Warum die Nachfrage nach grünem Wasserstoff Afrikas Energieversorgung gefährdet

Europas Pläne für grünen Wasserstoff haben einen Wettlauf unter afrikanischen Ländern ausgelöst. Alle wollen Lieferanten werden, was die Energieverosrgung der Bevölkerung gefährdet, berichtet EURACTIVs Medienpartner, Climate Home News.

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Die EU sieht Wasserstoff, der mit erneuerbaren Energien hergestellt wird - bekannt als "grüner Wasserstoff" - als kosteneffiziente Möglichkeit, Emissionen zu reduzieren, insbesondere in Branchen, die schwer zu dekarbonisieren sind, wie die Luftfahrt und der schwere Landverkehr. [<a href="https://audiovisual.ec.europa.eu/en/photo-details/P-059362~2F00-55" target="_blank" rel="noopener">European Union, 2022 Copyright</a>]

Europas Pläne für grünen Wasserstoff haben einen Wettlauf unter afrikanischen Ländern ausgelöst. Alle wollen Lieferanten werden, was die Energieversorgung der Bevölkerung gefährdet, berichtet EURACTIVs Medienpartner, Climate Home News.

Die EU sieht Wasserstoff, der mit erneuerbaren Energien hergestellt wird – bekannt als „grüner Wasserstoff“ – als kosteneffiziente Möglichkeit, Emissionen zu reduzieren. Das gilt besonders für Branchen, die schwer zu dekarbonisieren sind, wie die Luftfahrt und der schwere Landverkehr.

Während die europäische Herstellung noch in den Kinderschuhen steckt, ruhen die Hoffnungen, die kurzfristigen Ziele zu erreichen, weitgehend auf der Produktion in Übersee. Ärmere Länder, vor allem in Nord- und Subsahara-Afrika, wären von den Möglichkeiten des Sektors für Investitionen und neue Arbeitsplätze angezogen, so Analysten gegenüber Climate Home News.

Experten warnten jedoch, dass deren Enthusiasmus erhebliche Risiken birgt.

Die in die EU-Verordnungen eingebauten Anreize bedeuten, dass die massive Ausweitung der Exporte von grünem Wasserstoff den Großteil der erneuerbaren Elektrizität in den Entwicklungsländern auf Kosten der lokalen Bevölkerung in Anspruch nehmen könnte.

Dies wäre ein Problem für Länder wie Namibia – einer der wichtigsten Wasserstoffpartner der EU – wo nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität hat.

Für Godrje Rustomjee, Analyst bei der African Climate Foundation, müssen die Länder den richtigen Kompromiss zwischen dem heimischen Bedarf und dem Exportpotenzial finden.

Andernfalls, so Rustomjee, bestehe die Gefahr, dass grüner Wasserstoff zu einem „weiteren neokolonialen Projekt“ werde.

„Es besteht die reale Möglichkeit, dass das Ausland mit Direktinvestitionen einsteigt, aber alle Vorteile und der Mehrwert am Ende extrahiert und nach Europa geschickt werden.“

Marta Lovisolo, Wasserstoffanalystin bei der Umwelt-NGO Bellona, sagt, das Risiko, dass Entwicklungsländer Ressourcen in die Produktion für den Export umleiten, sei „extrem hoch.“

„Grüner Wasserstoff ist etwas, das Europa dringend braucht und das die Entwicklungsländer potenziell in großen Mengen für einen lukrativen Markt produzieren könnten“, sagt sie. „Wie bei den fossilen Brennstoffen scheinen die Länder bereit zu sein, alles darauf zu setzen, Exporteure zu werden, ohne die notwendigen Garantien zu erhalten.“

Auf Wasserstoff setzen

Grüner Wasserstoff ist inzwischen zu einem Eckpfeiler der europäischen Dekarbonisierungspläne geworden.

Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 jährlich 10 Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff im eigenen Land zu produzieren und die gleiche Menge zu importieren. Dabei handelt es sich um eine große Herausforderung, wenn man bedenkt, dass die weltweite Produktionskapazität für grünen Wasserstoff im letzten Jahr 109 Kilotonnen betrug – ein Bruchteil dessen, was die EU erreichen will.

Derzeit wird der meiste Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen hergestellt. Etwa drei Viertel werden aus Methangas und ein Viertel aus Kohle gewonnen. Die Herstellung von grünem Wasserstoff ist teurer und macht weniger als 1 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion aus.

Um ihr Ziel zu erreichen, investiert die EU Milliarden von Euro in diesen Sektor. Neben Investitionen in den Aufbau inländischer Kapazitäten werden auch Mittel für Partnerschaften mit künftigen Exportländern bereitgestellt.

Die EU hat Abkommen mit einer Reihe von Ländern unterzeichnet, darunter Ägypten, Kasachstan, Marokko und Namibia. Die Partnerschaften werden dabei oft als eine Win-Win-Situation bezeichnet.

Zusätzlichkeit-Aufschubregeln

Die Kommission hat kürzlich auch die Regeln für erneuerbaren Wasserstoff festgelegt. Neben verschiedenen anderen Bestimmungen enthält sie ein Kriterium für die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien, die sogenannte „Zusätzlichkeit.“

Künftig müssen Wasserstoffproduzenten sicherstellen, dass nur neue Stromerzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Energien für die Produktion von grünem Wasserstoff verwendet werden.

Jedes neue Windrad darf somit für die Produktion von Wasserstoff genutzt werden.

Damit soll sichergestellt werden, dass die Wasserstoffproduktion nicht bestehende erneuerbare Energien aus dem Netz nimmt und damit möglicherweise die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen an anderer Stelle erhöht.

Die Zusätzlichkeit kann entweder durch den direkten Anschluss eines Solar- oder Windparks an eine Wasserstoffproduktionsanlage oder durch Kaufverträge mit sauberen Stromerzeugern erreicht werden.

Die europäischen Abgeordneten haben jedoch eine Einführungsklausel vorgesehen, um die Industrie zu beschleunigen, in der Hoffnung, die Ziele für 2030 erreichen zu können. Jede Anlage für grünen Wasserstoff, die vor 2028 mit der Produktion beginnt, wird in den folgenden zehn Jahren bis 2038 von den Zusätzlichkeitsregeln ausgenommen.

Das bedeutet, dass die Projekte, die vor diesem Datum entwickelt werden, die bereits installierte Kapazität nutzen können, indem sie beispielsweise saubere Energie direkt aus dem Netz beziehen.

Laut Analysten hätten die Regeln einen Wettlauf zwischen den Exportnationen ausgelöst, um die Frist bis 2028 einzuhalten. Namibia zum Beispiel hofft, 2026 mit dem Export von grünem Wasserstoff beginnen zu können, obwohl dies Analysten zufolge sehr schwer zu erreichen sein wird.

„Kannibalisierungs“-Risiko

Maria Pastukhova, eine Expertin von der Klima-Denkfabrik E3G, sagt, dass die Regeln es Wasserstoffprojekten erlauben würden, die bestehende lokale Infrastruktur für Exportzwecke zu „kannibalisieren.“

„In vielen Ländern, vor allem in Afrika, wird diese Energie zu Hause benötigt, wo die Netze dekarbonisiert werden müssen oder die Bürger keinen Zugang zu Strom haben“, fügte sie hinzu.

Im Jahr 2022 hatten nur 56 Prozent der Namibier Zugang zu Strom. Das Land importiert 60 bis 70 Prozent seines Strombedarfs, der größtenteils aus fossilen Brennstoffen stammt.

Das Land im südlichen Afrika ist auf dem besten Weg, Afrikas erstes Zentrum für den Export von grünem Wasserstoff zu werden, sieht sich aber mit einer hohen Arbeitslosigkeit und einer der ungleichsten Volkswirtschaften der Welt konfrontiert, so die Weltbank.

Namibien will wirtschaftliche Chancen nutzen

Namibias Präsident Hage Geingob sieht in grünem Wasserstoff einen „Wachstumsmotor“, der das Land zu einer industrialisierten Wirtschaft machen und eine große Anzahl von Arbeitsplätzen schaffen wird.

„Dank unserer nationalen Bemühungen um grünen Wasserstoff ist Namibia gut positioniert, um ein wichtiger Lieferant von sauberer und grüner Energie für die Welt zu werden“, sagte er auf der Weltklimakonferenz 2022.

Im Jahr 2021 begann die namibische Regierung, den europäischen Staats- und Regierungschefs ihr Angebot zu unterbreiten und sie mit dem Versprechen zu locken, jährlich bis zu drei Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff zu liefern.

Deutschland war das erste Land, das auf die Aufforderungen reagierte und schnell eine Partnerschaft mit seiner ehemaligen Kolonie einging.

Ein deutsches privates Joint Venture arbeitet nun mit der namibischen Regierung zusammen, um ein 9,4 Milliarden Dollar schweres Projekt für grünen Wasserstoff zu entwickeln. Die riesige Infrastruktur wird voraussichtlich 4.000 Quadratkilometer Land (etwa das Vierfache der Stadt Berlin) im Tsau Khaeb Nationalpark beanspruchen.

Das Ziel ist es, bis Ende 2026 mit der Wasserstoffproduktion zu beginnen.

Geld für Wasserstoff

Dem Beispiel Berlins folgend, hat die Europäische Kommission eine Absichtserklärung mit Namibia über erneuerbaren Wasserstoff unterzeichnet, was sie auch in mindestens drei anderen Entwicklungsländern getan hat

Die Vereinbarung zielt darauf ab, „die Produktion und den Export von erneuerbarem Wasserstoff“ zu erleichtern und gleichzeitig Namibia die Möglichkeit zu bieten, „seine eigenen Ziele in Bezug zur Energiesicherheit und Dekarbonisierung zu erreichen.“

Gleichzeitig hat die Europäische Investitionsbank (EIB) zugesagt, Namibia ein Darlehen von bis zu 500 Millionen Euro zur Finanzierung von Investitionen in erneuerbaren Wasserstoff und erneuerbare Energien zu gewähren. EIB-Präsident Werner Hoyer sagte: „Die Entwicklung einer grünen Wasserstoffwirtschaft wird Namibia und Europa näher zusammenbringen – als Partner.“

Eine ähnliche Absichtserklärung wurde am Rande der COP27 zwischen der Europäischen Union und Ägypten unterzeichnet. Ziel der Partnerschaft ist es, „einen Beitrag zu den künftigen Plänen der EU für den Import von erneuerbarem Wasserstoff zu leisten“ und gleichzeitig „den Übergang und die Dekarbonisierung des ägyptischen Energiesektors zu beschleunigen.“

Das Abkommen enthält noch keine verbindlichen Verpflichtungen, aber es soll Investitionen in die Infrastruktur und einen leichteren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten fördern.

Bei der Bekanntgabe des Abkommens sagte Kommissions-Vizepräsident Timmermans, Ägypten sei „ideal positioniert“, um grünen Wasserstoff nach Europa zu transportieren. Er fügte hinzu, dass Ägypten mit einem „unbegrenzten Potenzial für Solar- und Windenergie“ gesegnet ist, welches über den lokalen Strombedarf hinausgeht und daher auch für grünen Wasserstoff genutzt werden kann.

Trotz dieses Potenzials wird der Energiesektor des Landes immer noch stark von fossilen Brennstoffen dominiert, nur etwa 6 Prozent der Versorgung stammen aus erneuerbaren Energien.

Marta Lovisolo von Bellona sagt, die Abkommen seien „voller schöner Worte, haben aber keinerlei rechtliche Absicherung“, um zu verhindern, dass europäische Interessen Vorrang haben.

Sie fügt hinzu, dass die Entwicklungsländer besonders angezogen sind, da die Europäische Union signalisiert hat, dass sie die hohen Prämien, die für grünen Wasserstoff benötigt werden, subventionieren würde.

Mehr Geld in Aussicht

Brüssel arbeitet an einem Subventionierungsprogramm, um die Preise für Wasserstoff für Käufer zu senken. Grüne Prämien würden die Kostenlücke zwischen erneuerbarem Wasserstoff, der in Übersee hergestellt wird, und den fossilen Brennstoffen, die er ersetzen würde, ausgleichen.

Es wird erwartet, dass der Geldtopf groß sein wird. Die grünen Prämien zur Erreichung der 2030-Ziele für Wasserstoff könnten sich auf insgesamt 115 Milliarden Euro belaufen.

Für Godrje Rustomjee von der African Climate Foundation sind die finanziellen Anreize für die Entwicklungsländer einfach zu gut, um sie zu ignorieren.

„Einerseits könnten sie erneuerbare Energien nur für den heimischen Verbrauch nutzen, was aber mit extremen Kosten verbunden wäre“, sagt er, „andererseits haben diese Exportgeschäfte das Potenzial, die Wirtschaft eines Landes zu verdoppeln.“

Der Schlüssel liegt seiner Meinung nach darin, den richtigen Kompromiss zu finden und in den Verträgen mit den reichen Importländern Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.

Seiner Meinung nach sollten diese Schutzmaßnahmen die lokale Stromversorgung und Anreize wie die Lokalisierung der Produktion im Land umfassen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Climate Home News und wird hier mit freundlicher Genehmigung reproduziert.