Wiederverwendbare-Verpackungen: Industrie fürchtet Mehraufwand

Hersteller von Verpackungen aus Karton sagen, dass der gesamte Einzelhandel auf Kunststoffkisten und -boxen umsteigen muss, weil die EU ein hartes Vorgehen gegen Verpackungsabfälle plant, welches Wiederverwendungsziele für Verpackungen in Transport und Logistik vorschreibt.

Euractiv.com
Plastic crates
Die Europäische Kommission hat im November ihre Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) vorgelegt, mit der unnötige Verpackungen reduziert und die Wiederverwendung sowie das Recycling gefördert werden sollen. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/red-plastics-box-stacked-on-pallets-1617696745" target="_blank" rel="noopener">[General photographer / Shutterstock]</a>]

Hersteller von befürchten, dass der gesamte Einzelhandel auf Kunststoffkisten und -boxen umsteigen muss. Das sei das Ziel der EU, die mit ihrem harten Vorgehen gegen Verpackungsabfälle zu streng sei. 

Die Europäische Kommission hat im November ihre Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) vorgelegt. Damit sollen unnötige Verpackungen reduziert und die Wiederverwendung sowie das Recycling gefördert werden.

Doch während sich die meiste politische Aufmerksamkeit auf die Produktverpackungen in den Supermarktregalen konzentriert, befasst sich die neue EU-Gesetzgebung auch mit Großverpackungen. Diese werden in der Logistik verwendet, um Waren während des Transports, der Lagerung und des Umschlags vor Schäden zu schützen.

Dem Vorschlag der Kommission zufolge müssen bis 2030 10 Prozent aller innerhalb der EU versendeten Waren in wiederverwendbaren Verpackungen transportiert werden. Bis 2040 steigen die Ziele allerdings auf 50 Prozent für E-Commerce, 30 Prozent für den Transport und 25 Prozent für die Lagerung an.

Für die Hersteller von Kartonagen wird dies unweigerlich einen Anstieg der Kunststoffkisten und -boxen bedeuten, die die derzeit in der Logistik übliche Einweg-Wellpappe ersetzen sollen.

In der Industrie stößt das auf nicht allzu viel Begeisterung.

„Der PPWR-Vorschlag der Kommission sagt nicht explizit, dass Kunststoffverpackungen besser sind, aber indem sie Wiederverwendungsziele vorschlägt, fördert sie de facto Verpackungen auf fossiler Basis“, sagt Eleni Despotou, Generaldirektorin des Europäischen Verbands der Wellpappenhersteller (FEFCO).

„Der gesamte Einzelhandelssektor wird davon betroffen sein“, sagte sie gegenüber EURACTIV.

Allein für den E-Commerce-Sektor bedeute dies, dass bis 2030 700 Millionen neue Kunststoffboxen auf den Markt gebracht werden müssten, um Verpackungen aus Wellpappe zu ersetzen, so Despotou in Bezug auf das 10-Prozent-Ziel für wiederverwendbare Verpackungen im Transport.

Geht man davon aus, dass das Ziel für die Wiederverwendung im elektronischen Handel bis 2040 erreicht wird, bedeutet dies, dass „allein im Jahr 2040 3,5 Milliarden neue Kunststoffboxen auf den Markt gebracht werden müssen“, fügte sie hinzu.

Die Kunststoffindustrie bestreitet nicht, dass eine verstärkte Wiederverwendung von Verpackungen eine Chance für den Sektor sein könnte. In einer Erklärung heißt es, dass sie den von der Kommission vorgeschlagenen Zielen gegenüber „aufgeschlossen“ sei.

„Beim Transport gibt es für viele Palettenkisten bereits wiederverwendbare Modelle“, sagte David Carroll, Direktor für externe Angelegenheiten beim Handelsverband Plastics Europe.

„Das ist nicht etwas völlig Neues. Es gibt Unternehmen, die sich bereits intensiv mit der Wiederverwendung beschäftigen. Und es geht darum, dieses Modell zu erweitern“, sagte er gegenüber EURACTIV.

Bis 2050 könnte etwa ein Drittel der Kunststoffverpackungen wiederverwendet werden oder alternativen neuen Liefermodellen anstelle des heutigen Einwegmodells folgen, sagte Carroll in Bezug auf eine unabhängige Studie, die letztes Jahr für die Industrie durchgeführt wurde.

„Diese neuen Wiederverwendungsmodelle könnten zum Beispiel in Bereichen wie Lebensmittel- und Getränkeverpackungen, Transportverpackungen im B2B-Sektor und im E-Commerce angewandt werden“, so Carroll.

Gleichzeitig weist er auf mögliche unbeabsichtigte Folgen für die Logistikkette hin. So müssten beispielsweise Online-Händler die leeren Kartons mit jeder einzelnen Lieferung zurückschicken, was die Transportemissionen wahrscheinlich erhöhen würde.

„Das 10-Prozent-Ziel ist im Wesentlichen ein Test oder ein Pilotprojekt, und ich denke, dass die meisten Akteure in der Lieferkette zusammenarbeiten sollten, um es anzunehmen. Aber für das 50-Prozent-Ziel gibt es derzeit keine Daten, die es untermauern“, so Carroll.

„Wir wissen also wirklich noch nicht, ob das 50-Prozent-Ziel positiv für die Umwelt wäre oder nicht“, sagte er gegenüber EURACTIV.

Einzelhändler zurückhaltend

Die europäischen Einzelhändler bleiben unterdessen zurückhaltend und sagen, sie seien noch dabei, die Auswirkungen des am 30. November vorgelegten Verpackungsgesetzes der Kommission zu analysieren.

„Wir wissen noch nicht, ob wiederverwendbare Verpackungen überall durchführbar sein werden“, sagte Els Bedert. Sie ist Direktorin für Nachhaltigkeit bei EuroCommerce, einer Organisation, die den europäischen Einzel- und Großhandelssektor vertritt.

Zu den Mitgliedern von EuroCommerce gehören Lebensmittel- und Großhändler wie Aldi, Carrefour und Tesco, aber auch Online-Händler wie Amazon, der Modekonzern H&M und Haushaltsmarken wie Ikea.

„Wir sprechen hier über verbrauchernahe Unternehmen – Lebensmittel, Einzelhandel und so weiter. – daher müssen die Auswirkungen noch weiter erforscht werden“, so Bedert gegenüber EURACTIV.

Dennoch sind sich die Einzelhändler bewusst, dass die Auswirkungen der Wiederverwendungsziele auf die Logistik weitreichend sein könnten.

„Wenn es mehr Wiederverwendung gibt, wird sich das darauf auswirken, wie unsere Produkte verpackt werden. Und vielleicht auch, wie sie verkauft werden“, sagte Bedert und fügte hinzu, dass die Entscheidung von Fall zu Fall getroffen werden müsse. „Wir können nicht sagen, dass die Wiederverwendung für alle Sektoren funktionieren wird, das muss weiter geprüft werden.“

Trotz aller Vorbehalte steht EuroCommerce neuen Lösungen für den Sektor offen gegenüber und erklärt, dass sich der Einzelhandel an die sich verändernden Verbrauchergewohnheiten anpassen muss, einschließlich eines größeren Umweltbewusstseins.

„Wir befinden uns in einer mittleren Position: Wir wissen, dass sich die Geschäftsmodelle ändern, unser Sektor befindet sich im Wandel, und wir akzeptieren das“, so Bedert. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Produkte verkaufen, keine Verpackungen.“

Auswirkungen auf das Geschäft noch nicht vollständig erforscht

Was die Wiederverwendungsziele für Verpackungen angeht, so wurden die Auswirkungen auf die Logistikkette in der Kosten-Nutzen-Analyse, die die Europäische Kommission zusammen mit ihrem Verpackungsgesetz vorgelegt hat, nicht ausreichend untersucht.

„In der Lieferkette ist das nicht so einfach zu erreichen, wie es scheint: Die Verpackungen müssen alle verschiedenen Stufen der logistischen Lieferkette durchlaufen – vom Verpackungshersteller zum Geschäftskunden, dann zum Einzelhändler und dann zum Endverbraucher, mit möglicherweise zusätzlichen Schritten dazwischen für die Lagerung in verschiedenen Lagern“, so Despotou von FEFCO gegenüber EURACTIV.

Und je nach Art der Waren könnten später noch weitere Logistikschritte für die Kommissionierung und Lieferung, den Transport und die Handhabung hinzukommen, fügt sie hinzu. „Dies bedeutet viele logistische Schritte, viel Handhabung, was sich auf die Verpackung selbst auswirkt“, betont sie.

Die Umstellung von Wellpappkartons auf Kunststoffboxen wird auch das Gesamtgewicht der Verpackungen erhöhen und andere Schwierigkeiten mit sich bringen, da es unwahrscheinlich ist, dass eine standardisierte, wiederverwendbare Kunststoffkiste eine maßgeschneiderte Wellpappkiste ersetzen kann, argumentiert FEFCO. Als Folge davon wird zusätzlicher Platz für die Lagerung benötigt.

All dies „wird mit Sicherheit den leeren Raum innerhalb der Kisten vergrößern und die Anzahl der Sendungen für die gleiche Menge an Produkten erhöhen“, so Despotou.

Letztendlich bedeutet dies „mehr Lastwagen, mehr Verkehr und damit verbundene Emissionen“, warnte sie. „Daran denkt niemand, wenn es um die Wiederverwendung geht. Und die Folgenabschätzung der Kommission berücksichtigt dies nicht, es wird irgendwie aus der Bewertung herausgelassen“, sagte sie gegenüber EURACTIV.

Bei Plastics Europe stimmt David Carroll zu, dass nicht alle Aspekte der Wiederverwendung in der Kosten-Nutzen-Analyse der Kommission untersucht wurden.

Zum Beispiel legt der Vorschlag keine klaren geografischen Grenzen fest, die für die Wiederverwendungsziele bei B2B-Verpackungen gelten würden.

„Man könnte ihn so lesen, dass innerhalb eines großen Unternehmens alle Verpackungen leer in die ganze Welt verschickt werden müssen, um wiederverwendet zu werden. Und genau hier sollte unserer Meinung nach ein etwas pragmatischerer Ansatz gewählt werden, der die Transportemissionen, die Rückwärtslogistik und die Sammlung gebrauchter Paletten mit einem Pfandsystem berücksichtigt“, sagt er.

In der Zwischenzeit bleiben andere grundlegende Fragen offen, zum Beispiel, wie oft die Verpackungen wiederverwendet werden, wie hoch der CO2-Fußabdruck ist, der mit dem Waschen und Zurücksenden der leeren Kisten sowie der umgekehrten Logistik verbunden ist, so Carroll.

Außerdem seien auch wiederverwendbare Kunststoffkisten nicht für die Ewigkeit bestimmt – irgendwann würden auch sie sich abnutzen und in den Abfallstrom gelangen, merkte er an. Er fügte hinzu, dass die Folgenabschätzung der Kommission „die Vorteile in all diesen Bereichen nicht deutlich genug aufzeigt.“

Trotz all dieser Vorbehalte ist Plastics Europe der Meinung, dass der Vorschlag der Kommission ein „interessanter Ausgangspunkt für Diskussionen“ ist.

„Wir sehen keineswegs ein Nein zur Wiederverwendung. Denn die Wiederverwendung ist ein wichtiger Bestandteil der zukünftigen Geschäftsmodelle der Kunststoffindustrie und des Weges zu mehr Nachhaltigkeit“, so Carroll.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]