivilgesellschaft dem zuwendet, so wie es Unicef für die Kinder tut.

Die Menschen sehen, dass die Umweltfolgen des Klimawandels eng mit der steigenden Armut verbunden sind. Manche warnen sogar, dass die Bürgerproteste in den nächsten Jahren zunehmen werden, falls nicht ein Menschenrechtsansatz in den Verhandlungen berücksichtigt wird.

EURACTIV: Sind die weltweit auftretenden Proteste erste Anzeichen für diese soziale Bewegung?

ROBINSON: Ich kann die Frustration verstehen. Menschen nutzen friedliche Märsche und Demonstrationen für anarchistische Ansätze. Das ist ein Problem. Doch ich verstehe die Sorge der Menschen, die sehen, dass die Kluft in unserer Welt größer wird – die Zukunft unseres Planeten steht auf dem Spiel.

Wenn es stärkere Trockenheit gibt, wenn es mehr Überschwemmungen gibt, wenn das Vordringen der Wüste Millionen von Menschen zu Klimaflüchtlinge werden lässt… ja, es wird wahrscheinlicher, dass wir Konflikte erleben werden.

Wir reden hier von dringenden, sehr ernsten Problemen. Diese Konferenz entscheidet über das Schicksal der Welt, das ist keine Welthandelskonferenz.

EURACTIV: Sie haben das ernste Problem angesprochen, dass Millionen von Menschen zu Klimaflüchtlingen werden könnten. Gibt es irgendwelche Anzeichen, dass die institutionellen Strukturen so angepasst werden, um diesen neuen Migranten gerecht zu werden?

ROBINSON: Nein. Zunächst müssen wir versuchen, die Auswirkungen so gut es geht zu verhindern. Deshalb glauben viele Menschen auch daran, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht genug ist, sondern, dass die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad begrenzt werden muss. Nur so werden die Bewohner der kleinen Inselstaaten nicht gezwungen, ihre Inseln wegen dem steigenden Wasserspiegel zu verlassen.

In jedem Fall brauchen wir ein System des Migrationsmanagements, das die Tatsache berücksichtigt, dass wir bedeutende Migrationsströme aus Teilen Afrikas antizipieren, die zu trocken werden. Die Überflutung von flachen Gebieten vertreibt ebenso Menschen.

Deshalb brauchen wir sehr gut ausgestattete Klimaanpassungsfunds. Die Zahlen von Oxfam – 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr ab 2012 und kurzfristig 10 Milliarden US-Dollar jährlich – sind sehr angemessen. Man bedenke nur wie viel Geld in kurzfriste Bankenrettungsmaßnahmen gesteckt wurde oder wie viel Geld große Länder für Aufrüstung und Todeswaffen ausgeben.  Das Geld ist da- Es ist eine Frage der Prioritäten. Es geht nicht nur um Geld.

Hier wurde das vollständige Interview mit Mary Robinson veröffentlicht, dass Daniela Vincenti-Mitchener auf Englisch führt.