Europas Cholesterinproblem wird unter den Teppich gekehrt

Herzkrankheiten aufgrund schlechter Cholesterinwerte werden oft mit einer ungesunden Lebensweise in Verbindung gebracht. Aber die genetisch vererbte Form der Erkrankung werde dabei nicht berücksichtigt. Die EU müsse mehr für eine frühzeitige Diagnose bei jungen Patienten tun und dürfe das Problem nicht unter den Teppich kehren, warnen Experten. EURACTIV Brüssel berichtet.

EURACTIV.com
In Europa leben im weltweiten Vergleich die meisten Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten. Foto: Juhan Sonin (CC BY 2.0)
In Europa leben im weltweiten Vergleich die meisten Menschen mit erhöhten Cholesterinwerten. Foto: Juhan Sonin (CC BY 2.0)

Herzkrankheiten aufgrund schlechter Cholesterinwerte werden oft mit einer ungesunden Lebensweise in Verbindung gebracht. Aber die genetisch vererbte Form der Erkrankung werde dabei nicht berücksichtigt. Die EU müsse mehr für eine frühzeitige Diagnose bei jungen Patienten tun und dürfe das Problem nicht unter den Teppich kehren, warnen Experten. EURACTIV Brüssel berichtet.

Umgangssprachlich „schlechtes“ Cholesterin genannt, erhöht Low Density Lipoprotein oder LDL das Risiko auf eine Herzerkrankung und einen Schlaganfall. 54 Prozent aller Europäer haben hohe Werte schlechten Cholesterins. Damit ist Europa im weltweiten Vergleich trauriger Spitzenreiter.  

Schlechtes Cholesterin kann viele Ursachen haben. Es wird häufig mit Altern und einer ungesunden Lebensweise verbunden. Bewegungsmangel, Rauchen, Trinken und eine zu fettreiche Ernährung können dazu führen. Aber viele Menschen erben das Leiden auch von ihren Eltern. Bei der „Familiären Hypercholesterinämie“ treten Herz-Kreislauf-Komplikationen üblicherweise im mittleren Alter auf – entwickeln sich tatsächlich aber über Jahrzehnte hinweg.

„Es gibt keine plötzlichen Herzanfälle. Sie entstehen über Jahrzehnte“, sagte Jules Payne von Heart UK, einem Wohlfahrtsverband, letzte Woche bei einer EURACTIV Institute-Konferenz im Europaparlament. Im Vereinigten Königreich könne man die Hälfte der 175.000 Herzanfälle auf Cholesterin zurückführen, sagte Payne. Mindestens 120.000 Briten sollen Familiäre Hypercholesterinämie (FH) haben. Ab einem bestimmten Zeitpunkt würden sie unter Herzkomplikationen leiden – unabhängig davon, wie gesund ihre Lebensweise ist, erklärte sie. Zwischen 80 und 90 Prozent der Betroffenen wüssten überhaupt nichts von ihrer Erkrankung, weil sie nie untersucht wurden, sagte Payne und forderte frühere Untersuchungen.

Dennoch wird nicht viel für die frühzeitige Untersuchung der Patienten getan. In jungen Jahren sind Veränderungen der Lebensweise und Statinbehandlungen am wirksamsten. Bei einem Gipfel zu chronischen Erkrankungen im April 2014 entschloss sich die EU-Kommission, ihre Maßnahmen auf Diabetes, Krebs und andere chronische Erkrankungen zu konzentrieren. Cholesterin fiel dabei gänzlich unter den Tisch.

Die Kommission handelt nur zögerlich

Die Kommission sei sich vollkommen darüber im Klaren, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache in der EU und seien und Aufmerksamkeit verdienten, sagte Isabel De La Mata, Beraterin bei der Generaldirektion Gesundheit bei der EURACTIV-Konferenz. Allerdings würden die Mitgliedsstaaten keine Einmischung der Kommission wollen. Sie würden es als nationale Angelegenheit betrachten. Auf EU-Ebene würde sich die Kommission auf Gesundheitsfaktoren wie die Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs, die Förderung gesunder Ernährung und Sport konzentrieren, sagte sie.

Die EU-Gesetzgebung zur Tabakrestriktion sei „eine wahre Erfolgsgeschichte“ im Bereich Vorbeugung. „Die wichtigste Sache ist Vorbeugung. Sie ist das beste Heilmittel“, sagte De La Mata. Forderungen, wonach die EU mehr Verantwortung in dem Bereich übernehmen müsse, wies sie zurück.

Die sozialdemokratische, irische Europaabgeordnete Nessa Childers stimmte zu. Allerdings müssten viele verschiedene Sektoren miteinbezogen werden. „Es wird beispielsweise viel über Faktoren der Lebensweise gesprochen. Wir wissen alle, was sie tun müssen, zum Beispiel richtig essen und Sport machen. Letzteres ist ein Problem. Schauen wir uns nur die Arbeitsplätze an und wie sehr die Arbeitskultur in der EU gegen eine gesunde Lebensweise spricht. Wie viele Arbeitgeber sehen sich in der Verantwortung dafür, dass die Arbeiter genug Zeit für Bewegung haben?“

Kinder auf FH untersuchen

Die Vorbeugung sollte Professor Alberico Catapano zufolge auch die Untersuchung von Kindern umfassen. Viele Europäer sind von Familiärer Hypercholesterinämie betroffen. Hohe Cholesterinwerte sind kennzeichnend für diese genetische Störung. „Als bei mir hohe Cholesterinwerte diagnostiziert wurden, wurde mir gesagt, ich solle mein Essgewohnheiten umstellen, also aß ich jede Menge Karotten. Aber das zeigte keine Wirkung bis ich mit einer Behandlung begann. es ist sehr wichtig, hohe Cholesterinwerte von FH zu unterscheiden“, sagte Gunnar Karlsson, Vorsitzender von FH Schweden, einem Patientenverband.

Frühzeitige Untersuchungen sind auch Catapano zufolge entscheidend. Sie können dabei helfen, FH in einer ganzen Familie zu diagnostizieren. „Wenn man es bei einer Person feststellt, kann man FH in vielen Familien auch bei drei weiteren Personen feststellen. Das kann also eine sehr kosteneffiziente Medizin sein“, erklärte er. Allerdings gäbe unter den europäischen Ländern eine große Ungleichheit beim Wissen um FH. „Das Europaparlament sollte das berücksichtigen, weil es das Ziel ist, alle auf das gleiche Niveau zu bringen“, sagte Catapano. Der Präsident der Europäischen Atherosklerosegesellschaft fordert von der Kommission Unterstützung beim Aufbau eines EU-weiten Registers.  

Doch selbst Ärzte wissen Catapano zufolge wenig über die Krankheit. „Es muss einen einfachen Zugang dazu geben, wie wir FH erkennen und diagnostizieren. Es braucht nur eine Minute und drei Fragen und das ist alles. Wenn wir das schaffen, werden wir eine Hochrisikobevölkerungsgruppe identifizieren und uns um sie kümmern können.“

EU-weite Kampagnen

Nach Angaben von Jules Payne trug der verstärkte Fokus auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vereinigten Königreich zu einem 20-prozentigen Rückgang der Krankheitsrate in den letzten zehn Jahren bei. Die politischen Entscheidungsträger seien allerdings noch entschlossener bei der Bekämpfung der Fettleibigkeit, von Diabetes und dem Rauchen, sagte sie. Cholesterin werde im Vereinigten Königreich nicht dem Problem angemessen behandelt.

Hohe Cholesterinwerte und damit verbundene Krankheiten seien nicht nur eine Bürde für die britische Wirtschaft. Sie hätten auch gewaltige Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Verwandte. „Wenn sechs von zehn Erwachsenen im Vereinigten Königreich hohe Cholesterinwerte haben, ist das ein großes, großes Problem, das nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte“, so Payne. „Es hängt im Vereinigten Königreich immer noch von der Postleitzahl ab. Es ist sehr traurig, dass es immer noch so viele Menschen mit der Erkrankung gibt, die nicht ermittelt wurden“.

Weil es sich um eine genetische Erkrankung handele, könne sie nach der Feststellung behandelt werden und man könne ein langes und gesundes Leben führen. Auf lokaler Ebene könnten die Apotheken aufgrund ihrer Mittel und Instrumente für die Untersuchung der Menschen eine wichtigere Rolle spielen. Auf europäischer Ebene könnte Payne zufolge eine EU-weite Aufklärungskampagne eine Lösung sein. So könne man die nationalen Politik und die Bevölkerung erreichen.

„Die Mitgliedsstaaten werden das ablehnen“

De La Mata war, was den Start einer EU-weiten Initiative betrifft, vorsichtig. „Die Mitgliedsstaaten werden es ablehnen, wenn wir eine EU-weite Kampagne zur Aufklärung starten, weil sie länderspezifische Probleme und Marktunterschiede haben und was in einem Land funktioniert, wird in einem anderen nicht funktionieren“, sagte die Kommissionsvertreterin.

Es sei schwierig, herauszufinden, was die Mitgliedsstaaten zur Bekämpfung des schlechten Cholesterins machen würden, sagte Jeremiah Mwangi, Politikberater bei der World Heart Federation. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe einen Rahmen vorgegeben, dem die Mitgliedsstaaten zustimmten. Allerdings werde darüber nur selten berichtet.