Sind Bildungsinvestitionen schädlich?
Ist das Geld, das EU und nationale Regierungen in Bildung, Wissenschaft und Forschung investieren, Verschwendung? Experten warnen vor den Nachteilen einer überqualifizierten, aber unterbeschäftigten Elite. Investitionen in die Köpfe zahlen sich demnach für die Wirtschaft kaum aus.
Ist das Geld, das EU und nationale Regierungen in Bildung, Wissenschaft und Forschung investieren, Verschwendung? Experten warnen vor den Nachteilen einer überqualifizierten, aber unterbeschäftigten Elite. Investitionen in die Köpfe zahlen sich demnach für die Wirtschaft kaum aus.
Ein Expertenbericht im Auftrag der irischen Regierung liest sich für EU-Entscheidungsträger, die mit Bildungsökonomie zu tun haben, ziemlich ernüchternd.
Da Europa zur Zeit die Zukunft der Lissabon-Agenda für mehr Wachstum und Beschäftigung debattiert, stellt der irische Bericht einen provokanten Beitrag dar. Er bezweifelt, ob sich die Investitionen in die Köpfe bisher gelohnt haben.
Überproduktion von Bildungseliten
Der Bericht (veröffentlicht am 16. Juli 2009) stellt es in Frage, ob Irlands Investitionen in Wissenschaft, Technologie und Innovation wirtschaftlich überhaupt erstrebenswert sind. Außerdem wird untersucht, ob es nicht eher kontraproduktiv ist, zwanzig Prozent mehr Studenten zu produzieren.
Ausgaben unter die Lupe genommen
Diese Thesen enthält der ausführliche Bericht eines Wirtschaftswissenschaftlers, der beauftragt war, die öffentlichen Ausgaben der irischen Steuerzahler unter die Lupe zu nehmen und zu rationalisieren.
Demnach werden Investitionen in Wissenschaft, Technologie und Innovation in Europa stets als Schlüsselfaktoren der Bildungsökonomie vorangetrieben, doch der Beweis, dass die öffentlichen Gelder hier wirklich gut angelegt sind, falle dürftig aus.
Wenig überzeugende Belege
Die Rentabilität dieser öffentlichen Investitionen könne nicht mit Gewissheit von vornherein erkannt werden, heißt es in dem Bericht. Die Belege dafür, wie sich die staatlichen Ausgaben für Bildung auf das aktuelle Wirtschaftsgeschehen auswirken, seien bisher nicht überzeugend.
Dogma der Lissabon-Agenda
Geld in Innovation zu pumpen, gilt in Europa unumstößlich als der einzige Weg in Richtung Wettbewerbsfähigkeit. Dies ist auch das Dogma der Lissabon-Agenda. Europa werde nie bei den Kosten konkurrieren können, weil Asien, Afrika und Südamerika immer günstiger sein werden. Daher investiert die EU in die Köpfe.
Aber das könnte laut Professor Colm Mc Carthy, Chefautor des Berichts und Dozent am University College in Dublin (Irland), nicht sonderlich klug sein. Irland und andere EU-Länder streben nach immer mehr Uni-Absolventen. Die Grüne Insel möchte die Anzahl der Doktoranden verdoppeln, was sich jedoch durch keinerlei Beleg stützen lasse.
Zum Auswandern gezwungen
Es gebe keine “eindeutige wirtschaftliche Notwendigkeit", die Zahl der Akademiker zu erhöhen. McCarthy meint sogar, es könne zu Beschäftigungsproblemen führen, wenn man mit Nachdruck die Bildungselite vergrößert. Dies könnte darauf hinauslaufen, dass die überqualifizierten jungen Leute zum Auswandern gezwungen sind.
Endstation öffentlicher Dienst
“Es gibt empirische Belege dafür, dass 20 Prozent der Promovierten eine Beschäftigung in Übersee finden", klärt der Bericht auf. "Und von denen, die in Irland bleiben, finden die meisten einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst und nicht im privaten Sektor."
Kurz gesagt: Die zusätzlichen Uni-Abgänger kommen nicht der Innovation in der freien Wirtschaft zugute. Genau das war jedoch ursprünglich beabsichtigt gewesen.
Der Bericht drückt die Besorgnis aus, dass Europas überschwängliche Begeisterung für Investitionen in die Wissensgesellschaft zu politischen Entscheidungen verführt, die wissenschaftlich nicht fundiert sind.
Konkurrenz in China und Indien
Der Beweggrund, die Zahl der Akademiker zu verdoppeln, liegt zum Teil in Indien und China: Dort werden Akademiker in schwindelerregenden Zahlen fabriziert. Aber auch dort sind die Hochschulabsolventen mit Unterbeschäftigung konfrontiert und frustriert, weil sie Lebenszeit und Energie in eine Qualifikation investiert haben, die letztlich wenig nachgefragt wird.
Wert eines Titels nimmt ab
Ferner gibt es Bedenken, dass die massive Explosion der Bildungselite der Qualität der Hochschulausbildung und dem Wert eines Abschlusses schadet. Der Ertrag dieser Investition nimmt demzufolge ab.
Hintergrund
Der Begriff "Wissensgesellschaft" wurde durch den Buchautor und Unternehmensberater Peter Drucker, einen gebürtigen Österreicher in den USA, 1969 bekannt. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Arbeitnehmer Ideen, Informationen und Innovationen produzieren. Das Konzept wurde von den Industrieländern als Möglichkeit zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit in einer globalisierten Welt aufgenommen, in der die Produktion zumeist in Billiglohnländer ausgelagert wird.
Europäisches Jahr der Kreativität und Innovation
Die EU hat die Lissabon-Strategie im Jahr 2000 eingeführt. Sie verfolgt das ehrgeizige Ziel, Europa bis "2010 zur weltweit dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft" zu machen. Der Plan wurde im Jahr 2005 erneut von Kommissionspräsident José Manuel Barroso aufgenommen. Dabei wurde auf die Schaffung von Arbeitsplätzen mehr Gewicht gelegt. Im Rahmen dieser Agenda wurde 2009 das Europäische Jahr der Kreativität und Innovation von der Europäischen Kommission ausgerufen.
Die meisten europäischen Länder haben diese Idee, in höhere Bildung und wissenschaftliche Forschung zu investieren, begrüßt. Irland hat seinerseits Milliarden Euro in die Finanzierung von Einrichtungen wie die Science Foundation Ireland gesteckt und Forschungen auf dem neuesten Stand unterstützt.
Im Dezember 2008 hat die irische Regierung einen wirtschaftlichen Erholungsplan mit dem Namen Building Ireland’s Smart Economy‘ veröffentlicht. Der Fokus liegt auf der Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in wirtschaftliche Rentabilität. Darüber hinaus hat die Regierung eine Expertengruppe unter der Leitung von Colm McCarthy beauftragt, die Verschwendung öffentlicher Ausgaben zu lokalisieren und Kürzungsvorschläge zu machen.
EURACTIV.com / ekö
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