Start für Desertec
Deutsche Großkonzerne wollen Afrikas Sonnenlicht für Europas Energieversorgung nutzen. Konkrete Konzepte hierzu sollen in drei Jahren vorliegen. Die Mittelmeerunion bleibt vorerst Zaungast. Deutschland erwartet einen Aufschwung für Nordafrika.
Deutsche Großkonzerne wollen Afrikas Sonnenlicht für Europas Energieversorgung nutzen. Konkrete Konzepte hierzu sollen in drei Jahren vorliegen. Die Mittelmeerunion bleibt vorerst Zaungast. Deutschland erwartet einen Aufschwung für Nordafrika.
Das Konsortium um das Wüstenstromprojekt Desertec hat am Montag (13. Juli 2009) in München ein Memorandum of Understanding (EN) zur Gründung der Desertec Industrial Iniative Planungsgesellschaft (DII) unterzeichnet. Innerhalb der nächsten drei Jahre wolle man konkrete Pläne für den Bau solarthermischer Kraftwerke in Nordafrika vorlegen. Zudem will man die Finanzierung des 400 Milliarden-Euro-Projekts ausloten.
Max Schön, Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, und einer der Hauptinitiatoren des Projekts zeigte sich am Montag bewegt: "Die Schaffung der Desertec Industrial Initiative ist ein großartiger Schritt der Industrie zur nachhaltigen Sicherung der Lebensgrundlagen der Menschheit."
Große Visionen
Bis 2050 könnten rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit ‚Wüstenstrom‘ gedeckt werden, so die Initiatoren. Ab 2020, so hoffen die Akteure, könnte erster Strom aus der Sahara nach Europa fließen. Der bisherige Planungsrahmen geht über 40 Jahre. Langfristig solle die Sonne über afrikanischen Wüsten den halben Planeten mit Strom versorgen. Hauptsächlich soll der Strom den nordafrikanischen Ländern zur Verfügung stehen, auch um damit Meerwasser-Entsalzungsanlagen zu betreiben.
Unterzeichnet haben überwiegend deutsche Unternehmen unter Führung des Versicherungskonzerns Münchener Rück, darunter Siemens, RWE, E.on, die Deutsche Bank, die HSH Nordbank, MAN Solar und Schott Solar. Aber auch die algerische Firma Cevital und Abengoa Solar aus Spanien sind mit an Bord.
Wer steckt dahinter?
Das Konzept geht auf die TREC-Initiative und den Club of Rome zurück, der sich seit 1968 für eine "lebenswerte und nachhaltige Zukunft der Menschheit" einsetzt und einst mit dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" international für Aufsehen sorgte. Der jordanische Prinz Hassan bin Talal, ehemaliger Präsident des "Club of Rome", verleiht der Wüstenstrom-Vision adeligen Glanz.
Forschungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) liefern die wissenschaftlichen Grundlagen. Das DLR untersucht bereits seit 30 Jahren die Idee des Stromimports aus Afrika.
Mittelmeerunion bisher nur Zaungast
Die Entwicklung eines "Solarplans für den Mittelmeerraum" stand von Beginn an auf der Agenda der "Union für den Mittelmeerraum", die heute vor einem Jahr gegründet wurde. Trotzdem scheint die zerstrittene Gemeinschaft der EU mit den Mittelmeeranrainerstaaten des Nahen Ostens und Nordafrikas noch kaum in das Milliarden-Projekt eingebunden zu sein. Das mag wenig verwundern, hat es die Union seit einem Jahr noch nicht einmal geschafft, ein Sekretariat zu eröffnen, oder auch nur einen Zeitpunkt hierfür zu vereinbaren. Grund für die andauernde Blockierung der Union sind Streitigkeiten zwischen den Partnern seit dem Gaza-Krieg im Januar 2009.
Finanzierungshilfen im Rahmen der Mittelmeer-Union sind für Desertec noch nicht in Sicht. "Wir gehen bestimmt nicht in das Risikokapital mit hinein", sagte eine Sprecherin der EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und die Europäische Nachbarschaftspolitik, Benita Ferrero-Waldner gegnüber EURACTIV.de. Was man bieten könne, sei politische Flankierung bei den anstehenden Verhandlungen mit den Ländern Nordafrikas sowie Machbarkeitsstudien für die Solarstromförderung im Mittelmeerraum.
Deutschland erwartet Wachstum in der Region
Deutschland sieht eine Verbindung von Desertec und Mittelmeerunion optimistisch. "Die Desertec-Initiative führt im Rahmen der Union für den Mittelmeerraum verschiedene außenpolitische Ziele geradezu idealtypisch zusammen" heißt in einer Erklärung des Staatsministeres Günther Gloser (Auswärtiges Amt), der dem Gründungstreffen beiwohnte. "Für die südlichen Anrainer des Mittelmeers ist durch umfangreiche Investitionen sowie Erlöse aus dem Stromexport nach Europa ein wirtschaftlicher Aufschwung zu erwarten, der zusammen mit Dialog unter den Anrainerstaaten die politische Stabilität in der Region stärken kann", so Gloser.
Politisch sei die Desertec-Initiative in den Solarplan der Mittelmeerunion eingebettet, den Deutschland als Leuchtturmprojekt in die Gemeinschaft eingebracht habe. Die Frage der finanziellen Unterstützung stelle sich in der "Frühphase" des Projektes dagegen noch nicht, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes gegenüber EURACTIV.de.
Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich?
Beobachter fragen sich inzwischen, ob Desertec auf den Widerstand Frankreichs stoßen könnte. Französische Energiekonzerne wollen mit Unterstützung aus Paris Atomkraftwerke im Norden Afrikas errichten, speziell in Marroko. Atom- und Solarprojekte werden also um Investitionskapital und politische Unterstützung konkurrieren.
Im Erfolgsfall könnte die vorwiegend von deutschen Unternehmen getragene Desertec-Initiative die politische Vormachtstellung Frankreichs in Nordafrika herausfordern. Schon in der Vergangenheit kam es zwischen Berlin und Paris zu Unstimmigkeiten über die Politik in der Region, speziell bei der Gründung der Mittelmeerunion (EURACTIV.de vom 25. Juni 2009).
Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes beeilte sich gegenüber EURACTIV.de zu betonen, die deutsche Unterstützung für Desertec bewege sich im Einklang mit den französischen Partnern. So habe man die Priorität eines Solarplans für die Mittelmeer-Region "im engen Schulterschluss" mit Paris gesetzt. Die französische Botschaft wollte sich gegenüber EURACTIV.de trotz mehrmaliger Anfrage nicht zu dem Thema äußern.
Die Technik: Concentrated Solar Power (CSP)
Das Desertec-Konzept beruht auf der Solarthermie. Aus Sonnenlicht wird Wärme gewonnen, die Wasser verdampfen lässt und dabei Turbinen antreibt. Das Verfahren wurde bereits seit den 80er Jahren in Kalifornien erprobt und ist bereits in Spanien im Einsatz. Der Sromtransport nach Europa soll mit Hilfe der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) über ein Unterseekabel erfolgen.
Greenpeace: Bis zu 2 Billionen Euro Wertschöpfung
Der Umweltverband Greenpeace steht hinter Desertec. "Die Energiekonzerne, Finanzinstitute und Anlagenbauer können die Nutzung von Wüstenstrom zu einem weltweitem Vorbild machen", erklärte Andree Böhling, Energie-Experte von Greenpeace anlässlich der Unterzeichnung. Den Ankündigungen müssten schnell Taten folgen und die Vision vom Sonnenstrom aus den Wüsten dürfe nicht zum "grünen Feigenblatt" verkommen. Der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik in Deutschland habe aber weiter Vorrang."
In einer kürzlich veröffentlichten Studie macht Greenpeace die wirtschaftlichen Potenziale des Wüstenstroms deutlich. Die beteiligten Unternehmen könnten vom Bau solarthermischer Kraftwerke mit einer Wertschöpfung von ein bis zwei Billionen Euro profitieren. Speziell deutsche Firmen, die zum Beispiel Receiver, Spiegel oder Turbinenkönnten produzieren, könnten ihre starke Marktstellung perspektivisch nutzen.
Die Autoren der Studie rechnen bis 2050 mit bis zu 582.000 Arbeitsplätzen, die durch die Wüstenstrom-Erzeugung entstehen, 40 Prozent könnten hierzulande angesiedelt sein.
Alexander Wragge