EU-Chefs: Verabreichung von Corona-Impfstoffen in Afrika hat jetzt Priorität
Zu viele an Afrika gelieferte Impfstoffdosen werden nach Ansicht der französischen EU-Ratspräsidentschaft und der EU-Kommission verschwendet. Damit diese Dosen verabreicht werden, müssen die lokalen Gesundheitssysteme gestärkt werden.
Zu viele an Afrika gelieferte Impfstoffdosen werden nach Ansicht der französischen EU-Ratspräsidentschaft und der Europäischen Kommission verschwendet. Damit diese Dosen auch an die Bevölkerung gelangen, müssen die lokalen Gesundheitssysteme gestärkt werden.
In Afrika „ist das Problem nicht mehr die Anzahl der Spenden oder der Produktion, sondern die Aufnahme der Dosen“, fasste der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian am Mittwoch (9. Februar) in Lyon gemeinsam mit Gesundheitsminister Olivier Véran und der EU-Gesundheitschefin Stella Kyriakides zusammen.
„Länder in Afrika haben weniger als ein Drittel der gelieferten Impfstoffe verwendet“, bestätigte Kyriakides.
Die drei EU-Chef:innen trafen sich auf einem von der französischen Ratspräsidentschaft organisierten Gipfeltreffen, um ein gemeinsames europäisches Konzept zur Bekämpfung der Pandemie, insbesondere in Entwicklungsländern, zu erörtern.
Für Jean-Yves Le Drian ist die Präsenz des Außenministeriums dabei wichtig, denn „die globale Gesundheit ist zu einem geopolitischen Bereich geworden, der von unterschiedlichen Visionen geprägt ist. Europa muss seinen eigenen Ansatz verteidigen“.
Gleichzeitig kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Besuch im Senegal an, dass die EU zusätzliche 125 Millionen Euro für das Projekt „Team Europe“ bereitstellen werde, das die Entwicklung und Förderung von Impfungen in Afrika zum Ziel hat.
Während in Europa 70 Prozent der Bevölkerung eine vollständige Impfung erhalten haben, sind es in Afrika gerade einmal 10 Prozent.
Um die Corona-Pandemie zu besiegen, muss jedoch die Impfquote der Weltbevölkerung, die derzeit bei 54 Prozent liegt, erhöht werden. „Die EU wird diese Pandemie erst dann besiegt haben, wenn die Welt sie besiegt hat“, sagte Kyriakides.
Um Entwicklungsländern den Zugang zu Impfstoffen zu erleichtern, wurden mehrere Initiativen ins Leben gerufen. Über Programme wie COVAX von der WHO und der GAVI Alliance können Länder ihre überschüssigen Impfstoffdosen spenden und an andere Länder verteilen.
Seit der Einführung des Programms hat die EU bereits 407 Millionen Impfstoffe gespendet und die Hälfte der von ihr produzierten Impfstoffe exportiert. Doch während das Spenden von Impfdosen eine Sache ist, „ist das Impfen von Menschen eine andere“, so Kyriakides.
Von einer Milliarde COVAX-Dosen wurden Millionen weggeworfen. Der Transport von Impfstoffen ist einer der Gründe, denn die Dosen können nur unter sehr strengen Bedingungen, insbesondere bei sehr niedrigen Temperaturen, transportiert werden. Andere Gründe sind Schwachstellen der lokalen Gesundheitssysteme.
NGOs stärken, medizinische Ausrüstung bereitstellen
Die europäischen Staats- und Regierungschef:innen sind sich einig, dass zunächst die WHO und die Arbeit der NGOs vor Ort „gestärkt“ werden müssen.
Vor kurzem hat Frankreich zu einem UNICEF-Pilotprojekt beigetragen, das die Empfänger von Impfstoffen dabei unterstützen soll, diese auch zu verabreichen. „Dies gilt insbesondere für Benin und Sierra Leone. Mit 20 Millionen Euro finanzieren wir Pflegepersonal, medizinische Ausrüstung und Krankenhäuser“, erklärt Olivier Véran.
Darüber hinaus gilt es, auf technische Probleme zu reagieren. „Wir müssen den Krankenhäusern, Ärzte- und Pflegepersonal helfen, Zugang zu den notwendigen Geräten und Technologien zu erhalten“, sagte Kyriakides. Einige afrikanische Ministerien hätten bereits „beeindruckende“ Infrastrukturen eingerichtet.
Für Jean-Yves Le Drian muss der Impfstoff „technisch“ und „kulturell“ ankommen.
„Wir brauchen eine besondere Behandlung, die den Kulturen der verschiedenen betroffenen Staaten entspricht, und die unverzichtbare Unterstützung der Afrikanischen Union und der WHO, um diese Kampagne zum Erfolg zu führen“, erklärte der Außenminister.
Probleme beim Transport und bei der internen Vernetzung sind Hindernisse, die überwunden werden müssen. Zu diesem Zweck laufen Projekte zur Impfstoffproduktion in Südafrika, Ruanda, Senegal und Ägypten, sagte Jean-Yves Le Drian.
Die Minister und die EU-Kommissarin waren sich auch einig, dass es notwendig sei, über die Corona-Epidemie hinauszublicken und die Gesundheitssysteme der afrikanischen Länder langfristig dabei zu unterstützen, auf andere Krankheiten wie HIV oder Tuberkulose zu reagieren.
„Wir müssen eine langfristige Widerstandsfähigkeit aufbauen und den allgemeinen Zugang zu Arzneimitteln gewährleisten“, sagte Kyriakides und schloss damit, dass „die EU weiterhin ihre Führungsrolle spielen muss.“
Die Stärkung der Gesundheitssysteme in Afrika steht auch auf der Tagesordnung des Gipfeltreffens zwischen der EU und der Afrikanischen Union, das nächste Woche in Brüssel stattfindet.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Nathalie Weatherald]