Wirbel um Wüstenstrom

Kaum angekündigt wirbelt "Desertec" gewaltig Staub auf. Merkel und Barroso zeigen erstes Interesse an dem 400-Milliarden-Euro-Vorhaben in der Wüste Nordafrikas.

Entwicklungspolitik, ein unendliches Feld. Foto: dpa
Entwicklungspolitik, ein unendliches Feld. Foto: dpa

Kaum angekündigt wirbelt „Desertec“ gewaltig Staub auf. Merkel und Barroso zeigen erstes Interesse an dem 400-Milliarden-Euro-Vorhaben in der Wüste Nordafrikas.

Das Projekt Desertec (EURACTIV.de, 19.Juni 2009) sieht vor, dass solarthermische Kraftwerke in Nordafrika binnen der nächsten zehn Jahre rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Unter Führung des Versicherungskonzerns Münchner Rück will ein deutsches Konsortium die kühne Idee angehen. Geplante Investitionssumme: 400 Milliarden Euro.

Nun hat Bundeskanzlerin Angela Merkel sich in der Desertec-Diskussion zu Wort gemeldet. Merkel sagte auf dem Jahreskongress des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) am 24. Juni 2009 in Berlin, sie freue sich, dass sich deutsche Unternehmen wie Münchner Rück, Siemens oder RWE an einem Großprojekt zur Gewinnung von Solarstrom in Nordafrika beteiligten.

Das "spannende und visionäre" Projekt passe gut in die Mittelmeer-Strategie der EU, so Merkel in ihrer Rede. Denkbar sei auch, zum Ausbau der Solarenergie in Nordafrika Gelder der EU zu nutzen.

"Deutschland hat sich sehr dafür eingesetzt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Mittelmeeranrainerstaaten und der Europäischen Union, für die wir immerhin bis 2011 13 Milliarden Euro zur Verfügung haben, in Richtung zukunftsträchtiger Investitionen gelenkt wird. Darunter könnten zum Beispiel auch Projekte der Solarenergie sein", sagte Merkel.

Zugleich beharrte Merkel auf der Notwendigkeit der lokalen Stromversorgung und dem Festhalten an der Braunkohle. "Das sind Zukunftsprojekte, man soll visionär denken, aber man kann damit nicht eine Entschuldigung für den Nicht-Neuausbau eines Braunkohlekraftwerks für die nächsten Jahre finden", so Merkel.

Barroso lobt Ehrgeiz und Unerschrockenheit

Auch Kommissionspräsident José Manuel Barroso zeigte auf der BDEW-Konferenz Sympathie für Desertec. "Ich bin glücklich mit der Ankündigung eines sehr großen Joint Ventures unter Beteiligung wichtiger deutscher Unternehmen zur Nutzung des in Nordafrika reichlich verfügbaren Sonnenlichts", sagte Barroso.

"Projekte solchen Ehrgeizes und solcher Unerschrockenheit werden helfen, die Vision einer kohlendioxidarmen europäischen Gesellschaft mit Leben zu erfüllen, die ich für Europa habe", so Barroso weiter. Desertec biete zudem die Chance für ein positives gemeinsames Entwicklungsprojekt Europas mit seinen südlichen Nachbarn.

Barroso: Industrielle Chance des Jahrhunderts

Barroso hob in seiner Rede (EN) generell die wirtschaftlichen Potenziale neuer Klimaschutz-Technologien hervor. "Die CO2-Reduktion verlangt nach Investitionen – nach sehr vielen Investitionen", sagte Barroso. "Das sind große kommerzielle Chancen, und wir sollten sie ergreifen." 

Die deutsche Energie- und Wasserindustrie sei besser aufgestellt als viele andere, um die Herausforderung anzunehmen und das Beste daraus zu machen – zum Vorteil der Aktionäre, der Kunden, der deutschen und europäischen Wirtschaft.

"Das Aufbau einer kohlendioxidarmen Wirtschaft ist nichts weniger als die industrielle Chance des Jahrhunderts!" so das Fazit des Kommissionspräsidenten.

Barrosos Rede ist auch vor dem Hintergrund zu bewerten, dass das EU-Parlament seiner zweiten Amtszeit noch nicht zugestimmt hat. Gerade bei grünen Abgeordneten, die seine Kandidatur ablehnen, könnte Barroso mit seinem Engagement für die Energiewende punkten.

awr

Hintergrund: Desertec

Das Projekt Desertec (EURACTIV.de, 19.Juni 2009) sieht vor, dass Solarkraftwerke in Nordafrika binnen der nächsten zehn Jahre rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Für die Realisierung wäre eine Investitionssumme von 400 Milliarden Euro notwendig. Am 13. Juli will sich ein Unternehmens-Konsortium unter Führung des Versicherungskonzern Münchner Rück gründen, um das Projekt anzugehen. Mit dabei sollen auch die Deutsche Bank sowie die Stromkonzerne RWE und E.on sein. Siemens hat seine Beteiligung bereits bestätigt.

Weiterführende Links:

BDEW-Kongress: Rede Angela Merkel (24. Juni 2009)

BDEW-Kongress: Rede José Manuel Barroso (24. Juni 2009)