Streit über Kreditklemme im Mittelstand
Gewerkschaften fürchten, dass Mittelständler trotz zukunftsfähiger Produkte Insolvenz anmelden müssen, weil die Finanzierung fehlt. Die Deutsche Bank bestreitet dagegen eine drohende Kreditklemme für kleine und mittlere Unternehmen. Die Diskussion um die Kreditvergabe der Banken flammt neu auf.
Gewerkschaften fürchten, dass Mittelständler trotz zukunftsfähiger Produkte Insolvenz anmelden müssen, weil die Finanzierung fehlt. Die Deutsche Bank bestreitet dagegen eine drohende Kreditklemme für kleine und mittlere Unternehmen. Die Diskussion um die Kreditvergabe der Banken flammt neu auf.
Aus Sicht der Deutschen Bank gibt es im Mittelstand keine Kreditklemme. Die Firmen hätten genügend flüssige Zahlungsmittel zur Verfügung, sagte der für Württemberg zuständige Firmenkundenchef Thomas Keller der Deutschen Presse-Agentur dpa in Stuttgart. Die IG Metall hingegen warnt, dass sich die Finanzierungsmöglichkeiten des Mittelstands durch die schlechten Bilanzen 2009 dramatisch verschlechtern könnten. "Ich sehe extreme Probleme voraus, wenn die Firmen den Instituten im kommenden Jahr ihre Geschäftsberichte vorlegen: Dann wird ihre Bonität abgewertet und sie erhalten überhaupt keine oder nur sehr teure Kredite", sagte IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann der dpa.
Nach Angaben des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall hat 2009 die Hälfte der Metall-Unternehmen rote Zahlen geschrieben. Bei vielen Maschinenbauern sei das Eigenkapital bereits aufgezehrt, sagte Hofmann. "Es wäre fatal, wenn Firmen, die sich nach der Krise im Wettbewerb behaupten können, weil sie zukunftsfähige Produkte haben, in die Insolvenz getrieben würden." Schon bevor die Konjunktur wieder richtig anspringe, müssten die Firmen in Forschung und Entwicklung sowie in Werkzeuge und Material investieren und brauchten dazu flüssige Zahlungsmittel. Zum Teil seien die Zinsen für die Firmen trotz der billigen Kredite der Europäischen Zentralbank (EZB) noch höher als vor der Krise. Deshalb müssten die Banken ihre Bonitätskriterien der wirtschaftlichen Lage anpassen, zumal ihre Bilanzen im dritten Quartal schon wieder positiv ausgefallen seien.
EZB pumpt Milliarden in den Markt
Die EZB hat am 16. Dezember erneut Milliarden in den Markt gepumpt, um eine Kreditklemme abzuwenden. Fast 97 Milliarden Euro wurden den 224 nachfragenden Banken für ein Jahr zugeteilt. Damit wurde mehr Geld als beim langfristigen Geschäft im September abgerufen, als das Volumen 75 Milliarden Euro erreichte. Die EU versucht kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) im Rahmen der Mittelstandsoffensive Small Business Act (Siehe EURACTIV-LinkDossier) zusätzlich bei der Finanzierung zu helfen.
Banker Keller wies Vorwürfe, Banken würden systematisch Finanzierungen verweigern, allerdings zurück. Die Deutsche Bank habe bundesweit ihre Kreditvergabe für den Mittelstand von knapp 41 Milliarden Euro im Dezember 2008 auf 41,6 Milliarden Euro im Juni 2009 erweitert. Darüber hinaus halte das Institut acht Milliarden Euro ungenutzte Kreditlinien vor. "Die Kunden haben damit einen relativ guten Puffer." Wegen der niedrigen Zinsen seien die Finanzierungskosten für die Firmen sogar gesunken. Die Anforderungen, die Firmen für einen Kredit erfüllen müssten, seien in den vergangenen zwei Jahren nicht verschärft worden. "Aber wir führen intensivere Gespräche mit den Kunden", räumte der 52-Jährige ein.
Mittelstand soll um 1,2 Prozent wachsen
Für das kommende Jahr sagt der Betriebswirt eine langsame wirtschaftliche Erholung und ein Wachstum für den Mittelstand von bis zu 1,2 Prozent voraus. Ein erster Indikator seien mehr Anfragen im Maschinenbau. Die positive Entwicklung sei auch der Tatsache zu verdanken, dass "der Mittelstand nach der Krise in den Jahren 1993/94 die richtigen Themen angepackt hat". Der Abschwung habe die Firmen damals wachgerüttelt, und sie stünden nun bei Eigenkapital, Internationalität und Innovationskraft gut da. "Es sind zwar noch die gleichen Namen, aber völlig andere Firmen als damals."
Zur Verlagerung von Produktionen ins Ausland sagte der Experte: "Der Mittelstand kann nicht nur von der heimischen Scholle leben." Wenn die Herstellung von Gütern zum Teil in andere Länder verlagert werde, profitiere auch der Standort Deutschland davon, denn Teile der Produktion blieben immer noch im Inland. "Würde aber alles hier gemacht, könnte man die Waren nicht mehr verkaufen. Wichtig ist ein kluger Mix."
dpa/awr