"Soziale" Marktwirtschaft heißt Qualität

Tempo und schneller Gewinn dürfen nicht auf Kosten von Präzision und Qualität erschlichen werden. Die verheerenden Folgen dieser ökonomischen Unkultur beginnen nun endlich zu erschrecken. Ein Kommentar von Hermann Bohle.

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Tempo und schneller Gewinn dürfen nicht auf Kosten von Präzision und Qualität erschlichen werden. Die verheerenden Folgen dieser ökonomischen Unkultur beginnen nun endlich zu erschrecken. Ein Kommentar von Hermann Bohle.

Von 109 Eurofightern der Luftwaffe sind nur 42 einsatzbereit. Österreichische Kameraden in gleichen Cockpits sehen sich ebenso gefährdet, erschüttert zumindest im Vertrauen zur Qualität der Arbeit europäischer Flugzeugbauer. Die ihre Fertigungsmängel immerhin selbst dokumentieren: Statt für 6.000 Eurofighter-Flugstunden haltbare Bauteile reicht es nur für 2.000. „Peinlich für die europäische Rüstungsindustrie“ (Die Presse, Wien, 2.10.). Sie sei zur amerikanischen „hoffnungslos im Hintertreffen“.  

Zweifel an solchem Global-Lob sind seit den 1960er Jahren geboten. 108 deutsche Bundeswehrpiloten starben damals wegen „eklatanter Mängel in der Fertigung und bei elementaren Funktionen“ des Starfighters F-104-G. Dennoch durfte Amerikas Lockheed-Hersteller davon insgesamt 2.578 verkaufen.

„Profit vor Menschenleben“ titelte (April 2014) das Wochenmagazin FOCUS. Diesmal war aber nicht die Luftrüstung der demokratischen Welt gemeint; hier ging es um „die großen Konstruktionsfehler“ der Autobauer.

Tempo und Tinnef

Das kommt direkt aus Amerika. Wo Milton Friedman 1976 jubelte, Kapitalisten seien bloß zum Moneymaking da. Für diesen US-Glaubenssatz (made in Chicagos Uni) erhielt er auch noch eine Art Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. So etwas blendet Mitläufer, gerade in Deutschland.

Ein Viertel Jahrhundert später feierte der heute nur noch ungern zitierte Dr. Thomas Middelhoff (einst Boss bei Bertelsmann, dann KarstadtQuelle) Friedmans qualitätsfremdes Prinzip amerikanischen Wirtschaftens. Zur „New Economy“: „Zum deutschen Charakter gehört die Leidenschaft zur Präzision, der Versuch, das Gute noch besser zu machen. Deutschland hat aber keine Zeit mehr dafür, Altes noch besser zu machen, sondern wir müssen Dinge neu schaffen. In einer Zeit, in der sich die Wirtschafts- und Finanzwelt viermal so schnell dreht wie noch vor 20 Jahren, kann es unternehmerisch sinnvoller sein, der Geschwindigkeit den Vorrang vor der Präzision zu geben.“ („Internationale Politik“, Berlin, 3/2000).

Mit erhobenen Fäusten

Was diese Hetze zum großen Geld bringt, war schon seit dem F-104-G-Skandal vor gut 50 Jahren bekannt. Dann Ende der 1970er. Da musste Brüssels Europäische Kommission die Stahl- und Auto-Produzenten unserer Alten Welt vor Amerikas qualitativ unterlegener Konkurrenz schützen. Brüssels Kommissions-Vize Wilhelm Haferkamp kämpfte gegen Washingtoner Wirtschaftskrieger.

Die USA schützten ihre Hersteller mit Sonderzöllen auf Importe aus Europa – verteuerten solchermaßen schlicht die Konkurrenzeinfuhren. Wie Haferkamp mir damals in Brüssel berichtete, brüllten er und der Außenhandelsbeauftragte des US-Präsidenten (ein Texaner) einander bisweilen mit erhobenen Fäusten an.

Nun im neuen Jahrtausend – sichtbar für alle – die durchgängige Serie quasi wöchentlich neuer Pleitesignale verstetigter Rückrufe bresthafter Produktionen. Und zwar aus immer mehr Branchen in der ganzen Welt. Das gehört auf die Tische der TTIP-Freihandelsgespräche.

Statt Qualität die ökonomische Unkultur

Bisher sind Made in Germany, Good British Handycraft, das Génie française und viele, andere Qualitätsbegriffe aus Europa entscheidende Verkaufsargumente. Aber wie lange noch? Wer beginnt nicht zu vergleichen zwischen Frankreichs seit 1981 fast unfall- und pannenfreiem Hochgeschwindigkeitszug TGV, aber – auf der anderen Seite – Deutschlands ICE-Dramen mit Unfällen, Pannen, jahrelangen Lieferausfällen?

Das erschreckt zutiefst. Denn Qualität und Präzision bleiben Europas allererste Trumpfkarten im weltweiten, immer härteren Wettbewerb um die höchsten Umsätze zum fairen Preis. Wofür Zig-Millionen hochqualifizierter Arbeitskräfte ihren guten Lohn verdient erhalten.

Selbstverständlich ist in der Wirtschaft auch das Tempo ein Gesetz – unter mehreren. Unbestritten, dass deutsche und andere Europäer oft zu langsam sind (im Vergleich vor allem zu Amerika), um aus neuen Erfindungen neue Erzeugnisse zu machen, die die Leute massenhaft kaufen sollen und dann auch wollen.

Aber Tempo und schneller Gewinn dürfen nicht auf Kosten von Präzision und Qualität erschlichen werden. Die verheerenden Folgen dieser ökonomischen Unkultur beginnen nun endlich zu erschrecken. Da gibt es von den USA wenig bis gar nichts zu lernen.

Was z.B. beim Computer mal geht und dann wieder nicht – „geborene“ Unzuverlässigkeit und die oft gewollte, schnelle Abnutzung – sind notorisch. Zum Beispiel 2006 musste der texanische PC-Hersteller Dell (führend in dem Felde mit damals 18,1 Prozent der Weltumsätze) 4 Millionen Laptops zurückrufen. Nur: Damals fehlte neben dem Qualitäts- schon das Problembewusstsein.

EU-Qualitätspakt – eine Aufgabe der Juncker-Kommission

So bewegte es eine große Wirtschaftszeitung keinen Moment lang, dass da Millionen Leute ein Gerät auf dem Schoß hatten, das wieder mal nicht sachgemäß funktionierte, das sie sich nun erstmal nicht benutzen konnten. Dem Blatt war das Ganze gar einen Artikel wert. Allerdings nicht zur Sache – nur zum „Friedman-Komplex“:

Ob der Rückruf eine Katastrophe für das Unternehmen sei? – „Nein, eine Chance!“ Nun gelte es aber, die Haftung „möglichst gering“ zu halten, das Ansehen der Firma und Marke zu sichern. Mit den „vier C“: „Candid, contrite, compassionate, committed“ – aufrichtig sein und zerknirscht, Mitgefühl – „die Rückruf-Niederlage zum Sieg wandeln!“

Kaltschnäuziger geht es nicht. Für die westlichen Industriegesellschaften kann das tödlich sein. Im ARD-TV warnte ein Fachmann vor acht Jahren bereits vor westlich Halbseidenem, legte den Finger auf eine Wunde der „freien“ Wirtschaftswelt:

„In vielen technischen Bereichen ist zu beobachten, dass die Hersteller unausgereifte Geräte auf den Markt bringen. Dies liegt sicherlich daran, dass der Markt- und Innovationsdruck einfach zu hoch ist. Die Hersteller sind gezwungen, unausgreifte Geräte anzubieten. Verbleibende Entwicklungsarbeit bis zur Serienreife wird dann beim Kunden durchgeführt; der Kunde wird unfreiwillig zum Beta-Tester.“ (Ratgeber Technik, 25.3.06).

Den Gemischten grellen Chor der Rückrufe muss Europa endlich zum Schweigen bringen. Mit einem Qualitätspakt. Eine „der“ Aufgaben der neuen Brüsseler Juncker-Kommission. Den „Pakt“ gebietet Europas „Soziale“ Marktwirtschaft, verbrieft im EU-Vertrag von Lissabon (Art. 3 und 119): Wirtschaftswachstum, Preisstabilität, hohe Wettbewerbsfähigkeit, „die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt sowie auf ein hohes Maß an Umweltschutz“. Bundeskanzlerin Angela Merkel will (24.4.08 im Bundestag) den Grundgedanken des „geordneten“ aber freien Wettbewerbs „auf die EU übertragen“.

Sozial heißt Qualität

Ganz obenan muss da ein neues – in Europa aber längst erlebtes und bewährtes – Qualitätsbewusstsein stehen. Zweifach ist es das Unterpfand „Sozialer“ Marktwirtschaft:

1. Sozial in jedweder Hinsicht ist es, höchste Qualitäten zum Kernantrieb allen Willens zum Geldmachen zu ernennen. Wo die Qualität verkommt, werden Kunden betrogen, Menschen zu Opfern des Minderwertigen, Produktiondsstandorte ruiniert, weil ihre Firmen pleite gehen;

2. Nur „Erfindungsgeist und Qualität aus Europa“ verleihen unserer Alten Welt die wirtschaftlich-soziale Stärke zum Überleben des European Way of Life – Rohstoffarm, wie wir sind, abhängig von der Leistungsfähigkeit der Millionen begabter Hirne – die jede erdenkliche Bildungschance brauchen.

„Nicely made in China“ – im Blick auch nach Moskau

Nur so bleiben die Europäer begehrt als Partner der Mächtigen von Morgen auf diesem Globus. Unlängst berichteten „Die Welt“ und „Wall Street Journal“ über China. Noch sehen viele Waren von dort als billig, gar minderwertig. Nun aber sei „Nicely made in China“ auf dem Wege zur „Top-Marke“.

Eine der allerersten Auslandsbesuche muss Federica Mogherini, die neue EU-Außenbeauftragte, nach Peking führen. Bald nach dem Amtsantritt am 1. November. Zuvor sollte sie mit Merkel sprechen, die bereits sieben Mal dort war (und gewiss weiß, warum). Der „europäisch-chinesische Qualitätspakt“ ist fällig. Fairer Wettbewerb stiftet auch noch Frieden. Was ganz speziell in Moskau interessiert.

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.