Kommt die Weltgesellschaft?

Standpunkt von Wendelin EttmayerDie Technik war während der letzten Jahrzehnte ein entscheidender Motor der Globalisierung. Aber auch im Bereich der Werte und Ideen kam es zu einer Globalisierung, die weltweit verbindet. Die großen internationalen Organisationen sind jedoch viel zu schwach und von vorgestern, findet Wendelin Ettmayer, österreichischer Politiker und Botschafter a.D.

Eine „Totalerneuerung der internationalen Organisationen“ wie der UNO fordert Wendelin Ettmayer. Foto: Stefan / pixelio.de
Eine "Totalerneuerung der internationalen Organisationen" wie der UNO fordert Wendelin Ettmayer. Foto: Stefan / pixelio.de

Standpunkt von Wendelin EttmayerDie Technik war während der letzten Jahrzehnte ein entscheidender Motor der Globalisierung. Aber auch im Bereich der Werte und Ideen kam es zu einer Globalisierung, die weltweit verbindet. Die großen internationalen Organisationen sind jedoch viel zu schwach und von vorgestern, findet Wendelin Ettmayer, österreichischer Politiker und Botschafter a.D.

Der Autor

Dr. Wendelin Ettmayer; österreichischer Nationalratsabgeordneter a.D., Botschafter a.D.; Autor des Buches "Alte Staaten – Neue Welt; Stabilität und Wandel in den Internationalen Beziehungen"  (Trauner Verlag)
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Kommt die Weltgesellschaft? Ja und Nein. Wir leben zunehmend in einer Welt, aber gleichzeitig in verschiedenen Welten, was den technischen Standard, den Wohlstand, die Ideologie einzelner Bevölkerungsgruppen betrifft.

Starke Tendenzen zur Weltgesellschaft haben während der letzten Jahrzehnte im technischen und wirtschaftlichen Bereich sowie im Bereich der Werte und Ideen zu einer Entwicklung beigetragen, die wir Globalisierung nennen.

Die Technik war ein ganz entscheidender Motor der Globalisierung. Der Ausbau der Kommunikation und Information hat dazu beigetragen, dass die Menschen in den verschiedenen Teilen der Welt das Gefühl erhielten, einander näher gerückt zu sein. Mobiltelefone, Internet und E-Mail werden nicht nur von hunderten Millionen Menschen benützt, die Entwicklung geht rasch weiter.

Im Bereich der Wirtschaft sind Volkswirtschaften und Finanzmärkte immer enger zusammengerückt, was wir zur Zeit durch die Weltwirtschafts-Krise eingehend spüren. Der internationale Austausch von Gütern und Dienstleistungen erreicht stets neue Rekordwerte, die Finanztransaktionen sogar Dimensionen, die nicht mehr nachvollzogen werden konnten.

Aber nicht nur im materiellen Bereich, auch im Bereich der Werte und Ideen kam es zu einer Globalisierung, die weltweit verbindet. Bewegungen für Menschenrechte und Demokratie entsprangen in den verschiedensten Gegenden; die Marktwirtschaft fand auf allen Kontinenten Anhänger und zunehmend konnte man auch weltweit ein steigendes Umweltbewusstsein registrieren. Nicht, dass sich diese Ideen überall durchgesetzt hätten; aber: Diese Ideen fanden selbst in den entlegensten Winkeln Anhänger.

Kräfte, die trennen

War das Ziel der klassischen Außenpolitik die Macht des Staates; waren ihre Mitteln Realpolitik und Krieg, so hat Außenpolitik heute vor allem die Wohlfahrt der Bürger als Ziel, im Bereich Handel, Kultur, Menschenrechte oder Sicherheit. Die Mittel dieser Außenpolitik sind Konferenzen und internationale Organisationen. Damit hat die Außenpolitik eine neue Legitimation erhalten, der Wohlfahrtsstaat eine internationale Dimension.

In einigen Ländern der Welt fanden diese Veränderungen statt, in anderen, wie etwa in den USA, nicht. Gibt es für die amerikanische Außenpolitik nach wie vor die klassische Verbindung von militärischer Macht und Diplomatie zur Durchsetzung nationaler Ziele, so ist bei uns die Einheit von Diplomat und Soldat zur Durchsetzung einer nationalen Machtpolitik nicht mehr gegeben.

Die Gewährleistung der Sicherheit ist damit nicht mehr eine nationale, sondern eine regionale Aufgabe. Aber da sich diese erwähnten Grundsätze nicht in allen Ländern durchgesetzt haben, leben wir derzeit noch in einer geteilten Welt.

Die Dialektik der Globalisierung

Durch die Globalisierung werden Länder wie Russland und China, Indien und Brasilien zunehmend in die Weltwirtschaft eingebunden und dadurch wirtschaftlich stärker. Sie übernehmen westliche Wirtschaftsmodelle und zum Teil auch westliche Ideologien. Durch diese Stärkung wird aber auch das jeweilige Nationalgefühl immer wieder gestärkt, so dass es letztlich zu einer "dialektischen Gegenbewegung" gegen die zunehmenden weltweiten Einheitstendenzen kommt.

Diese "Dialektik der Globalisierung" führt zu einer multipolaren Welt, die sich dadurch auszeichnet, dass die Legitimation und die Umsetzung der internationalen Entscheidungen nicht von einem Land alleine begründet werden kann.

Die Schwierigkeit, in der sich heute die internationalen Beziehungen befinden, ergibt sich eben aus dem Widerspruch, dass der Nationalstaat oft nicht mehr in der Lage ist, die gegebenen Probleme zu lösen, der Weltstaat aber noch nicht genug     entwickelt ist, um an seine Stelle zu treten. Die "internationale Gemeinschaft", von der wir täglich hören, ist eben noch ein sehr unklarer Begriff zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Aber immerhin tritt sie in verschiedenen Formen in Erscheinung: Als Wertegemeinschaft, wenn es darum geht, durch internationale Gerichtshöfe Verfehlungen zu ahnden oder als Sicherheitsgemeinschaft durch friedenserhaltende oder friedensbildende Maßnahmen.

Totalerneuerung der internationalen Organisationen

Um globale, soziale und wirtschaftliche Probleme zu lösen, müssen jene Institutionen geschaffen werden, die in der Zukunft Regeln festlegen für einen wildgewordenen Kapitalismus und den sozialen Standard für breiteste Gruppen der Bevölkerung gewährleisten. So wie es gelungen ist, den "Manchester-Kapitalismus" durch die soziale Marktwirtschaft zu bändigen, so geht es nunmehr darum, einen globalen Ordnungsrahmen, globale Rahmenrichtlinien für die Globalisierung zu erstellen.

Darüber hinaus muss eine Totalerneuerung der internationalen Organisationen gelingen. Die UNO, der Weltwährungsfonds oder die OECD sind nicht Organisationen von gestern, sondern von vorgestern. Wenn in der Vergangenheit nach jedem großen internationalen Konflikt eine neue internationale Ordnung geschaffen wurde – vom Wiener Kongress bis zur UNO –, dann war das nach der letzten großen weltweiten Auseinandersetzung, dem Kalten Krieg, nicht der Fall.

Die vorhandenen Organisationen sind zu schwach, um entsprechende Lösungen für die anstehenden Probleme zu finden, und die neue "internationale Gemeinschaft" funktioniert noch nicht. Das zeigen die grundlegenden Umwälzungen, wie sie nunmehr in der Arabischen Welt stattfinden, genauso wie die Ereignisse der Tagespolitik: In einigen Fällen interveniert die "Internationale Gemeinschaft", in anderen nicht; und vor allem eines: Manchmal erweckt sie den Anschein, idealistisch zu handeln, doch dann geht es wieder um beinharte Interessen und um Machtpolitik.