Slowakei: Umweltschützer kritisieren geplante Tötung von hunderten Braunbären

Nach einem tödlichen Bärenangriff plant die slowakische Regierung, rund ein Viertel der heimischen Braunbärenpopulation zu töten. Das Vorhaben hat heftige Reaktionen bei Umweltschützern ausgelöst. Sie werfen der Regierung vor, Präventionsmaßnahmen nicht ausreichend geprüft zu haben.

EURACTIV.com
European Brown Bear, Ursus arctos
Umweltminister Tomáš Taraba rechtfertigte den Schritt mit einer deutlichen Zunahme von Mensch-Bär-Begegnungen – von 650 im Jahr 2020 auf rund 1.900 im Jahr 2024. [GettyImages/RaimundLinde]

Nach einem tödlichen Bärenangriff plant die slowakische Regierung, rund ein Viertel der heimischen Braunbärenpopulation zu töten. Das Vorhaben hat heftige Reaktionen bei Umweltschützern ausgelöst. Sie werfen der Regierung vor, Präventionsmaßnahmen nicht ausreichend geprüft zu haben.

Bratislava – In der Slowakei wurde vor wenigen Tagen ein 59-jähriger Mann von einem Bären getötet. Die Regierung genehmigte daraufhin die Tötung von 350 Bären – bei einer geschätzten Gesamtpopulation von etwa 1.300 Tieren. Der Plan wird nun von der EU-Kommission in Brüssel geprüft.

Der Fall sorgt europaweit für Aufsehen und Regierungen stehen zunehmend vor der Herausforderung, den Schutz großer Raubtiere wie Bären und Wölfe mit der öffentlichen Sicherheit in Einklang zu bringen.

Es handelt sich nicht um den ersten tödlichen Vorfall in der Slowakei: Im vergangenen Jahr kamen zwei Menschen durch Bärenattacken ums Leben. Laut offiziellen Zahlen wurden 2024 insgesamt 144 Bären getötet, davon 94 im Rahmen genehmigter Abschüsse – ein Höchstwert in der slowakischen Geschichte.

Zur Erleichterung der Jagdfreigaben rief die Regierung in zwei Dritteln des Landes den Notstand aus.

Umweltminister Tomáš Taraba rechtfertigte den Schritt mit einer deutlichen Zunahme von Mensch-Bär-Begegnungen – von 650 im Jahr 2020 auf rund 1.900 im Jahr 2024.

Rückendeckung erhielt er von Ministerpräsident Robert Fico, die Slowaken „können nicht in einem Land leben, in dem sie Angst haben, den Wald zu betreten und in dem Menschen zur Nahrung für Bären werden“.

Umweltverbände üben scharfe Kritik

Umweltorganisationen kritisieren das Vorhaben als unverhältnismäßig und rechtswidrig.

Die großflächige Tötung verstoße gegen internationale Verpflichtungen, darunter die EU-Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen, nach der der Braunbär als streng geschützte Art gilt. Abschüsse seien nur in Ausnahmefällen und als letztes Mittel erlaubt.

Die slowakische NGO Ursia weist zudem darauf hin, dass an mehreren Tatorten – auch beim jüngsten tödlichen Angriff – sogenannte Lockstellen entdeckt wurden.

Diese werden genutzt, um Bären gezielt für die Jagd anzulocken. Durch das Auslegen von Futter würden Bären jedoch zunehmend mit menschlichen Siedlungen in Verbindung gebracht, was das Konfliktpotenzial erhöhe.

„Die Regierung ignoriert hartnäckig, dass es in der Slowakei schätzungsweise 20.000 solcher Lockstellen gibt – viele davon nahe bewohnter Gebiete –, an denen jährlich rund 60.000 Tonnen Futter ausgebracht werden“, sagte der Umweltexperte Michal Kiča, früherer Staatssekretär im Umweltministerium.

Kiča sowie der liberale EU-Abgeordnete Michal Wiezik kritisieren außerdem, dass die Regierung bislang kaum in Aufklärung investiert habe. Weder wisse die Bevölkerung, wie sie sich im Wald verhalten solle, noch gebe es Informationen zur Vermeidung von Bärennähe im Wohnumfeld.

Auch habe die Rekordzahl an Abschüssen im Vorjahr keine weiteren Todesfälle verhindert – eine höhere Quote werde daran vermutlich nichts ändern.

EU prüft Maßnahmen

Minister Taraba kündigte an, im Rahmen des Notfallplans sämtliche Lockstellen entfernen zu lassen. Zudem solle es klare Verhaltensregeln für Bärenbegegnungen geben. Ein entsprechender Bericht zur Zahl der geplanten Abschüsse werde der Europäischen Kommission vorgelegt und zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Auf Anfrage von Euractiv Slowakei, ob das Vorgehen mit EU-Recht vereinbar sei und ob Alternativen ausgeschöpft wurden, erklärte ein Sprecher der Kommission, man analysiere derzeit die Notstandserklärung. Für eine abschließende Bewertung sei es noch zu früh.

Die Kommission habe jedoch Kenntnis von der „Notlage“ genommen und sehe die Notwendigkeit eines raschen Handelns.

„Grundsätzlich sind die slowakischen Behörden dafür verantwortlich, sicherzustellen, dass auch bei Notfallmaßnahmen die Bedingungen der Habitat-Richtlinie eingehalten werden“, ergänzte der Sprecher.

Rumänien als Vorbild

Umweltminister Taraba verwies auf Rumänien als Vorbild.

Dort leben mit schätzungsweise 6.000 bis 8.000 Tieren die meisten Braunbären Europas außerhalb Russlands.

Nach dem Tod eines 19-jährigen Touristen im vergangenen Jahr hatte Rumänien seine Abschussquote auf nahezu 500 Tiere verdoppelt. Politiker begründeten dies mit einer angeblichen „Überpopulation“, die zu vermehrten Angriffen geführt habe.

In den vergangenen 20 Jahren wurden in Rumänien 26 Menschen von Bären getötet, 274 weitere schwer verletzt. Kürzlich wurde ein Bergretter bei einem Angriff stark verletzt, was die Debatte neu befeuerte.

Der Bärenexperte Michal Haring sagte der Zeitung Denník N, dass auch in Rumänien eine großflächige Bärenjagd offiziell nicht erlaubt sei – das Land habe jedoch mit der Kommission eine Vereinbarung getroffen, die Zahl der Ausnahmen zu erhöhen.

Auch Rumäniens Vorgehen wurde von Umweltgruppen kritisiert. Ihre Argumente ähneln stark denen in der Slowakei: Das Gesetz allein bringe nichts, wenn nicht auch auf Prävention und gezielte Intervention gegen Problemtiere gesetzt werde.

WWF Rumänien betonte, Priorität müsse sein, Bären von Städten und Dörfern fernzuhalten – etwa durch bessere Abfallwirtschaft und ein Verbot, Wildtiere zu füttern.

Dies wurde auch von der Europäischen Kommission in einer Stellungnahme gegenüber Euronews Romania bekräftigt.

Zwar übte sie keine direkte Kritik an Rumänien, doch sie stellte klar: „Proaktive Maßnahmen sollten Vorrang haben, um Konflikte mit Bären zu vermeiden.“

(cs, de, kn)