Krise vorüber, Probleme bleiben

Die meisten Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas haben die Talsohle der Rezession bereits Ende 2009 überwunden. Einige Frühindikatoren deuten auf einen milden Aufschwung hin. Ein Wachstum in allen Ländern der Region wird jedoch erst für 2011 erwartet, und die Arbeitslosigkeit steigt. Eine Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Die Container stapeln sich wieder (Foto: dpa)
Die Container stapeln sich wieder (Foto: dpa)

Die meisten Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas haben die Talsohle der Rezession bereits Ende 2009 überwunden. Einige Frühindikatoren deuten auf einen milden Aufschwung hin. Ein Wachstum in allen Ländern der Region wird jedoch erst für 2011 erwartet, und die Arbeitslosigkeit steigt. Eine Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Das Wachstum könnte sich im Jahr 2012 beschleunigen, wird allerdings generell langsamer sein als vor der Krise. Aufgrund des schwachen Konjunkturverlaufs wird die Arbeitslosigkeit weiter ansteigen. Von der Krise am stärksten betroffen sind die niedrig qualifizierten Arbeitskräfte. Die Wirtschaftspolitik sollte sich auf antizyklische Maßnahmen, die Anpassung der realen Wechselkurse, Änderungen der Finanzmarktregulierung sowie auf eine Reihe angebotsseitiger Politikbereiche konzentrieren. Dies sind die wichtigsten Aussagen der jüngsten mittelfristigen Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) für die Region.

Rezession war tiefer als erwartet

Nach einer langen Konvergenzperiode machten die Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas 2009 eine schwere Krise durch. Der im Durchschnitt der neuen EU-Mitgliedsstaaten (NMS) relativ niedrige BIP-Rückgang (-3,6%) spiegelt das Gewicht Polens in der Gruppe wider – als einzigem EU Land mit einem positiven Wirtschaftswachstum während des Jahres 2009. Albanien und Kasachstan verzeichneten ebenfalls ein positives Wachstum.

In den meisten anderen Ländern wurde der Aufholprozess unterbrochen, insbesondere das Baltikum wurde um einige Jahre zurückgeworfen – noch mehr als Russland oder die Ukraine. Die unmittelbare Reaktion auf die Krise war ein Abbau der Lagerbestände. Begleiterscheinung war eine deutliche Verbesserung der Handelsbilanzen, da der Rückgang der Importe wesentlich stärker ausfiel als jener der Exporte.

All dies führte – zusammen mit den niedrigeren Gewinnen ausländischer Firmen, die in der Region tätig sind – zu einer spürbaren Reduktion der Leistungsbilanzdefizite.

Leichte Erholung in Sicht

Die meisten Länder der Region haben bereits Ende 2009 die Talsohle der Krise überschritten. Einige Frühindikatoren deuten auf einen milden Aufschwung hin. Polen wird aufgrund seines Gewichts heuer nochmals den Durchschnitt des BIP-Wachstums der NMS Gruppe erhöhen.

Die Expansion der Tschechischen Republik, der Slowakei und Sloweniens wird hingegen nur zögerlich ausfallen. Ungarn, Rumänien und Bulgarien werden 2010 stagnieren; das BIP in den Baltischen Staaten wird nochmals schrumpfen und zwar noch etwas stärker als in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.

Russland, die Ukraine und Kasachstan werden hingegen etwas schneller wachsen. Alle Länder der Region werden erst 2011 auf einen Wachstumspfad zurückkehren. Das Wachstum wird sich möglicherweise 2012 geringfügig beschleunigen, insgesamt jedoch unter dem Tempo vor der Krise bleiben.

Die wichtigste Voraussetzung für einen Umschwung ist eine deutliche Erholung des Welthandels sowie die Steigerung der Nachfrage nach Importen aus der Region. Ein Anstieg des privaten Konsums wird nicht sehr ausgeprägt sein, solange nicht auch die Beschäftigung zunimmt. Investitionen werden ebenfalls keinen starken Wachstumsimpuls

liefern. Bei einer insgesamt schwachen Konjunkturerholung wird die Arbeitslosigkeit weiter steigen – und wahrscheinlich erst heuer ihren Höhepunkt erreichen – bevor sie langsam auf das Niveau vor der Krise zurückfällt. Die von der Arbeitslosigkeit am stärksten betroffene Gruppe sind die niedrig qualifizierten Arbeitskräfte.

Die chinesische Wirtschaft dürfte 2010 mit einer Rate von rund 9,5% expandieren, unter der Voraussetzung, dass die chinesische Regierung ihre Maßnahmen zur Konjunkturstützung auch dieses Jahr beibehält und sich die Exportnachfrage erholt. Für 2011 erwartet das wiiw ein BIP-Wachstum von 9,8%, und schon 2012 könnte die Wachstumsrate wieder im zweistelligen Bereich liegen, wie vor der Krise.

Einige Prognoserisiken

Es gibt etliche Risiken, die zu einer Korrektur unsere Prognose nach unten führen könnten: Die Kreditfinanzierung der Unternehmen könnte sich nur langsam normalisieren.

Das Auslaufen konjunkturstützender Maßnahmen und die Notwendigkeit der Budgetkonsolidierung in der EU könnten den Wirtschaftsaufschwung verzögern und abschwächen. Eine mögliche Wiederbelebung von grenzüberschreitenden Kapitalbewegungen könnte erneut einen Aufwertungsdruck erzeugen – mit allen bekannten negativen Begleiterscheinungen.

Verbunden mit den gegenwärtigen Problemen in Griechenland ist ein Aufschieben der Erweiterung der Eurozone als wichtiges zusätzliches Risiko anzusehen. Dies würde die Pläne jener Länder durchkreuzen, die ihre mittelfristige Strategie auf einen möglichst baldigen Beitritt ausgerichtet haben.

Neuausrichtung des Wachstumsmodells?

Bis zu der jüngsten Krise profitierten die Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas für längere Zeit von einem „Aufholprozess“, der sich auf zwei Säulen stützte: (I) einen hohen Grad an Liberalisierung von Handel, Kapital und finanzieller Integration; (II) die Mitgliedschaft in der EU bzw. die Aussicht auf diese oder auf eine enge Assoziation mit der EU.

Diese beiden Faktoren werden auch nach der Krise noch vorhanden sein. Die Funktionsweise dieses „Integrationsmodells des Wachstums“ wird sich aber in einigen wesentlichen Punkten ändern. Neue externe Rahmenbedingungen (z.B. niedrigeres Wachstum der Exportmärkte, höhere Risikoeinschätzung der Region, schwierigerer Beitritt zur Währungsunion) sowie neue interne Anpassungsmuster (z.B. erschwerter Zugang zu Kreditfinanzierungen, steigende Sparquoten der Haushalte, Einschränkungen bei öffentlichen Ausgaben) werden die künftige Entwicklung der Region beeinflussen.

Aus dieser „Neuausrichtung des Wachstumsmodells“ ergeben sich neue Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik: die Notwendigkeit einer antizyklischen Politik, eine Anpassung der realen Wechselkurse, ein Anstoß für die kurz- und mittelfristige Kreditfinanzierung, Änderungen bei der Regulierung der Finanzmärkte, und dabei auch die Festlegung einer gemeinsamen Verantwortung von Regulierungsbehörden im Kontext integrierter Finanzmärkte.

Die EU sollte dabei eine wichtige Rolle spielen und die Länder dabei unterstützen, sich an die neue Lage anzupassen und so bald als möglich wieder auf einen nachhaltigen Aufholpfad zurückzukehren.

Der Text basiert auf der neuen Ausgabe des Berichts „wiiw Current Analyses and Forecasts“ Nr. 5, den das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) soeben veröffentlicht und EURACTIV.de zur Verfügung gestellt hat. Der Bericht enthält einen Überblick über die aktuelle Wirtschaftslage in den Ländern Zentral-, Ost- und Südosteuropas mit:

· je einem Überblicksartikel über Entwicklung in den neuen EU Mitgliedsstaaten und den zukünftigen Mitgliedstaaten (Westbalkan und Türkei)

· 21 kurzen Länderberichten sowie Berichten über Kasachstan, Russland, Ukraine und China

· einer Prognose der mittelfristigen wirtschaftlichen Entwicklung 2010-2012

· der Diskussion eines „neuen Wachstumsmodells“ für die Region nach der Krise

· einem Anhang mit den wichtigsten Kennzahlen zur Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder.