Steigende Opferzahlen: Journalist:innen und NGOs warnen vor Berichterstattung aus Ukraine

Während Russlands Invasion in der Ukraine weiter andauert, schlagen Reporter:innen, die bereits vor Ort sind, und internationale Medienorganisationen Alarm wegen Journalist:innen, die sich aktiv Wege in einen Krieg suchen, über den sie möglicherweise nicht einmal berichten wollen. 

EURACTIV.com
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Zahlreiche Reporter:innen und Organisationen haben ihre Besorgnis darüber geäußert, dass Menschen ohne ausreichende Vorbereitung oder Unterstützung als Journalist:innen in die Ukraine reisen wollen.  [Shutterstock / Honcharuk Andrii]

Während Russlands Invasion in der Ukraine weiter andauert, schlagen Reporter:innen, die bereits vor Ort sind, sowie internationale Medienorganisationen Alarm über Journalist:innen, die aktiv einen Weg in einen Krieg suchen, auf den sie oft nicht vorbereitet sind.

Am Sonntag (13. März) wurde der amerikanische Journalist und Regisseur Brent Renaud von russischen Streitkräften in der Nähe von Kiew erschossen – als erster ausländischer Reporter, der in diesem Konflikt getötet wurde. Ein Kollege wurde bei dem Angriff ebenfalls verletzt.

Der ukrainische Journalist Yevhenii Sakun war bereits Anfang des Monats bei einem russischen Luftangriff auf einen Kiewer Fernsehturm getötet worden. Am Samstag (12. März) wurde der Journalist Oleh Baturin in der von Russland besetzten Stadt Kherson als vermisst gemeldet.

Nach über zwei Wochen Krieg häufen sich die Berichte über Angriffe auf Journalist:innen, die in der Ukraine tätig sind. Selbst wenn die Opfer nicht wegen ihrer Arbeit angegriffen wurden, diente die eindeutige Kennzeichnung als Pressevertreter:innen nicht als Schutz, wie Berichte zeigen.

Trotz der Gefahren berichten zahlreiche Journalist:innen, die sich bereits vor Ort in der Ukraine aufhalten, dass sie von Berufskolleg:innen kontaktiert wurden, die sie um Rat darüber baten, wie sie in das Land reisen und mit der Berichterstattung beginnen könnten.

„Es ist erschreckend“, schrieb die Journalistin Laura-Maï Gaveriaux auf Twitter. „Es gibt derzeit Flugzeugladungen von jungen Leuten, die als Kriegsreporter improvisieren – wir steuern auf eine Katastrophe zu.“

In den Wochen seit Beginn der Invasion verzeichnete die Journalistenschutzorganisation Reporter ohne Grenzen (RSF) mehrere Angriffe auf Medienschaffende in der Ukraine. In vier Fällen wurden Journalist:innen durch Schüsse verletzt.

Zwei dänische Journalist:innen wurden aus der Ukraine evakuiert und ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie während ihrer Berichterstattung nur wenige Tage nach der Invasion angeschossen worden waren. Einige Tage später gerieten Korrespondenten des Fernsehsenders Al-Araby in Irpin unter russischen Beschuss, als die Kämpfe um sie herum eskalierten.

Ebenso wurde ein Auto, in dem sich eine Gruppe tschechischer und ukrainischer Journalist:innen befand, in der Nähe von Kiew beschossen, und ein Nachrichtenteam des britischen Senders Sky filmte einen Angriff auf sein eigenes Fahrzeug, bei dem zwei Reporter angeschossen wurden.

„Ich bin schon in anderen Kriegsgebieten beschossen worden, aber so etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte der Schweizer Fotograf Guillaume Briquet, der Anfang des Monats bei einem Angriff verletzt wurde, gegenüber RSF. „Journalisten, die ohne Kriegserfahrung durch das Land reisen, befinden sich in tödlicher Gefahr.“

Zahlreiche Reporter:innen und Organisationen haben ihre Besorgnis darüber geäußert, dass Menschen ohne ausreichende Vorbereitung oder Unterstützung als Journalist:innen in die Ukraine reisen wollen.

Die Bedenken beziehen sich darauf, dass sie sich in einen Konflikt begeben, ohne über eine angemessene Ausrüstung zu verfügen, wie etwa kugelsichere Westen, Training für das Verhalten in einem Kriegsgebiet oder Kontakt zu einem „Fixer“, der sich in der Gegend auskennt. Der Mangel an Vorkehrungen erhöht die ohnehin schon große Gefahr, der sich die Reporter:innen vor Ort aussetzen.

„Es ist Selbstmord, wenn man sich ohne nichts dorthin begibt“, schrieb Clara Marchaud, eine in der Ukraine lebende Journalistin, auf Twitter. Sie sei von vielen jungen Journalist:innen und Fotograf:innen kontaktiert worden, die in das Land reisen wollten, ohne viel Erfahrung oder Wissen über den Kontext zu haben.

„Überdenken Sie Ihre Motive und Ihre Legitimation“, schrieb sie. „Warum wollen Sie über diesen Krieg berichten? Was werden Sie dabei einbringen? Hunderte von Journalisten sind bereits vor Ort, einige sehr kompetent, erfahrener, besser ausgerüstet.“

Die Bedrohung gilt nicht nur für freiberufliche Reporter:innen. Journalist:innen, die sich in Konfliktgebiete begeben, selbst wenn sie von einer Nachrichtenagentur unterstützt werden, verfügen möglicherweise nicht über die notwendigen Mittel, um ihre Sicherheit zu erhöhen.

Die Europäische Journalistenföderation (EJF) erklärte gegenüber EURACTIV, dass sie von großen Nachrichtenorganisationen in mehreren europäischen Ländern Anfragen erhalten hat, ihre Mitarbeiter:innen ohne spezielle Schutzausrüstung, Sicherheits- oder Risikobewertungstraining in ein Kriegsgebiet zu schicken.

„Das ist entsetzlich“, sagte Camille Petit, Kommunikations- und Projektbeauftragte der EJF. „Wir fordern die Arbeitgeber auf, Verantwortung zu übernehmen, indem sie ihre Mitarbeiter:innen mit der notwendigen Ausrüstung ausstatten, Krankenversicherung bieten und angemessen für das eingegangene Risiko bezahlen. Wir müssen unverzüglich eine Kultur der Sicherheit in den europäischen Redaktionen schaffen.“

Ukrainische Medien sind derweil auch direkt angegriffen worden. Nach Angaben der RSF haben russische Streitkräfte Telekommunikationsinfrastrukturen angegriffen, um Fernseh- und Radiosendungen zu unterbrechen.

Neben dem tödlichen Angriff auf den Kiewer Fernsehturm berichtet die Organisation von mindestens drei weiteren Fällen, die sie als gezielte Angriffe auf Fernsehantennen bezeichnete.

Die RSF hat daraufhin eine Klage gegen Russland beim Internationalen Strafgerichtshof eingereicht. Die Organisation weist darauf hin, dass Telekommunikationseinrichtungen nach internationalem Recht nicht als legitime militärische Ziele gelten, wenn sie nur für zivile Zwecke genutzt werden, wie es in der Ukraine der Fall war.

„Die absichtliche Bombardierung zahlreicher Medieneinrichtungen wie Fernsehantennen stellt ein Kriegsverbrechen dar und zeigt das Ausmaß der Offensive, die Putin gegen das Recht auf Nachrichten und Informationen gestartet hat“, sagte Christophe Deloire, Generalsekretär der RSF.

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi und Alice Taylor]