Auf die Welt-Friedensmacht Europa kann keiner mehr warten

Standpunkt von Hermann Bohle zur Berggruen-TagungDer Publizist Hermann Bohle (Genf), der sein Leben lang über EU und Nato geschrieben hat, meldet sich mit einem leidenschaftlichen Zwischenruf zur gestrigen Berliner Berggruen-Konferenz.

Die EU-Nord lässt ihre südlichen Partnerländer mit den illegalen Einwanderern im Stich. Foto: dpa
Die EU-Nord lässt ihre südlichen Partnerländer mit den illegalen Einwanderern im Stich. Foto: dpa

Standpunkt von Hermann Bohle zur Berggruen-TagungDer Publizist Hermann Bohle (Genf), der sein Leben lang über EU und Nato geschrieben hat, meldet sich mit einem leidenschaftlichen Zwischenruf zur gestrigen Berliner Berggruen-Konferenz.

Der Autor

Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.

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Martin Schulz (SPD), der Präsident des Europäischen Parlaments, sagte es glasklar – geradezu von Leidenschaft getrieben, am gestrigen Dienstag beim Top-Europa-Treffen des Nicolas-Berggruen-Instituts: "Eine Macht in der Welt" muss die EU sein, zusammenrücken für Klimaschutz, Handelsinteressen, Menschenrechte und die Bändigung der Finanzmärkte: "Das schafft kein Nationalstaat mehr allein, auch Deutschland nicht!"

Jedes dieser Ziele trägt den dicken roten Stempel des unumstößlichen Friedenswillens. Denn keines davon lässt sich durch Krieg erreichen. Bisher gilt der mit der EU unwiderrufliche Friede auf diesem Kontinent als nicht nur wichtigste Errungenschaft des europäischen Zusammenschlusses; sogar erstmalig in der Menschengeschichte ist dieser Erfolg des EU-Systems. "Es genügt nicht, Kriege zu verbieten – man muss sie unmöglich machen!"

So sah es Walter Hallstein. Der (deutsche) Gründungspräsident (1958-67) und eigentliche Architekt der Brüsseler Europäischen Kommission formulierte vor fast 40 Jahren bereits die Aufgabe der freien Europäer für eine Zukunft, die anno 2012 direkt vor uns liegt.

Wer fragt da noch, wozu Europas Einheit denn noch nütze sei? Hallstein: Erst wenn Europas Außen- und Weltpolitik dem Globus die "Grundwerte" der heutigen EU anbietet und deren Nutzen für alle beweist, tragen wir Europäer in die Welt, was die EU zusammenhält – "Friede, Einheit, Gleichheit, Freiheit, Solidarität, Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit – Europa mit dem individuellen Profil in der Familie der Staaten!" (W. Hallstein, "Die Europäische Gemeinschaft", Econ 1973).

Kriegserfahrungen der Elterngeneration

Martin Schulz merkte in der Berggruen-Tagung aber auch noch an: "Die Zukunft Europas kann man nicht mit den Kriegserfahrungen meiner Eltern beschreiben." In der Tat würde das Europas vom Frieden verwöhnten Generationen von heute nicht ganz genügen – jedenfalls solange sie nicht anfangen nachzudenken. Doch die hitzige die Debatte über fraglos hohe Kosten, wie sie zur Stärkung des Friedenswerks der Euro-Währungsunion entstehen, lässt die EU-Friedensdividende außer Acht: das Leid, dem Europas Menschen nun nie mehr ausgeliefert werden, weil die EU europäische Kriege abgeschafft hat – zwischen ihren 27 Mitgliedsvölkern und voraussichtlich bis über den Ural hinaus nach Wladiwostok.

Da lohnt denn doch der Rückblick. Er empfiehlt sich allen, die nie im giftgasschwangeren Schützengraben des Ersten Weltkriegs erblindeten oder 1944 in der Normandie unter alliiertem Trommelfreuer im deutschen Panzer wahnsinnig wurden. Nicht zu reden von den Bombennächten in Rotterdam, Coventry, Hamburg, Warschau oder Dresden. Wer krämert da noch ums Geld,  das die Rettung des Euro aus den Strudeln der  Existenzkrise des globalkapitalistischen Finanzsystems verschlingt? Ohne dass ein Schuss fällt? Auch neben den finanziellen Gesamtkosten zweier Weltkriege sind die verbrannten Krisen-Billionen seit 2008 Peanuts.

Der EU-Skandal mit den Flüchtlingen im Süden

Obendrein geht es bei der Euro-Rettung längst um unserer aller Sicherheit: Der EU-Süden – Griechenland, Italien, Zypern, Malta, Spanien, Portugal – darf nicht im Chaos versinken. Er bildet unseren "Cordon sanitaire", die Südflanke, die Sicherheitszone gegenüber dem Nachbarn Afrika, in dessen Norden und Mitte politische – soziale! – Unrast grassiert. Jede Zukunftsprognose ist dort inzwischen unmöglich. Wer da noch vom "Rausschmiss" der Griechen redet, ist verantwortungs- und schimmerlos.

Ein Skandal ist es, dass die Nord-EU ihren Süden mit den Flüchtlingsmillionen bisher allein lässt – weitestgehend und seit 1990 schon: Allein Italien mit mehr als zwei Millionen illegalen Migranten.