Alternativen zu Glyphosat in fünf Jahren? - "Schwierig, aber nicht unmöglich"

Das EU-Parlament hat gestern beschlossen, die Nutzung des Herbizids Glyphosat ab 2023 EU-weit zu verbieten.

EURACTIV.com
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Die französische EU-Parlamentarierin Angélique Delahaye (EVP) hält ein sofortiges Glyphosat-Verbot für „realitätsfern“. Ein Verbot in fünf Jahren sei hingegen praktikabel. [<a href="https://www.flickr.com/photos/ump-photos/14015164493/in/photolist-nmto88" target="_blank" rel="noopener">[UMP/Flickr]</a>]

Es wird schwierig, aber nicht unmöglich, bis Ende 2022 Alternativen zum Herbizid Glyphosat zu finden, sagte die französische EU-Parlamentarierin Angélique Delahaye gegenüber EURACTIV, nachdem das Parlament in Straßburg ein Verbot in fünf Jahren beschlossen hatte.

Das Europäische Parlament hat gestern beschlossen, dass Pflanzenschutzmittel auf Glyphosat-Basis ab 2023 komplett verboten werden. 355 MEPs stimmten dafür, 204 waren dagegen, 111 enthielten sich.

Darüber hinaus fordert das Parlament, die Nutzung von Glyphosat solle ab sofort eingeschränkt werden. Beispielsweise solle das Mittel im nicht-gewerblichen Bereich und in öffentlichen Parks, Gartenanlagen und auf Spielplätzen nicht mehr angewendet werden.

Noch ist das Gesetz nicht bindend: Das letzte Wort haben die EU-Mitgliedstaaten, die das Thema heute im ständigen Ausschuss besprechen. Die Kommission hatte bereits angekündigt, eine Entscheidung könne ab jetzt jederzeit fallen – spätestens zum Ende des Jahres, wenn die derzeitige Glyphosat-Zulassung ausläuft.

Die Kommission hatte ursprünglich eine Zulassungsverlängerung von zehn Jahren vorgeschlagen, aber deutlich gemacht, sie werde keine weitere Zulassung erteilen, wenn sich unter den Mitgliedstaaten keine qualifizierte Mehrheit dafür ausspricht. Insbesondere Frankreich und Italien hatten sich kritisch gegenüber Glyphosat gezeigt.

Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis rief die EU-Staaten dazu auf, sich im Fall Glyphosat nicht weiter hinter der Kommission zu verstecken, Verantwortung zu übernehmen und eine Entscheidung auf wissenschaftlicher Basis zu fällen.

Hersteller wie der Chemieriese Monsanto haben derweil gegenüber der Kommission rechtliche Bedenken angemeldet und vor weiteren rechtlichen Schritten im Falle eines Glyphosat-Verbots gewarnt.

Die Abgeordnete Angélique Delahaye, die für die Europäische Volkspartei (EVP) die Glyphosat-Verhandlungen im Umweltausschuss des Parlaments führt, kritisierte die französische und andere Regierungen, die sich gegen eine weitere Zulassung des Herbizids einsetzen. Das sei eine „rein politische Entscheidung“, die keinen Bezug zur Realität habe.

„Die Staaten sollten nicht so heuchlerisch sein, einerseits ein sofortiges Verbot zu fordern und gleichzeitig den Landwirten zu sagen: ‚Sorgt euch nicht, wir finden eine Lösung‘ […] das ist nicht pragmatisch,“ so Delahaye.

Auch diejenigen, die ein Verbot innerhalb von drei Jahren forderten, würden die Realität ausblenden, so die konservative Abgeordnete weiter. Es gebe momentan keine Alternative für Glyphosat auf dem Markt. Innerhalb von fünf Jahren könne solch eine Alternative aber gefunden werden.

„Es wird schwierig, in weniger als fünf Jahren einen Ersatz zu finden. Das dauert normalerweise sieben bis zehn Jahre; es ist ein komplizierter und langwieriger Prozess,“ erklärte die Französin. Insgesamt seien fünf Jahre „schwierig, aber nicht unmöglich.“

Frische Brise in der Debatte

Umweltorganisationen begrüßten die Entscheidung des Parlaments. Sie hatten der Kommission am Montag eine Petition für ein sofortiges Glyphosat-Verbot vorgelegt, die von 1,3 Millionen EU-Bürger unterschrieben worden war.

Während die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) einer erneuten Zulassung des Mittels  zustimmen, verweisen Kritiker auf die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) , die Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft.

Franziska Achterberg, verantwortlich für die EU-Lebensmittelpolitik bei Greenpeace, kommentierte: „Das Parlament hat deutlich gesagt, dass Glyphosat abgeschafft werden muss. Die Auslauffrist ist zwar länger, als technisch notwendig, aber die Entscheidung des Parlaments ist trotzdem ein frische Brise in der Debatte.“

Auf der anderen Seite kritisierten EU-Landwirte die Parlamentsentscheidung. Sie fordern eine erneute Zulassung von Glyphosat für die kommenden 15 Jahre. Die Bauern fürchten, ihre Fixkosten könnten durch ein Verbot dramatisch steigen.

Pekka Pesonen, Generalsekretär der Landwirtschaftsorganisation  Copa-Cogeca, erklärte, die Entscheidung des Parlaments sende eine falsche Nachricht über die Sicherheit des bekannten Herbizids an die Öffentlichkeit.

„Die EFSA hat bestätigt, dass es bei der Nutzung dieses Mittels keinerlei Sicherheitsbedenken gibt. Pflanzenschutzmittel werden in Europa benutzt, um sichere, qualitativ hochwertige und erschwingliche Lebensmittel für eine wachsende Bevölkerung zu produzieren. Ohne erneute Zulassung haben unsere Landwirte einen klaren Wettbewerbsnachteil gegenüber Produzenten aus Nicht-EU-Staaten,“ warnte Pesonen.

Sozialisten freuen sich

Miriam Dalli, Abgeordnete der S&D-Frkation und Parteisprecherin für Gesundheits- und Umweltthemen, stellte fest, es gebe wachsende Bedenken bezüglich der Transparenz im EU-Klassifizierungsverfahren und der Sicherheit des Pflanzenschutzmittels.

„Viele Wissenschaftler fordern, Glyphosat solle aufgrund seiner hohen Genotoxizität und krebserregender Wirkung sofort vom Markt genommen werden.“ Mit dem Vorschlag des Parlaments wolle man erreichen, dass „schädliche Pestizide ersetzt werden, die Landwirte aber genug Zeit haben, um sich anzupassen,“ so  Dalli.

Für ihren Parteikollegen Pavel Poc ist das Abstimmungsergebnis ein Sieg über die wirtschaftlichen Interessen globaler Konzerne. „Wir haben mit der Fünfjahresfrist eine gute Balance gefunden, damit die Landwirte ausreichend Anpassungszeit haben, bevor die neue Gemeinsame Agrarpolitik ab 2020 in Kraft tritt,“ glaubt auch er.