Wüstenstrom - Scheer warnt vor "Fata Morgana"
Es wäre das größte Ökostrom-Projekt aller Zeiten: Rund 20 deutsche Unternehmen prüfen den Bau riesiger Solarkraftwerke in der Sahara, die auch Europa mit Strom versorgen sollen. Geplante Investitionssumme: 400 Milliarden Euro. Angeblich mit dabei: RWE, E.on, Siemens und die Deutsche Bank. MdB Hermann Scheer warnt: Das Projekt kann sich als Subventionsruine erweisen. VDE-Experte: Anlagen so wirtschaftlich wie Atomkraftwerke.
Es wäre das größte Ökostrom-Projekt aller Zeiten: Rund 20 deutsche Unternehmen prüfen den Bau riesiger Solarkraftwerke in der Sahara, die auch Europa mit Strom versorgen sollen. Geplante Investitionssumme: 400 Milliarden Euro. Angeblich mit dabei: RWE, E.on, Siemens und die Deutsche Bank. MdB Hermann Scheer warnt: Das Projekt kann sich als Subventionsruine erweisen. VDE-Experte: Anlagen so wirtschaftlich wie Atomkraftwerke.
„Wir wollen eine Initiative gründen, um in den nächsten zwei bis bis drei Jahren konkrete Umsetzungspläne auf den Tisch zu legen“, sagte der Münchener-Rück-Vorstand Torsten Jeworrek der Süddeutschen Zeitung (16. Juni 2009). Der Versicherungskonzern führt die Gruppe von 20 deutschen Konzernen an, die ein gigantisches Projekt unter dem Namen "Desertec" planen. Solarkraftwerke im Wert von 400 Milliarden Euro sollen in der nordafrikanischen Wüste Strom erzeugen.
"Dies ist keine ferne Vision mehr, sondern technologisch bestechend und auch realisierbar", so Jeworrek in einem Statement (16. Juni 2009).
Der Import nach Europa soll über ein Gleichstrom-Hochspannungs-Übertragungsnetz zum Teil unter dem Mittelmeer erfolgen, für das noch einmal 45 Milliarden Euro investiert werden müssten.
Am 13. Juli wollen sich die Beteiligten in München treffen, sich als Konsortium konstituieren und eine "vertiefte Machbarkeitsstudie" in Auftrag geben. Die Liste aller beteiligten Unternehmen ist noch unter Verschluss.
Anfang 2009 hatte das Europäische Parlament vorgeschlagen, Solarenergiepartnerschaften mit Drittstaaten im Mittelmeerraum zum "Baustein einer EU-Energieaußenpolitik" zu machen. Eine Förderung entsprechender Projekte scheint in Zukunft aussichtsreich.
Scharfe Kritik von Hermann Scheer
Hermann Scheer (SPD), MdB und Präsident des gemeinnützigen Verbandes EUROSOLAR, bezweifelt die Tragfähigkeit des Desertec-Konzeptes. In einem Statement vom 17. Juni 2009 rät Scheer von übertriebenen Erwartungen an dieses Projekt und diesbezüglichen Subventionsentscheidungen ab. Unterschätzt würden die voraussichtlichen tatsächlichen Kosten des Projektes ebenso wie die Zeiträume zu dessen Realisierung.
Scheers Haupteinwand: "Bevor dieses Projekt zum Tragen gebracht werden kann, wird der weitere Ausbau der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien in Deutschland zu niedrigeren Kosten und Preisen möglich sein als der Solarstromimport aus Nordafrika."
Scheer kommt zu dem Fazit: "Das DESERTEC-Projekt kann zu einer großen Subventionsruine werden und sich als ‚Fata Morgana‘ erweisen"
Hermann Scheer gilt als profiliertester SPD-Experte für erneuerbare Energien. Im Deutschen Bundestag gehörte er zu den Initiatoren des Erneuerbare- Energie Gesetzes (EEG), das seit 2000 die Einspeisung von Ökostrom in das Stromnetz fördert. Seit Juni 2001 ist Scheer ehrenamtlicher Vorsitzender Weltrats für Erneuerbare Energien (WCRE).
VDE-Experte: Die Anlagen wären so wirtschaftlich wie Atomkraftwerke
Prof. Dr. Wolfgang Schröppel, Energie-Experte des Verbandes für Elektrotechnik (VDE) und ehemaliger Siemens-Manager für Netzleittechnik, lobt dagegen die mögliche Wirtschaftlichkeit von Desertech:
„Man will für 400 Milliarden Euro etwa 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Wenn diese Anlagen von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends laufen, kommt man auf eine Leistung von 90 Gigawatt. Dass hieße 4500 Euro pro Kilowatt. Das ist die Größenordnung, die heute ein Kernkraftwerk pro Kilowatt kostet. Diese Größenordnung ist super", so Schröppel am 18. Juni auf Nachfrage von EurAciv.de.
Die Stromübertragung nach Europa sei technisch machbar. In China werde schon heute Strom über rund 2500 Kilometer nach Shanghai übertragen, auch mit Hilfe von Siemens-Technik, so Schröppel.
Hintergrund
Koordinator des geplanten Desertec-Projekts ist neben der Münchner Rück die Stiftung Desertec". Hinter der Stiftung steht die Initiative Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC), die sich für die Übertragung von in Wüstenregionen erzeugtem Solar- und Windstrom nach Europa stark macht.
TREC wurde 2003 vom Club of Rome, dem Hamburger Klimaschutz-Fonds und dem Jordanischen Nationalen Energieforschungszentrum (NERC) gegründet. Internationale Wissenschaftler und Politiker, darunter Prinz Hassan bin Talal von Jordanien, setzen sich für die Idee des Wüstenstroms ein.
In einem Desertec-Statement vom 16. Juni 2009 heißt es:
"Zusammen mit führenden Großkonzernen aus Europa und dem Mittelmeerraum wird die DESERTEC Industrial Initiative (DII) den Umbau der Energieversorgung vorantreiben."Zentrale Idee sei es, dass die Wüsten der Erde in weniger als 6 Stunden soviel Energie von der Sonne empfangen, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht.
Greenpeace sieht gewaltiges Potenzial
Greenpeace veröffentlichte am 27. Mai 2009 in Berlin die Studie "Sauberer Strom aus den Wüsten". Demnach könnten solarthermische Kraftwerke in der Wüste bis zu einem Viertel des weltweiten Strombedarfs decken. Bis 2050 könnte so der Ausstoß von 4,7 Milliarden Tonnen klimaschädlichem CO2 verhindert werden, das entspricht etwa dem Sechsfachen des deutschen CO2-Austosses.
Autor der Studie ist Christoph Richter, Forscher am Deutschen Institut für Luft und Raumfahrt (DLR) und Generalsekretär von SolarPaces.
Das internationale Forschungsnetzwerk SolarPaces treibt die Entwicklung von CSP-Kraftwerken (CSP = Concentrated Solar Power) voran. In diesen solarthermischen Anlagen erhitzt über Spiegel konzentriertes Sonnenlicht Spezialöl in einem Röhrensystem. Mit dem erhitzten Öl wird bis zu 1000 Grad heißer Wasserdampf erzeugt, der Kraftwerksturbinen antreibt. Die CSP-Technologie wird bereits in Spanien angewandt und soll auch beim Desertec-Projekt zum Einsatz kommen.
awr
Pressespiegel
Süddeutsche.de: Wüstenstrom für Deutschland (15. Juni 2009)
Süddeutsche.de: Projektname "Desertec" (16. Juni 2009)
Süddeutsche.de: Lasst die Sonne rein (16. Juni 2009)
Hamburger Abendblatt: Solarstrom kommt künftig aus Afrika (17. Juni 2009)
Berliner Zeitung: Wüstenstrom für Europa
Taz.de: Strom aus der Wüste (27. Mai 2009)
„Man will für 400 Milliarden Euro etwa 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Wenn diese Anlagen von sechs Uhr morgen bis sechs Uhr abends laufen, kommt man auf eine Leistung von 90 Gigawatt. Dass hieße 4500 Euro pro Kilowatt. Das ist die Größenordnung, die heute ein Kernkraftwerk pro Kilowatt kostet. Diese Größenordnung ist super", so Schröppel auf Nachfrage von EURACTIV.de.
Die Stromübertragung nach Europa sei mit Hilfe der HGÜ kein Problem. "In China wird heute schon Strom über rund 2500 Kilometer – auch mit Siemensleitungen – nach Shanghai übertragen."