Frankreichs Wohnraumkrise: Kritiker verurteilen Macrons gescheiterte Wohnbaupolitik
Während Frankreich auf die Haushaltsverhandlungen für 2024 zusteuert, warnen führende Wirtschafts- und Politikvertreter, dass die Wohnungskrise viel schlimmer ist als erwartet. Emmanuel Macron kann sein Versprechen über den Bau von neuen Wohngebäuden nicht halten.
Während Frankreich auf die Haushaltsverhandlungen für 2024 zusteuert, warnen führende Wirtschafts- und Politikvertreter, dass die Wohnungskrise viel schlimmer ist als erwartet. Präsident Macron habe weniger gebaut als versprochen.
Der für Ende September vorgesehene Haushaltsentwurf hat die Opposition bereits dazu veranlasst, neue Maßnahmen zu fordern, um Frankreichs Immobilien erschwinglicher zu machen und den Anteil der Sozialwohnungen zu erhöhen.
Laut der Fédération Française du Bâtiment, einem Interessenverband, ist der Bau von neuen Wohngebäuden im Januar 2023 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,3 Prozent zurückgegangen, während die Zahl der Baugenehmigungen um stolze 22 Prozent sank. Der Verband erwartet für 2023 einen Rückgang der Neubautätigkeit um insgesamt 9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
„Wir hätten das Problem in den Griff bekommen müssen, bevor es zu einer tiefgreifenden Krise wurde“, sagte Véronique Bédague, Geschäftsführerin des französischen Immobiliengesellschaft Nexity, am Donnerstag (7. September) in einem Interview mit Le Monde und fügte hinzu, dass sie mehrmals vergeblich versucht habe, die Regierung zu warnen.
„Es war die Prognose einer drohenden Katastrophe“, deren wirtschaftliche und soziale Folgen „schwerwiegend“ sein werden, bedauerte sie.
Seit Russlands Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 sind die Baukosten und Grundstückspreise weltweit gestiegen. Die weltweite Unterbrechung der Lieferketten nach der Coronapandemie konnte nie ganz sichergestellt werden, so dass der Erwerb von Baumaterialien sich verteuerte – ein perfektes Zusammenspiel von mehreren Einflussfaktoren, so der Ökonom Pierre Madec gegenüber Le Monde.
Investigate Europe, ein investigatives Medium, fand außerdem heraus, dass die Immobilienpreise seit 2015 europaweit um 40 Prozent stiegen, während die Löhne hingegen stagnieren.
Auf der Käuferseite steigen die Hypothekenzinsen im Einklang mit den Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB), nachdem sie fast 10 Jahre lang bei fast 0 Prozent gelegen hatten.
„Im vergangenen Jahr gab es eine starke Drosselung der Hypothekenzinsen, mit einem Rückgang der Darlehensangebote um 45 Prozent“, so Bédague.
„Es wird weniger Neubauten geben, das Angebot an Mietwohnungen wird sich verknappen und […] die sozial Schwachen werden auf die Straße geworfen“, warnte sie.
Sorgen um den Mietsektor
Auch der Mietsektor wird immer teurer und unerschwinglicher, mit großen Preisunterschieden in den verschiedenen Teilen des Landes.
Laut den letzbekannten Daten ist die Nachfrage zwischen dem vierten Quartal 2021 und den zweiten Quartal 2022 um 39,1 Prozent gesunken, so die Fédération des Promoteurs Immobiliers, ein Verband der Immobilienbranche.
Die Experten-Website Bien’ici stellte fest, dass das Wohnraumangebot in ganz Frankreich im zweiten Quartal 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 6 Prozent zurückgegangen ist, während die Mieten um 2 Prozent gestiegen sind.
In einigen Gegenden – insbesondere in Studentenstädten – sind die Zahlen noch dramatischer. Das Pariser Wohnraumangebot ist um 26 Prozent zurückgegangen, die Mieten um 10 Prozent auf 1.495 Euro gestiegen. In Rennes, einer berühmten Studentenstadt in der Bretagne, sank das Wohnraumangebot um 34 Prozent, während die Mieten um 6 Prozent stiegen.
Der „Angebotsschock“ im Immobiliensektor bleibt aus
Viele kritisieren, dass Emmanuel Macron sein 2017 gegebenes Versprechen eines „Angebotsschocks“ für den Wohnungsbau zur „Senkung der Preise“ nicht eingehalten hat. In einem Bericht des Institut Montaigne, einer unabhängigen Denkfabrik, wird für das Jahr 2021 ein allgemeiner Rückgang der Bautätigkeit ab 2018 prognostiziert, während eine Steuerreform von 2017 die Finanzmittel für den sozialen Wohnungsbau reduziert.
Ende August kündigte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire an, dass der diesjährige Haushalt eine Kürzung der Staatsausgaben um 5 Milliarden Euro vorsehen werde. In diesem Zusammenhang kündigte er bereits die Abschaffung einer bestehenden Steuervergünstigung an, die für den Erwerb von Wohneigentum gilt.
Eine Delegation französischer Abgeordneter, die am Dienstag (5. September) mit dem neu ernannten Minister für Staatsfinanzen, Thomas Cazenave, tagte, warnte außerdem vor dem Plan der Regierung, den Zugang zu zinsfreien Hypotheken, die den sozial Schwächsten zur Verfügung stehen, einzuschränken.
Auch die kommunalen Wohnungssteuern schnellten im landesweiten Durchschnitt um 7,1 Prozent in die Höhe und erreichten in einigen Teilen von Paris sogar 52 Prozent. Dies ist auf die Inflation und die Steuerreform,die weiteren Einnahmequellen der Kommunen einschränkte, zurückzuführen. Für diejenigen, die mehr erschwinglichen Wohnraum fordern, hat dies letztlich nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen.
„Die Situation im [Wohnungs-]Sektor ist für den Mittelstand dramatisch. Es gibt nicht genügend Sozialwohnungen, und die Energiepreise verschlimmern die Situation“, erklärte Eric Coquerel, ein Abgeordneter der linksgerichteten La France Insoumise und Vorsitzender des Finanzausschusses des Parlaments, Anfang dieser Woche gegenüber der Presse.
„Die Regierung nimmt die Warnsignale nicht wahr, die auf eine Verschärfung der Wohnungskrise hinweisen“, schrieb der Grünen-Abgeordnete Mounir Satouri auf X (ehemals Twitter).
[Bearbeitet von János Allenbach-Ammann/Nathalie Weatherald]