Kritische Rohstoffe: EU-Abgeordnete befürchten Abhängigkeiten
Fünfzig Abgeordnete des Europäischen Parlaments haben sich in einem Schreiben an die EU-Exekutive gewandt, um ihre Besorgnis über die Umstellung auf Elektromobilität zum Ausdruck zu bringen. Sie befürchten, dass Europa bei der Beschaffung wichtiger Materialien von Drittländern abhängig werden könnte.
Fünfzig Abgeordnete des Europäischen Parlaments haben sich in einem Schreiben an die EU-Kommission gewandt, um ihre Besorgnis über die Umstellung auf Elektromobilität zum Ausdruck zu bringen. Sie befürchten, dass Europa bei der Beschaffung wichtiger Materialien von Drittländern abhängig werden könnte.
In einer schriftlichen Anfrage an die Europäische Kommission verweisen die EU-Abgeordneten der christdemokratischen EVP-Fraktion auf eine Studie der belgischen Universität KU Leuven.
Die Studie zeigt, dass Europa ohne neue Investitionen in heimische Minen und Raffinerien weiterhin von Importen von Rohstoffen wie Lithium, Nickel und Kobalt sowie seltenen Erden abhängig sein wird.
„Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich bei diesen Rohstoffen und bei Kupfer ohne eine Erhöhung der weltweiten Bergbauinvestitionen wahrscheinlich Engpässe entwickeln werden, und zwar weltweit mindestens bis 2030 und bei einigen dieser Rohstoffe auch bis 2040“, heißt es in dem Schreiben.
Die EU-Abgeordneten wollen von der Kommission wissen, wie sich die Umstellung auf Elektromobilität auf die „geostrategische Abhängigkeit“ der EU auswirken wird und inwieweit sich die Probleme mit der Verfügbarkeit von Rohstoffen auf den Preis von Elektrofahrzeugen auswirken werden.
Die konservativen Gesetzgeber fordern die Kommission außerdem auf, eine „detaillierte Analyse“ der möglichen Abhängigkeitsverschiebung vorzulegen, die sich aus den Gesetzespaketen des „Green Deals“ ergibt. Zusätzlich soll sie darlegen, wie sie diese Abhängigkeiten zu verringern plant.
Zu den Unterzeichnern der schriftlichen Fragen gehören die deutschen EU-Abgeordneten Markus Pieper, Berichterstatter für die Richtlinie über erneuerbare Energien, und Jens Gieseke, Schattenberichterstatter für die EU-Flottengrenzwerte für Autos und Lieferwagen (beide CDU).
Der Brief wurde von der österreichischen EU-Abgeordneten Barbara Thaler initiiert.
„Wenn wir weiterhin politisch auf einer vollständigen Elektrifizierung des Individualverkehrs bestehen und keinen Wettbewerb zwischen alternativen Kraftstoffen, einschließlich E-Fuels und Biokraftstoffen, zulassen, werden alle Versprechungen zur europäischen Rohstoffpolitik nur ein Lippenbekenntnis sein“, sagte sie gegenüber EURACTIV.
„Europa muss seine Rohstoffabhängigkeit reduzieren, nicht verlagern“, fügte sie hinzu.
Thalers Aussage wurde von der Biokraftstoffindustrie unterstützt, die auf das heimische Produktionspotenzial des Kraftstoffs hinwies. Biodiesel sei „eine lokal produzierte und lokal genutzte Lösung zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors“, erklärte André Paula Santos, Direktor für öffentliche Angelegenheiten beim European Biodiesel Board, gegenüber EURACTIV per E-Mail. So könne Biodiesel auch zur wirtschaftlichen Entwicklung ländlicher Gebiete beitragen.
Nach den EU-Vorschriften ist die Europäische Kommission verpflichtet, auf alle schriftlichen Anfragen zu antworten. Die EU-Exekutive hat 6 Wochen Zeit, um eine Antwort zu geben.
Abhängigkeit von Importen
Die Bedenken der EU-Abgeordneten werden von Sinead Kaufman, Geschäftsführerin des Bebaugiganten Rio Tinto geteilt. In einem kürzlich erschienenen Artikel schrieb Kaufman, dass sich Europa aufgrund des Mangels an Ressourcen in einer „verwundbaren Position“ befinde.
„Ohne eine bessere Versorgung mit regional abgebauten Rohstoffen droht ein Versorgungsengpass, der die europäische Industrie möglicherweise benachteiligt“, schrieb sie.
Die europäische Autoindustrie wurde als besonders anfällig hervorgehoben.
„Es muss mehr getan werden, um neue Bergbauprojekte zu fördern, da es viele Jahre dauert, neue Vorkommen zu identifizieren und zu erschließen, was erhebliche Kapitalinvestitionen im Vorfeld und ein ständiges Engagement der Gemeinschaft erfordert“, schloss Kaufman.
Um die Emissionen im Straßenverkehr zu senken, haben sich die EU-Institutionen darauf geeinigt, den Verkauf neuer Pkw und Transporter mit Verbrennungsmotor ab 2035 zu verbieten. Diese Entscheidung dürfte den ohnehin schon steigenden Trend zur Nutzung von Elektrofahrzeugen noch verstärken.
Die Zunahme von Elektrofahrzeugen sowie die Zunahme von E-Bikes und E-Scootern wird die Abhängigkeit Europas von Batterien für die private Mobilität stark ansteigen lassen.
China, Japan und Südkorea sind zusammengenommen der weltweit größten Batteriehersteller und machen Asien zum globalen Kraftzentrum für Batterien für Elektrofahrzeuge. Nordamerika ist der zweitgrößte Produzent, während Europa an dritter Stelle steht.
Die Batterien der aktuellen Generation benötigen Rohstoffe wie Kobalt, Lithium und Nickel, die in Europa nur begrenzt verfügbar sind. Stattdessen ist die Union weitgehend auf Importe aus Drittländern angewiesen.
Etwa 65 Prozent des weltweit geförderten Kobalts stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, und die meisten Lithiumminen der Welt befinden sich in Südamerika. Asien verfügt über die größten Nickellager der Welt.
Die EU hat sich bisher schwergetan, neue Minen zu eröffnen, da Anwohner:innen die Umweltauswirkungen solcher Operationen oft kritisch sehen. Stattdessen wird ein Großteil der EU-Rohstoffversorgung in Nachbarländern wie Serbien und der Ukraine gesucht.
Eine andere Lösung, um die Abhängigkeit der EU von Drittländern zu verringern, ist sicherzustellen, dass importierte Rohstoffe in der Union bleiben. Der Entwurf der EU-Batterieverordnung setzt verbindliche Ziele für die Rückgewinnung und Wiederverwendung von Rohstoffen. Dabei besteht die Hoffnung, dass ein großer Teil der Nachfrage durch Recycling statt durch Abbau gedeckt werden kann.
[Bearbeitet von Frédéric Simon]