Dr. Doom: Euro-Krise ist nicht vorbei

Der auch als "Dr. Untergang" bekannte Ökonom Nouriel Roubini hat erneut eine düstere Prognose angestellt. Die Euro-Krise gehe weiter, in spätestens 5 Jahren stünden "sehr harte Entscheidungen" an. Roubini fordert mehr "politische Integration", soll der Zerfall der Euro-Zone noch verhindert werden. Mit seiner Skepsis bleibt der US-Wissenschaftler nicht allein.

Daumen hoch für die Euro-Zone? Nein, sagt der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini. Die jüngste Rettungsaktion für Griechenland habe das Kernproblem der Währungsgemeinschaft nicht gelöst. Foto: dpa.
Daumen hoch für die Euro-Zone? Nein, sagt der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini. Die jüngste Rettungsaktion für Griechenland habe das Kernproblem der Währungsgemeinschaft nicht gelöst. Foto: dpa.

Der auch als „Dr. Untergang“ bekannte Ökonom Nouriel Roubini hat erneut eine düstere Prognose angestellt. Die Euro-Krise gehe weiter, in spätestens 5 Jahren stünden „sehr harte Entscheidungen“ an. Roubini fordert mehr „politische Integration“, soll der Zerfall der Euro-Zone noch verhindert werden. Mit seiner Skepsis bleibt der US-Wissenschaftler nicht allein.

Der US-Ökonom Nouriel Roubini hält den Fortbestand der Euro-Zone weiterhin für gefährdet. "Die Politiker der Euro-Zone können sich vielleicht noch fünf Jahre lang durchlavieren, danach kann man sehr harten Entscheidungen nicht mehr ausweichen", so Roubini gegenüber der Wochenzeitung "Zeit" (Ausgabe vom 28. Juli 2011). Das Kernproblem habe der vergangene Woche beschlossene Umschuldungsplan für Griechenland (EURACTIV.de vom 22. Juli 2011) nicht gelöst. "Die Verantwortlichen beteuern zwar, dass diese Rettungsaktion die absolute Ausnahme bleiben wird, aber das ist Wunschdenken. Irland und Portugal sind doch ebenfalls zahlungsunfähig. In ein paar Jahren wird der bisherige Rettungsplan für Portugal zusammenbrechen. Für Irland gilt das Gleiche."

Griechenland habe keine Liquiditätsprobleme, es sei insolvent. "Die Chancen, dass Griechenland oder Portugal aus der Euro-Zone aussteigen, sehe ich bei 30 Prozent", so der Volkswirt gegenüber der "Zeit".

Roubini wurde weltweit als "Dr. Doom" ("Dr. Untergang") bekannt, weil er frühzeitig das Platzen der US-Immobilienblase und die globale Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 vorhersagte.

Die Ursachen für Europas Schuldenkrise liegen laut Roubini nicht allein in der mangelnden Haushaltsdisziplin einiger Euro-Länder. "Schon vor über einem Jahrzehnt haben die EU-Länder an der Peripherie an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber China, Asien, der Türkei und Osteuropa verloren", so der Ökonom. "Ihre Produkte waren und sind oft noch überwiegend arbeitsintensiv, sie bieten nur einen geringen Mehrwert." Die scharfe Aufwertung des Euro seit 2002 habe die Wettbewerbsfähigkeit dieser Produkte erst recht ruiniert. "Das war ein Sargnagel." Helfen könnte der Euro-Ausstieg.

"Deutschland soll Sparkurs verschieben"

In einem Kommentar für das "Project Syndicate" legte Roubini vor dem Gipfel vergangene Woche dar, was er zur Überwindung der Euro-Krise für nötig hält. Die EZB sollte eine lockerere Geldpolitik verfolgen und den Euro deutlich schwächen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie-Staaten wiederherzustellen. Deutschland sollte laut Roubini seinen Sparkurs verschieben, denn das letzte, was die Euro-Zone jetzt brauche, sei ein fiskalischer Spielverderber.

Roubini hält eine weitere politische Intergration der Euro-Staaten für unausweichlich. "Entweder die Euro-Zone bewegt sich in Richtung eines neuen Gleichgewichts, einer Stärkung der wirtschaftlichen, steuerlichen und politischen Integration, mit einer Politik, die Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellt – inklusive geordneter Umschuldungen und einem schwächeren Euro, oder es endet in ungeordneten Insolvenzen, Bankenkrisen und schließlich dem Auseinanderbrechen der Währungsunion."

"Der Status quo ist nicht länger tragbar", so Roubini. "Nur eine umfassende Strategie kann die Euro-Zone noch retten."

"Euro-Gipfel konnte Ansteckungsgefahr nicht stoppen"

Roubini ist nicht der einzige Pessimist, wenn es um die Zukunft der Euro-Zone geht. Der belgische Ökonom Paul de Grauwe kommentierte am Mittwoch den jüngsten Euro-Gipfel: "Nach unzähligen Krisen-Treffen des Europäischen Rates muss man zugeben, dass die europäischen Politiker es versäumt haben, die griechische Krise zu isolieren und die Ansteckungsgefahr zu stoppen. Die jüngste Tagung des Europäischen Rates ist da keine Ausnahme."

"Damit wird die Schuldenkrise nicht beendet"

Auch die Ökonomen Ansgar Belke und Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schreiben in ihrer Analyse der Gipfel-Ergebnisse: "Wenngleich (…) die Beschlüsse in Teilen Schritte in die richtige Richtung weisen, ist das Ausmaß der konkret beschlossenen Maßnahmen eher enttäuschend." Damit werde die Schuldenkrise nicht beendet, "vielmehr dürfte das Risiko einer Ansteckung anderer Länder noch zunehmen". Belke und Dreger kommen mit Blick auf Griechenland zu dem Schluss: "(…) der viel zu geringe Schuldenschnitt bedeutet unmittelbar, dass in der Zukunft eine zusätzliche noch substanziellere Umschuldung notwendig wird, wenn es nicht noch einen noch gigantischeren Transfer anderer Eurozonenländer an Griechenland geben wird."

awr

Links


Presse

Zeit.de: Aktuelle Vorabmeldungen Seite 4/7: Roubini gibt der Euro-Zone noch fünf Jahre (27. Juli 2011)

Quellen
:

Nouriel Roubini: Internetseite

Project Syndicate: Internetseite

Project Syndicate: "The Eurozone’s Last Stand". Von Nouriel Roubini (18. Juli 2011)

Eurointelligence: "Why contagion cannot be stopped in the Eurozone". Von Paul de Grauwe (27. Juli 2011)

Dokumente zum Euro-Gipfel / zur Griechenland-Hilfe

Rat: A common response to the crisis situation. Pressemitteulung zum Euro-Gipfel (21. Juli 2011)

Rat: Erklärung der Staats- und Regierungschefs des Euro-Währungsgebiets und der EU-Organe (22. Juli 2011)

Rat: Remarks by President Van Rompuy at the press conference following the Eurozone Summit (21. Juli 2011)

Kommission:
Statement by President Barroso following the meeting of the Heads of State or Government of the Euro area (21. Juli 2011)

Bundestag: Angenommener Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP. Einvernehmensherstellung von Bundestag und Bundesregierung zur Ergänzung von Artikel 136 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) hinsichtlich der Einrichtung eines Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) (17. März 2011)

Bundestag: Angenommener Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP zu der Abgabe einer Regierungserklärung durch den Bundesminister der Finanzen Stabilität der Eurozone sichern – Reformkurs in Griechenland vorantreiben (10. Juni 2011)

Bundestag: Plenardebatte zur 2. Griechenlandhilfe. Vorläufiges Protokoll (10. Juni 2010)

IIF: Greece Financing Offer: Statement by the IIF Board of Directors. Pressemitteilung (21. Juli 2011)

IIF: IIF Financing Offer (21. Juli 2011)

EURACTIV.de: Mitschrift Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel zu aktuellen Themen der Innen- und Außenpolitik (22. Juli 2011)

BMWi: Eckpunkte einer Investitions- und Wachstumsoffensive für Griechenland (22. Juli 2011)

Germany Trade & Invest: Internetseite

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