Politische Klimaambitionen beeinflussen CO2-Preis
Der wegweisende CO2-Preis der EU wird maßgeblich davon beeinflusst, ob die Industrie die Klimazusagen der Politiker für glaubwürdig hält, so eine neue Modellberechnung von Forschern. Vertreter der Industrie äußerten jedoch Zweifel daran.
Der wegweisende CO2-Preis der EU wird maßgeblich davon beeinflusst, ob die Industrie die Klimazusagen der Politiker für glaubwürdig hält, so eine neue Modellberechnung von Forschern. Vertreter der Industrie äußerten jedoch Zweifel daran.
Ende 2023 brach der CO2-Preis der EU, der die Emissionen der Industrie und des Energiesektors abdeckt, zur Verwunderung von Beobachtern zusammen. Eine Vertrauenskrise im Hinblick auf das Engagement der Politiker für den Klimaschutz könnte zum Teil dafür verantwortlich sein, so neue Forschungsergebnisse.
Vor diesem Einbruch hatte der CO2-Preis in der EU in den 2020er Jahren einen anhaltenden Aufschwung erlebt. Umgekehrt kann dies darauf zurückgeführt werden, dass die Unternehmen damals die Klimabekenntnisse der Politiker ernst genommen haben, so eine wissenschaftliche Arbeit, der in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde.
Als die Politiker mit dem EU-Emissionshandel Ernst machten, begannen die Unternehmen, ihr Zertifikatsmanagement vorausschauender zu organisieren. Damit wurde der Weg zur Klimaneutralität in der Industrie und im Energiesektor klarer, so die Forscher.
Robert Pietzcker, ein Energiesystemforscher, der die Studie mitverfasst hat, erläuterte dies anhand der Lehren aus der Eurokrise. Damals gelobte der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, alles zu tun, was nötig sei, um die gemeinsame Währung der EU zu retten.
Seine Aussage wurde damals von den Marktteilnehmern als glaubwürdig angesehen. Dies reichte aus, um die Situation zu stabilisieren.
Im Jahr 2021, als der träge CO2-Preis in der EU anstieg, betonte der damals für den Green Deal zuständige Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans: „Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, sollte der Preis meiner Meinung nach viel höher sein, als er es selbst bei 50 Euro ist.“
Die Märkte hätten „wahrscheinlich als wichtige Information eingepreist“, dass die Politiker nicht in den CO2-Markt „eingreifen“ würden, um die Preise auf das Niveau von vor 2020 zu senken, erklärte der Forscher den Teilnehmern eines Online-Briefings am 25. Juni.
Infolgedessen stiegen die CO2-Preise in der EU weiter an, bevor sie im Februar 2023 einen Höchststand von 100 Euro pro Tonne CO2 erreichten. Im Anschluss daran fielen die Preise langsam wieder.
„Wenn das Vertrauen in die Klimaziele der EU schwindet, könnten die CO2-Preise fallen“, erklärte Joanna Sitarz, Wissenschaftlerin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die an der Studie beteiligt war.
Mit Hilfe des LIMES-EU-Modells habe das Forschungsteam gezeigt, „dass der Einfluss der politischen Glaubwürdigkeit auf den Preis signifikant ist“, so Pietzcker weiter.
„Entscheidungsträger sollten Glaubwürdigkeit als eine zentrale Variable behandeln“, sagte er.
Industrie nicht komplett überzeugt
Joachim Hein, der beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für Fragen der CO2-Bepreisung zuständig ist, vertrat die Ansicht, dass die Preise des Emissionshandels „nicht viel mit der Glaubwürdigkeit der Politik zu tun haben.“
Stattdessen meinte er, dass die Unternehmen auf neue Gesetze und die damit einhergehende Unsicherheit, wie den CO2-Grenzzoll (CBAM), reagierten, indem sie sich mit Emissionszertifikaten eindeckten, was die Preise in die Höhe trieb.
Ähnliche Zweifel warf Christian Müller, der beim Chemieriesen Evonik für Fragen des Emissionshandels zuständig ist, auf. Einen engen Zusammenhang zwischen den Aussagen der Politiker und den CO2-Preisen zweifelte er an: „Sicher, man weiß, dass es ein [Klimaneutralitäts-]Ziel gibt, aber wie wird sich das am Ende im [Emissionshandel] widerspiegeln?“
Gleichzeitig bekräftigte er aber auch eine Kernaussage der CO2-Forscher. „Wir handeln auch bei der Beschaffung von Zertifikaten sehr weitsichtig.“
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]