Ostdeutschland in der Corona-Krise: Wenn Schwächen zu Stärken werden

Die ostdeutschen, "neuen" Bundesländer sind wirtschaftlich schwächer aufgestellt als ihre westlichen Pendants. Es fehlt an Industriekernen. Doch diese Tatsache hat sich während der Corona-Pandemie als Vorteil herausgestellt.

Euractiv.de
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Marco Wanderwitz (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer: "Ziel muss sein, dass sich die Wirtschaft in den neuen Bundesländern eine große Scheibe abschneidet". [ABIR SULTAN/EPA]

Die ostdeutschen, „neuen“ Bundesländer sind wirtschaftlich schwächer aufgestellt als ihre westlichen Pendants. Es fehlt an großen Industriekernen internationaler Konzerne. Doch diese Tatsache hat sich während der Corona-Pandemie als Vorteil herausgestellt. Beim ersten ostdeutschen Wachstumstag suchten ExpertInnen nach den richtigen Strategien für den Aufschwung nach der Krise.

Der erste ostdeutsche Wachstumstag hätte eigentlich als Großveranstaltung stattfinden sollen, wo sich die Spitzen der Politik und Wirtschaft die Hände schütteln und diskutieren, was ostdeutsche Firmen für ihren Erfolg brauchen. Stattdessen trafen sich am heutigen Dienstag (8. September) ExpertInnen in intimer Runde vor einer Livestream-Kamera.

Doch die Coronavirus-Pandemie änderte nicht nur das Format, sondern auch den Inhalt. Im Zentrum stand nun die Frage: Ist die Krise in den östlichen Regionen stärker eingeschlagen als im Westen? Und wenn ja, wie können dortige Unternehmen trotzdem wachsen?

Neue Bundesländer: Weniger betroffen dank kleinerer Firmen

In der Tat offenbarte die Corona-Krise die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West. Dabei sei der Osten aber nicht immer schlechter davongekommen, wie man es dem Klischee nach glauben könnte, sagte Marco Wanderwitz (CDU), Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Während am Beginn der Krise noch unklar war, ob der Osten mehr oder weniger betroffen sein wird, kristallisiere sich nun heraus, dass momentan „die These der geringeren Betroffenheit richtig ist“, so Wanderwitz.

Denn eine traditionelle Schwäche der neuen Bundesländer wurde zur Stärke: Im Gegensatz zum Westen gibt es hier weniger große Industriezentren mit Exportfokus. Genau diese wurden in der Pandemie zum Problem, weil Lieferketten unterbrochen wurden und ausländische Absatzmärkte wegbrachen. „Dort hat die Krise am meisten eingeschlagen“, so Wanderwitz.

Allerdings führte diese relative wirtschaftliche Schwäche auch zu besonderen Herausforderungen. Ostdeutsche Unternehmen haben eine dünnere Eigenkapitaldecke, so Wanderwitz. Das habe es oft schwierig gemacht, während der Krise die Liquidität zu sichern. Die Hausbanken der Betriebe waren oftmals nicht gewillt, das Geld zur Verfügung zu stellen. Laut Wanderwitz sei das ein „Dauerproblem“ ostdeutscher Unternehmen, das durch die Pandemie noch verstärkt wurde.

Zurück an die Uni

Die Lösung liegt in gezielten staatlichen Förderungen, sagt Jürgen Ude (parteilos), Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung von Sachsen-Anhalt. Klein- und Mittelständische Unternehmen müssten in der Krise noch stärker unterstützt werden, da sie fast 90 Prozent der ostdeutschen Firmen ausmachen.

Besonders müsse ihre Innovationskraft stimuliert werden: in Sachsen-Anhalt etwa werden kleine Unternehmen mit Hochschulen zusammengebracht, um Forschung und Entwicklung voranzutreiben. Schließlich hofft Ude, dass sich in Zukunft doch noch große Unternehmen in den neuen Bundesländern ansiedeln; Sachsen-Anhalt betreibe aktive Ansiedlungspolitik.

Ein Standortvorteil seien etwa die günstigen Mieten.

„Wir leben von europäischen Strukturmitteln“

Auch die Zusammenarbeit mit der EU sei essenziell. „Gerade die ostdeutschen Länder leben natürlich von den europäischen Strukturmitteln, die wir unbedingt brauchen“, so Ude. Diese Gelder seien besonders wichtig für die Umsetzung der Innovationsstrategie.

Mit Blick auf die Zukunft sieht Ude zwei zentrale Herausforderungen für sein Bundesland Sachsen-Anhalt abseits der Corona-Krise: Strukturwandel in der Braunkohle und in der Automobilindustrie.

Wanderwitz fügte dem noch die Digitalisierung hinzu – und ist optimistisch: Bei solchen innovativen Technologien „muss das Ziel sein, dass sich die Wirtschaft in den neuen Ländern davon eine große Scheibe abschneiden kann“. Man sei dort „etwas hungriger“ und es stehe auch „Fläche zur Verfügung, die man braucht, ohne dass sofort drei Bürgerinitiativen dagegen sind“, vor Ort zu bauen.